Herzland

#Leben Der Rest ist Schweigen, sagt Seamus Heaney. „Whatever you say, say nothing.“
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Letícia Debinhúa-Kimura wägt das Schweigen in der Topografie des Belfaster „Herzlandes“. Im verschwiegenen Hass vernimmt sie Echos der Vergangenheit. Die Stadt der Troubles wurde in der Post-Konflikt-Ära neoliberal abgestempelt. Letícia spricht von einem „neuen neoliberalen Revanchismus“, in dem die Friedensdividende an die alten Usurpatoren ausgeschüttet wird.

Guten Tag, mein Name ist Brain (nicht Brian) Annabelle Texas Thundergod*. Ich bin Therapeutin. Gerade unterhalte ich mich mit Letícia über geteilte Städte und Länder. Auf Zypern bringen manche ihr Wasser mit, um auf der anderen Seite keinen Cent zu lassen. Die Insel ist seit 1974 geteilt, seit 2003 gibt es Übergänge vom griechischen ins türkische Lager. Das Misstrauen geht mit, erklärt Letícia. Das ist wahr, aber nicht die ganze Geschichte. Tomaten, Spargel und Tabak aus den besetzten Gebieten, Fisch aus Pyla (einer Gemeinde der historischen Koexistenz), auf dem Larnaka Flughafen gelandete Touristen, prekäre Migranten auf der Mogadischu-Nairobi-Istanbul-Ercan-Green-Line-Route passieren die Grenze ohne den zypriotischen Widerwillen. So vieles hintertreibt die Segregation. Die architektonische Textur kombiniert hellenische, türkische, gotische, venezianische und sarazenische, also lateinische und islamische Elemente. Es gibt einen armenischen Einfluß.

Letícia zitiert eine griechische Zypriotin mit den Worten: „Wir werden das Wasser der Türken nicht trinken.“ Türkische Musik im Radio kommt auf der griechischen Seite als Krach an.

Nikosia - Lefkosía - Lefkosa - Für orthodoxe Pilger ist der Ausflug in die muslimische Zone eine Zeitreise. Alles erscheint ihnen wie eingefroren. Griechische und türkische Zyprioten haben sich mehr angetan als protestantische und katholische Iren. Hier wie da dient der Religionsgegensatz einer Erklärungsvereinfachung. Der Nordirlandkonflikt (Troubles) wird von manchen Autoren als ethnische Auseinandersetzung beschrieben. Die Konfliktlinien verlaufen durch die Geschichte zwischen der ursprünglichen Bevölkerung und den von der englischen Krone angelockten, wenn nicht zwangsangesiedelten protestantisch-privilegiert Dazugekommenen. Die Engländer, Schotten und Waliser erschienen in Irland als Usurpatoren. Sie dominierten die Eingesessenen wirtschaftlich, und wurden mit der Kolonialmacht identifiziert. Sie bildeten die Oberschicht. Sie waren Briten, Bürger des Empire, Angehörige einer Weltmacht.

Die eingesessenen Katholiken waren Kolonisierte, ohnmächtig bis auf den Strunk. Dieser Zumutung wurde erst im Jahrhundert der Dekolonisation ein in der Welt widerhallender Widerstand entgegengebracht. Der Rest ist Schweigen, sagt Seamus Heaney.

„Whatever you say, say nothing.“

Ich bin jetzt die Allwissende

Letícia trainiert heimlich, um nicht offen mit ihrer Gattin Majesty Fontainebleau Kimura (ja, ich rede von der BJJ-Koryphäe MFK) konkurrieren zu müssen. In ihrem Leben ist schon jede Menge versandet, wenn nicht richtig schief gegangen, aber die Brasilianerin hält sich passabel im Mahlstrom eines Weilers in der Gegend von Taorminally im US-Bundesstaat Kentucky. Einvernehmlich fremdgängerisch irrlichten Majesty und Letícia über den Parcours eines verschrammten Suburbia-Mittelstandes. Eines Tages trifft Letícia die stellvertretende Bürgermeisterin von Taorminally in der einzige Bar vor Ort. Auch wenn das politisch nicht korrekt ist, sage ich doch, wie die Leute das Ding nennen - Mummy's Daily Break. Der Volksmund spielt mit der phonetischen Nähe von Mummy (Mumie) und Mommy (Mama). Die Mama-Mumien grüßen sich beim alkoholfrei gespritzten Eistee.

Alkohol ist out. Es wird nicht geraucht. Aber es gibt immer noch den alten Swinger*drive, die Milf-Mom-Monomanie. Izidoro Meletis-Zeleia Apostolides ist mit einem Mann verheiratet, und sogar mit einem dieser Babyboomer, die früher ihre Familien in Vorstadthöllen schmoren ließen, während sie selbst in New York oder Chicago on the wild side steil gingen. Das macht heute keiner mehr. Ein alkoholfreies Bier vor dem kalten Grill in Gesellschaft alleingelassener Ehemänner, deren Frauen es in Mummy's Dealy Break krachen lassen, gilt als Feierabendhöhepunkt.

Izidoro Meletis-Zeleias Gatte wirkt stets ein bisschen zu bedrückt und zu bemüht. Er hat aus der Beflissenheit eine Nummer gemacht.

Gleich mehr.

15:43 19.02.2021
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