Hessenmeister

Ugly Casting und der Blues der Migration
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Sie nannten ihn GG wie Grundgesetz - Marktmeister Günter Gerster sah aus wie Gregory Peck als Kapitän Ahab. Auch bei GG hätte ein aufmüpfiger Moby Dick nichts zu lachen gehabt. Andererseits muss man fairerweise sagen: Ein Moby Dick, der weiß, wie man zum Apfelwein geht und sich entsprechend benimmt, wäre von Günter Gersters Marktmaiden einwandfrei bedient worden. Wal-Boykott bloß wegen eines Wal-Boykotts, das hätte es bei GG nicht gegeben.

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Bildnachweis: derwesten.de

Murat materialisierte sich im kultischen Kern des Marktgeschehens. Im glühenden Neunundneunzigerewigkeitssommer fand der Wochenmarkt auf der Konstablerwache täglich nach Mitternacht statt. Die große Illumination erfolgte in der Regie von Leni R. mit Flakscheinwerfern aus Wehrmachtsbeständen. Steinalte Flakhelfer, die seit vierundfünfzig Jahren auf Entwarnung warteten, dienten der Regisseurin als Leucht-Stab.

Aslan, Löwe, nannte ihn sein Vater, Kaplan, Tiger, riefen ihn Freunde. Murat war eine Persönlichkeit. In der Gesellschaft Gleichaltriger hatte seine Stimme Gewicht.

Murat sah und begriff jede gegnerische Aktion im Ansatz. In ihm war kein Zaudern, die Grenzen seiner Beharrlichkeit kannte kein Mensch. Zaimoglu und ich hatten mit Murats Hilfe ein Programm entwickelt – die Murat-Methode. Ich erkläre sie euch die Tage. Jetzt müssen wir schnell weiter im Text, unsere jungen Leute brannten darauf, von Murat erkannt zu werden. Aus den pyramidalen Schächten zu den Katakomben der Konstablerwache flutschten Kanakas und Kanakster (und ihre Epigonen) auf den Marktplatz, Murats Magnetismus bündelte sie und zog sie an wie Eisenspäne. Wir hatten ihm einen Schalter einbauen lassen, so dass uns seine Anziehungskraft nicht bei jeder Gelegenheit lästig wurde. Vielleicht hatte Edith oder Heike aus Versehen den Schalter umgelegt, beide Frauen waren körperkontaktsüchtig. Körperkontaktsucht war damals kurz vor Seuche.

Murat gab dem Volk, was es brauchte: den Handschlag und die Scheingefechte.

„Ich habe mich nie irgendwelchen Illusionen hingegeben“, sagte er, um zu hören:

„Du weißt, wie es ist, mit zugerichteter Visage und kaum noch Sehvermögen durchzuhalten.“

So klang ein Blues der Migration. Ich schaltete Murat aus. Wie in einem Sturmgeschäft fuhr die Kernkraft des Markts ihre Reaktoren herunter, das Festival verflüchtigte sich. Nun stand Marktmeister Günter Gerster (GG) wieder im Zentrum nächtlicher Ereignisse. Mit dem Bembel schritt er von Tisch zu Tisch und murmelte die geheimen Strophen vom Schoppengebet.

Wie alle, die in harten Zeiten das Nordend gegen die Wolfsburger, Schleimbeutler und Lindenwurm-Hermeneutiker verteidigt hatten, trug er stolz seine Kette mit Ohren. Auch in dieser Vornamenwelt kannte man natürlich nicht jeden beim Namen, so dass man zu Charakterisierungen genötigt wurde. Der mit Zopf und Kappe. Das war ein Drucker vom alten Schlag, mit Berufsstolz, und dem weitgespannten Wissens des bewussten Zeitgenossen. Der Cowboy. Er redete gern amerikanisch, erschien auch amerikanisch, stammte aber bieder aus Oberursel. Seine Lucky Strike ohne Filter schickte ihm ein amerikanischer Freund. Cowboy zeigte gern, was er in seinen Tüten hatte. Guten Bekannten schenkte er hausgemachtes Pesto und Schmalz. Er stand zu Kutteln und Schweinebäckchen. Die Vorlieben teilte er mit dem Franzosen, der ab und zu von der reinen Apfelweinlehre abfiel und zu einem Traubenweinstand desertierte.

Einer war vermutlich Lehrer, vielleicht gab er nur Kurse. Er hielt die deutsche Sprache hoch und verfluchte Aufweichungen. Sein Unbehagen an der Frankfurter Internationalität offenbarten kleine Klagen.

Immer gab es den Perser, der die Deutschen bejubelte. Immer den Mann auf der Flucht vor seinen Gläubigern. Immer den Mann im Alimente-Rückstand, der ungefragt Besserung gelobte.

Immer gab es falsche Fröhlichkeit und echten Neid. Es gab soziale Wucherungen, die Bildung von Randgewächsen. Verfallserscheinungen.

GG bearbeitete in Unter-Ostern siebzehn Hektar land- und forstwirtschaftliche Nutzflächen. Sein Vater war noch ein wahrer Waldbauer gewesen. GG schlachtete und kelterte auf seinem Hof. Arbeitsfrei kannte GG nicht, er war trotzdem lässig. Er war ein bisschen vertrackt und um die Ecke. Mitteilen musste er sich nicht. Er konnte sogar seinen Humor für sich behalten.

Er vergab Privilegien und definierte Treueverhältnisse, die wie Eide begriffen wurden. Man versicherte GG, nicht bei der Konkurrenz zu kaufen, vielmehr in überstürzter Hast am Angebot der anderen vorbeigewutscht zu sein, mit nur einem heißen Wunsch, zum kultischen Kern zu gelangen und sich da GG zu unterwerfen.

Was anderes gab es nicht.

GG besaß 5600 Apfelbäume. Er erntete Birnen, Sauerkirschen, Walnüsse und Zwetschgen. Auf drei Hektar stand Getreide und Mais, auf acht Hektar wuchs Gras. GG hielt dreißig Rindviecher und zwischen siebzig und achtzig Schweine.

Das wusste jeder, der sein Nachtgebet an einem der siebenhundert Tische verrichtete, die von GG aufgestellt worden waren.

GG trug diesen Huttererbart, den von Gregory Peck als Kapitän Ahab. Er trat mit dem heiligen Bembel zu unserem Tisch, Edith maunzte ihn an. GG war viel zu gläubig für ein Abenteuer. Er flirtete noch nicht mal oder vielleicht doch so sehr im Verborgenen, dass es keine bemerkte. So war das wohl. GG nahm die Frankfurter Anerkennung und Zuneigung mit heim in den Odenwald und briet sich darauf ein Ei.

Morgen mehr.

10:01 09.09.2015
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