Hessenmeister XVI

Ugly Casting auf dem Berger Marktplatz
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Jedes Jahr wurde der neue Stadtschreiber im Festzelt auf dem Berger Marktplatz der Bevölkerung übergeben.

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Bildnachweis: frankfurt.de

Wulf Kirsten wurde neuer Stadtschreiber, er übernahm von Arnold Stadler, Heiner Geißler kam als Laudator zu spät. Das brachte den Vorteil, in ein erwartungsvolles Zelt stürmen zu können. Vorredner Hans-Bernhard Nordhoff (Kulturdezernent) wurde von der Heftigkeit der Verspätung wie von einer Böe erfasst und vom Podium geweht. Nur, was hatte er bis dahin dort gemacht?

Kinder langweilten sich auf den Gängen zwischen den Tischen. Wer feste trat, kriegte auf den Bohlen ein bisschen Krach hin. An den Tischen wurde gegähnt. Das gehörte zum guten Ton. Geißler flog ins Allgemeine aus, nach der Devise: Kirsten oder Kirschen, das ist mir doch egal. Ich erzähl jetzt mal was, was ich schon immer erzählt habe.

Das Stadtschreiberfest war ein Vorgang zwischen gesellschaftlichem Ereignis und Volksbelustigung. Für die Journalisten standen Bembel bereit, wir saßen kaum separiert von den Politikern. Die Schriftsteller saßen weiter weg.

Gesichter zerliefen in der Hitze.

Hauke machte sich an meiner Stelle Notizen, sie nahm das Fest nicht ernst. Worte, die sie nicht sagen wollte, schrieb sie auf. Unsere Liebe war in Gefahr, anstatt Geißler im Wortlaut festzuhalten, strich sie von Wörtern einen Buchstaben nach dem nächsten. Sie verursachte den Tod der Wörter, ihre Silbenleichen begrub sie unter Strichen.

Kirsten entdeckte die Welt als Ort neben einem sächsischen Misthaufen.

„Bäuerliches Handwerk soweit ich sehen konnte.“

Kirsten stammte aus der Meißner Gegend, Klipphausen hieß sein Kaff.

„Auf wortwurzeln fasse ich fuß.“

Kirsten war ein Nachspürer idiomatischer Abweichungen vom hochsprachlichen Geschlechtsverkehr. Er rettete Wörter, im Vergangenheitsschlick verrottende Bezeichnungen, aufgeschnappt von „Kutschern und Hofweibern“.

Oberbürgermeisterin Petra Roth, genannt die OB, rutschte an Hauke vorbei. Sie faltete ihre Hände dezent auf einem Journalistenschenkel.

„Ihr Artikel über Arno Lustiger war wieder erste Sahne.“

Lustiger hatte die Goethe-Plakette erhalten. Er war Fünfundvierzig als Displaced Person nach Frankfurt gekommen. Bis Achtundvierzig existierte er im Zeilsheimer DP-Lager. Die KZ-Häftlingsnummer auf seinem Arm gab er den Töchtern gegenüber jahrzehntelang als Telefonnummer aus.

Die OB hatte ein Problem. Die Planung eines Durchreiseplatzes für Sinti und Roma an der Schielestraße stieß auf den Widerstand ansässiger Geschäftsleute. Roth saßen die Grünen im Nacken, die den Platz gegen den Willen der Gewerbetreibenden durchsetzen wollten. Ich versprach, mir die Sache anzugucken. Die Schielestraße lag am Osthafen, das war mein Gebiet.

Ich verstand Kirstens Arbeit als Rekultivierung einer erodierenden Landschaft. Kirsten selbst sprach von „Kahlschlaggesellschaften“, in denen „Landschaftsabräumer“ unterwegs waren.

„meine quellen/vergiftet. alles versunken!“

„ohne konzilianz kehr ich/ mit dem borstigen birkenbesen/ das vorväterschundgerümpel/ in den brackigsten krötentümpel.“

Jimmy Driftwood schrieb das Lied "The Battle Of New Orleans".

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/en/thumb/3/3d/Jimmy_Driftwood.jpg/220px-Jimmy_Driftwood.jpg

Bildnachweis: Wikipedia

Mara erzählte von Konflikten zwischen weißen Gewinnern und im Dreck schachenden Mexikanern, die so gut wie nichts wollten und noch weniger kriegten.

„Texas“, forderte Mara, „schau dir das an.“

Ich ritt nach Amerika im ewigen Sommer Neunundneunzig. Unterwegs enttäuschte ich einen verliebten Delphin. In einem kalifornischen Vorort für Millionen geriet ich in einen urbanen Morast aus Dings, latein- und afroamerikanischer Elends-Fiesta und Umweltverschmutzung.

Illegale Einwanderer gruben in den Entsorgungseinrichtungen der Schnellrestaurants nach Fleischabfällen, in konkreter Konkurrenz mit Ratten. Man erkannte mich auf der Straße, wer es sich leisten konnte, hatte eine Privatstraße und verließ den eigenen Golfplatz nur für einen Fernsehauftritt.

Ich traf Schwarzenegger in einem Humidor für Schwerreiche. Da hatte ich bald mit Zaimoglu eine Lesung, ein paar Kennedys kamen extra von der Ostküste herüber. Zaimoglu las:

kommt die mir mit dem stubensentiment, dachte ich bei mir diese puppe was geht hier nicht? Für ne puppe is gelenkigkeit gefühlshöchstes und so ner puppe posenpopperei is partyknutschen mit nem passablen. die erste erfahrung die sone puppe macht: dass man gefühl knüllen kann.

Einmal mehr beeindruckte mich das psychologische Einfühlungsvermögen dieses Goethes unserer Tage. Schwarzenegger bemerkte zutreffend:

„In Zaimoglus Kunst steckt die ganze Frankfurter Schule und so viel menschliches Verständnis.“

jeden kann man mit miezmiez locken jeder kann anner mittelbewegten straßenecke plötzlich auf vulgär machen von wegen leben is n kummergeber und ich frickel mal aus der rolle.

Eric Prince kam herüber, der Teppich war dem Grasland von El Paso nachempfunden, Prince hatte das Nachrichtenmagazin „Blackwater“ gegründet. Er fragte, ob ich verfügbar sei. Der Welt gingen die Minutemen aus, wir sangen ein Lied, das ich von Johnny Cash kannte:

In eighteen-fourteen we took a little trip
Along with Colonel Jackson down the mighty Mississipp'
We took a little bacon and we took a little beans
Fought the bloody British in the town of New Orleans

We fired our guns and the British kept a comin'
Wadn't night as many as there was a while ago
We fired once more and they began to runnin'
Down the Mississippi to the Gulf of Mexico

Well we looked down the river and we seen the British come
And there must've been a hubdred of 'em beatin' on the drum
Stepped so high and they began to sing
We stood beside the cotton bails and didn't say a thing.

New Orleans 1815 - Wir waren zufällig in der Stadt und halfen, wo wir konnten.

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Morgen mehr.

10:42 05.09.2015
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