Hessenmeister XXXII

Ugly Casting mit Don Corleone und Brillensalamander
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Ich will nicht, dass ihr glaubt, Zaimoglu sei die Indolenz in Person gewesen. Er war von Don Corleone zum Tee gebeten worden und über Nacht geblieben. Der Don kramte nach letzten Einzelheiten des Empfindens.

Er lebte in einem verschatteten Zwischenreich.

Der Don

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Bildnachweis: gtaturk.com

Wir folgten dem Apenninen-Kamm nach Norden auf einer Wolfsroute. Luigi Boitani erklärte, wie man reine Wölfe von Mischlingen und den vielen verwilderten Haushunden unterschied. Damals schätzte man die Zahl italienischer Vaganten auf zweihunderttausend. Die Hälfte war zu den Modalitäten echter Wildhunde zurückgekehrt; sie verhielt sich, als hätte es Domestikation für sie nie gegeben. Absolute Menschenscheu war in manche Verbände zurückgekehrt. Boitani behauptete, dem afrikanischen Wildhund sei der Sprung über das Mittelmeer gelungen. Hauke, die selbst viel vom Hund hatte, so wie Mara kätzisch und ich kauzig war, bezweifelte die Anwesenheit des afrikanischen Wildhundes auf dem europäischen Kontinent.

„Ich wüsste es, wäre er da“, sagte sie so schwelgerisch, als träumte ihr Blut von der Ankunft des afrikanischen Wildhundes. Hauke beschnüffelte Dinge und sagte dann erst, was sie von der Sache hielt.

Die Streuner richteten größere Schäden an als alle Wölfe, aber die Hirten und Bauern brauchten für ihren Aberglauben blutige Wolfslefzen. Die Regierung entschädigte sie für jedes gerissene Schaf.

Wölfe paarten sich nur selten mit Hunden, doch geschah dies immer wieder zum Nachteil der Wölfe.

Man konnte Italien durchqueren, ohne je einen grünen Korridor verlassen zu müssen. Ich war Spezialist für solche Extravaganzen und ihre Möglichkeiten; geformt, vielleicht sogar deformiert von einer paramilitärischen Erziehung. Mein erster Mentor, ein Lehrer, der mit Dreiundvierzig noch einmal hessischer Meister im Kraftdreikampf (Rasenkraftsport) geworden war, hatte in den Siebzigern im Auftrag deutscher und amerikanischer Regierungsstellen Kasseler Jugendliche für eine als Kraftsportgruppe getarnte Schattenkampfschule rekrutiert. Der Einmarsch des Warschauer Pakts stand vor der Tür, die Schattenkrieger sollten sich von den schweren Abteilungen überrollen lassen und im Rücken des Feindes hit & run spielen. Wir waren ständig im Wald, ich liebte nächtliche Geländespiele (Orientierungsläufe). Wir schossen mit der Armbrust. Wir hatten unseren eigenen Zehnkampf. Ich lebte in ständiger Erwartung.

Eine Erregung steigerte mein Dasein, man findet Erklärungen bei Michel Leiris. Il n’est pas que l’activité passionelle (ou, plus spécialement: génitale) qui connaisse pareilles tensions, auf die unmittelbar Entspannung folgt, ein solches Nacheinander von Annäherung und Entfernung, geradezu Berg- und Talfahrten von Auf- und Abstiegen vorhanden. … Gewisse Orte, Ereignisse oder Gegenstände, gewisse sehr seltene Umstände erwecken in uns das Gefühl, wenn sie plötzlich vor uns auftauchen oder wir in ihnen verstrickt sind, dass ihre Funktion im allgemeinen Weltlauf darin besteht, uns mit dem in Kontakt zu bringen, was es in uns am Ureigensten gibt und was gewöhnlicherweise völlig verschwommen …

Hier oben durfte einem egal sein, was Behörden sagten. Unter dem Vorwand der Forschung näherte sich Boitani seiner zweiten Natur, manchmal heulte er vor Sehnsucht nach den Brüdern. Er wollte ein Reservat einrichten, um seine Familie zu schützen.

Die Kontakte zur sturen Bevölkerung waren Lehrstunden. Zwischen hospitalité und hostilité lag nichts.

Die Bauern hassten uns. Wir waren Städter, wir hatten einen Brüsseler Spitzenauftrag und Superequipment. Zur Gruppe gehörten junge Frauen, die außerdem Wissenschaftlerinnen waren oder so was. Das schlug dem Fass den Boden aus. Diese Frauen, gut zu Fuß, redeten englisch, dass jeder sie verstand. Außer den Bauern, die an den Wölfen kein gutes Haar ließen.

Hauke erwartete, Gott im Gebirge zu treffen, erleuchtet zu werden, endgültig aus dem Kunterbunt der Beliebigkeit zu kommen. Letztlich erwartete sie die Erlösung von mir. Ich war bereit. Ich hatte die Kraft so wie Boitani sie hatte und Zaimoglu, der allerdings im Tal geblieben war. Er machte seine Beobachtungen, ich las sie später. Ich will nicht, dass ihr glaubt, Zaimoglu sei die Indolenz in Person gewesen. Er war vom Don zum Tee gebeten worden und über Nacht geblieben. Der alte Corleone kramte nach letzten Einzelheiten des Empfindens.

Er lebte in einem verschatteten Zwischenreich. Er sah eine grau-bizarre Zukunft voller Russenmärkte in Megapolis voraus. Gleichgültigkeit und Widerwillen lagen mit wechselndem Gewicht auf der Waage seiner Empfindungen.

Er fürchtete: „Denken macht schwach.“

Zaimoglu widersprach.

Phil tauchte auf, „a coy-looking maid with nice legs“ half ihm aus dem Mantel. Er hielt das so fest in seinem Tagebuch Killer In The Rain.

Corleone schrieb auch Tagebuch. Aus dem Tagebuch des Don:

Eine gemeinsame Verausgabung findet nicht statt. Silke verwaltet ihre erotischen Mittel sorgenvoll-eitel wie eine Hausfrau, die sich von keinem Klischee übertreffen lassen möchte. Sie hält mich (den Don) mit Sarkasmus auf Abstand und zuzeiten sogar vom Leib (was ich ihr überhaupt nicht erlaubt habe).

Sie sagt Ungeheuerliches: „Ältere Herren müssen liebevoll behandelt werden.“

Foucault nennt solche Arrangements „Schauspiele vom Liebestod“. Ich muss ihm recht geben.

Silke liebt nach Art der Skorpione. Das Männchen kopuliert noch, da ward ihm längst der Kopf vom Rumpf gefressen.

Silke schleppt an einem proletarischen Vorleben. Trotzdem zeigt sie eine schöne Balance. Der Schmerz bestrafter Hybris webt keinen dunklen Ton in ihre Erscheinung.

Ihre Eigenliebe konnte noch keiner ernsthaft erschüttern.

Ich sag das jetzt mal in aller gebotener Vorläufigkeit. Die Prosa vom Don ist schauderhaft. ... während Hauke mit den Wölfen heulte und die Zoologinnen Schneebäder nahmen und den Brillensalamandern auf die Erdnüsse gingen.

Tagebuch schreibender Brillensalamander

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Bildnachweis: antoniomancuso.it

Morgen mehr.

10:53 21.09.2015
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