Hessenmeister

Texas verweigert dem Handkäs die letzte Ölung
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Ricarda Huch

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Bildnachweis: Wikipedia

Mit Hauke auf dem Hauptfriedhof - Wäre nicht das von zahllosen Motoren als Geräuschsumme erzeugte Rauschen in der Luft gewesen, wir hätten uns an einer der verkehrsreichsten Frankfurter Ecken im Wald fühlen können.

Ich erzählte meinen Tag, beschrieb die Drehort-Männer und -Frauen so genau, bis ich keine Psychologie mehr zur Verfügung hatte. Das war eine Leidenschaft.

„Alle sehen sich im Wettbewerb. Die letzten Pfeifen halten sich für effektiv“, sagte ich. „Doch Bringer konkurrieren überhaupt nicht.“

„Das glaube ich nicht“, widersprach Hauke. „Der Punkt ist, dass es für vieles ganz früh zu spät ist. Bestraft wird die Verspätung und vergütet wird Rechtzeitigkeit. Rechtzeitig gewusst zu haben, was man will und nicht erst mit vierzehn oder fünfzehn.“

So redete Hauke über sich. Sie gehörte zu jenen, die sich „ausprobieren“ mussten auf dem weiten Feld zwischen Gitarre, Extremurlaub und Therapie. Sie hatte zwei Jahre Yoga gemacht und so was. Das rächte sich nun.

Auf dem Friedhof lagen bedeutende Leute genauso tot in der Erde wie andere. Wir besuchten das Grab von Ricarda Huch, uns zuvor gekommen war Peter Härtling. Er klappte auf einem Stuhl vom Segeltuch. Die Arme stützten den Rumpf strebengeometrisch, die Hände hingen raumfordernd vor dem Leib in der Luft. Der schwäbische Liebling aller Buchhändlerinnen zog eine Versenkungsdemo ab. - Eine Kontemplationsschau.

Eine Frau in der Aufmachung privat musizierender Lehrerinnen, so eine von Selbstzucht verbogene Schwärmerin, schlich sich an.

Ja, wir nahmen uns an die Hände in diesem Neunundneunziger Sommer. Der Sommer stand bullig in der Tür zum Herbst, es gab kein Durchkommen für den kleinen Dicken. So beschrieb Hauke den Herbst.

Sie spielte gern und lockte mich auf ihre Spuren.

Aus Monumenten sprach ein fantastischer Bürgerstolz.

„Lass uns zum Günthersburgpark fliegen“, schlug Hauke vor.

Ein toller Vorschlag! Wir überflogen die Friedberger Landstraße und landeten in dem 1891 von der Stadt Frankfurt erworbenen Park der Günthers. Die Günthers waren vortreffliche Hessen. Das Geschlecht der Günthers fand in den Nibelungen Erwähnung. Darin erinnerte die Nibelungenschänke. Im Günthersburgpark traf der deutsche Anwalt, die schrille Tochter an der Hand, seinen spanischen Gemüsehändler (+ 4 Pers.). Wir trafen Wilhelm Genazino, den alten Mannheimer, und folgten ihm in seine Wohnung an der Rohrbachstraße.

Ein Blechkäfer schmückte die Berührungslinie versetzt gestellter Beistelltische.

Die Wohnung war dunkel und wirkte wie ein Schrankflur, den keiner mag.

Hauke und Genazino redeten über Heimatgefühle. Heimatgefühle entstünden, wenn man sich freuen könne, in einem Geschäft, wo man gestern schon freundlich begrüßt wurde, heute noch erkannt zu werden.

Die Geschäfte und ihre jungen Inhaber wechselten rasch, während die Verbraucher im Nordend vergilbten. (Damals war das so.) Genazino erzählte von einem Laden in seiner Nähe, in dem von der chemischen Reinigung bis zum Gemüseladen schon alles drin gewesen sei.

*

Ich mach jetzt mal nen Sprung in den Ostpark. Ich könnte Hauke bei Genazino lassen, sie könnte auch um die Ecke Alissa Walser oder Ulrike Kolb besuchen. Schriftstellerinnen hatten wir im Nordend wie Sand am Strand im Schuh. Nein, Hauke kommt mit. Wir schossen uns in den Ostpark. Er wurde 1906 entworfen und bis 1911 mit großen Wiesen, einem Teich und Schulgarten gestaltet. Bodo Kirchhoff kreuzte unsere Bahn. Er zog einen zum Mantel passenden Koffer hinter sich her. Kirchhoff hatte seine Deutschstunde in meinem Leben gehabt, als er noch nicht der große Romancier auf den Klippen des Trivialen gewesen war, sondern ein Autor für Liebhaber von Egomanenprosa mit Bahnhofsviertel-Hautgout.

Kirchhoff litt unter einer unglücklichen Liebe zum eigenen Bart. Ich empfand ihn als Virtuosen. Vielleicht verwechselte er den Park mit einem Flughafen.

Ein Bettler sprach ihn an. Das war keiner von der Haste-ma-ne-Mark-Fraktion. Er agierte im Trenchcoat. Ihm fehlte Kleingeld für eine Fahrt nach Bad Homburg. Unter der Verkleidung als abgebrannter Verkehrsteilnehmer platzte die soziale Haut.

Kirchhoff ignorierte das Begehren, umging den Wegelagerer, ganz der Metropole, der jeden Abend, bevor er zu Bett geht, noch einmal aus den Fenstern nach den Pennern schaut. Nach ein paar Metern schlug ihn das Gewissen. Er wandte sich um und eilte auf den Bettler zu, der Kirchhoff abgeschrieben hatte und vor der unerwarteten Annäherung zurückwich – die Kläglichkeit in Abwehrhaltung. Kirchhoff manövrierte mit Koffer und Geldbeutel. Er schaffte es, ein Almosen loszuwerden. Der Beschenkte wollte etwas sagen, aber Kirchhoff wollte nichts hören. Er machte das klar mit einer Geste. Die Geste sagte: Keine Lügen. Erzähl mir bitte keine Lügen.

Diese Ästhetenangst vor der armseligen Fantasie beschränkter Schwindler, die im allgemeinen Kreislauf des Gebens und Nehmens einfach nur mitmischen wollen, ohne Erwägungen und Raffinesse.

Ich sprach von Barbara, meiner Situationspartnerin beim Komparsendreh. (Siehe KiK LXXXII) Vielleicht hätte ich mich weniger in Barbara vertieft, wäre sie nicht so schlank und verfressen gewesen. Es war nicht alles schlecht an ihr.

„Wen die berufliche Realität zu schmerzhaften Einsichten zwingt, neigt dazu, Erfolg und Zufall für ein Paar zu halten“, spreizte ich mich.

Hauke schlug mir auf die Schulter, da war großes Einvernehmen.

Morgen mehr.


07:25 19.08.2015
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