Hessenmeister C

Kassel Hispaniola (heute Haiti) ist wenig größer als das Königreich Bayern, notiert der nordhessische Weltmann F. v. Zierenberg während eines Karibik-Trips im 16. Jahrhundert
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So könnte die karibische Familie ausgesehen haben, die sich Friedrich von Zierenberg anschloss und ihn wie einen Privatgott verehrte. Zierenberg nannte den Mann Weirdo.

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Bildnachweis: Wikipedia

Seit Kolumbus zur Schaustellung in Spanien ihre Leute entführte, halten die „Wilden“ alle Europäer für „Spanier“ und alle Spanier für Menschenräuber. Auf dem Schlachtfeld der Propaganda treten den Menschenräubern „Menschenfresser“ entgegen. Als Friedrich von Zierenberg, ein Humboldt für die Westentasche und so unvoreingenommen wie wenige, im Gefolge eines gefährlichen Kapitäns karibische Eilande abklappert, hält er Kariben wie alle Welt für Menschenfresser. Auf St. Vinzent bemerkt er eine inferiore Kultur; eine abgedrängte Population. Die herrschenden Kariben wurden bei einem zwischen Verdrängung und Verschmelzung oszillierenden Prozess von den Spaniern gestört.

Zierenberg macht seine Beobachtungen. Einheimische verständigen sich mit Rauchzeichen. Sie bauen Häuser so, dass sie von See aus nicht zu sehen sind. Sie haben Strandwächter mit stutzerhaftem Gebaren. (Einen Polizeidienst mit Milizstruktur.) Sie fürchten Korsaren, sind aber selbst welche. Naht ein Feind, vergraben sie den Hausrat. Die Frauen fliehen mit Kindern auf Kämme, während Männer Banden bilden „und die Bewegungen der Korsaren beobachten, um sie zu überfallen, sollte der Feind unbehutsam vorgehen.“

Im offenen Felde wagen sie keinen Kampf. Gewaltsam treten sie nur da auf, wo wenig Widerstand zu erwarten ist.“ Ich sagte, Zierenberg sei so unvoreingenommen wie selten ein Weltreisender im 16. Jahrhundert gewesen. Gewiss war seine Neugier größer als jedes Vorurteil. Doch findet man auch bei ihm Herrenmensch-Gedöns und ganz selbstverständlichen Sozialdarwinismus. Den Hobby-Völkerkundler wundert, dass eine so schwache Gemeinschaft wie die auf St. Vinzent dominanten Kariben Kraft zur Verdrängung entwickelt. Dass die „bedauerlichen Gesellen“ sich bestimmend auf ein Territorium so groß wie die Schweiz auswirken, hält er für eine Grille der Natur. Ihm fällt nicht auf, wie wenig Überflüssiges die Leute befrachtet. Sie leben in ständiger Alarmbereitschaft und leben doch gut. Bei ihren Nachbarn genießen sie die Achtung, die man furchtbaren Kriegern zollt. Den Spaniern bieten sie ihre Frauen an. Zierenberg folgt einer Einladung und macht sich später so seine Gedanken über den gastgebenden Gatten, den er „Weirdo“ nennt. Weirdo dient vielen Episoden und schieren Einlassungen als Stichwortgeber.

Während für Kolumbus die neue Welt Enttäuschungen in Hülle und Fülle bereit hielt, ist sie für Zierenberg weiter nichts als ein faszinierender Ort. Die Spanier stehen ihm kaum näher als Kariben. Sind alles Fremde für den Nordhessen auf großer Fahrt. Er stellt fest, dass die Insel „langgestreckt“ ist und erwähnt „die vielen Feuer des Nachts“.

Alles in allem kriegt er nur wenig Volk zu sehen. Die Kariben schwanken zwischen Angst und passionierter Begeisterung. Übrigens bezichtigen sie jeden Feind (und Fremden) der Menschenfresserei. Zierenberg prüft den poetischen Mehrwert der phonetischen Nähe von „Kariba“ und „Kanniba“. Schon Kolumbus hatte die Inseln der Kariben unter dem Sammelbegriff „Kanniba“ zusammengefasst und ihre Bewohner als „Kannibalen“ dem europäischen Gruseln überlassen.

Zierenbergs Aufzeichnungen sind nicht frei von Nachlässigkeiten. Plötzlich ankert man vor Hispaniola (heute Haiti) und Weirdo fürchtet sich mit seiner Familie an Bord vor den Konsequenzen der eigenen Entschlüsse.

Was ist geschehen? Hat sich Weirdo an die Fersen des Ritters geheftet? Schauen wir hier dezent vorbei an einem Abgrund aus Hörigkeit? Nichts Genaues weiß man nicht – ich möchte an dieser Stelle keine Vertiefung. Zierenberg zeigt sich „ein großartiges Gebirge mit gelinden Abdachungen in Savannas“. Er bemerkt „Wiesengründe und Alpengelände“. Vor allem jedoch registriert Zierenberg landwirtschaftliche Nutzflächen neben „tropischem Pflanzenwuchse“. Dies stellt er „um die Vesperzeit“ fest, sein Schiff ankert in einem natürlichen Hafen, der von Kolumbus den Namen St. Nikolaus verpasst bekam.

Eine reizende Ebene, von einem schönen Fluss durchschnitten ...“.

Ja, Zierenberg kann auch Kitsch. Das Wetter schlägt um, tagelang regnet es Schläuche. Eine Abordnung aus Puerto Concepción schließt auf, Zierenberg legt Weirdo ein Nachtlager an Deck nah, auf die Gefahr hin, dass ein Schnupfen den Kannibalen dahinrafft.

Weirdo sieht heute morgen gar nicht gut aus“, notiert der Reiseschriftsteller ungerührt.

Offenbar gibt es keine bessere Gegend auf der Insel als das Gebiet in Aussicht der Ankernden. Ein reger Handel ist längst in Gang gekommen. Die Anlieger fahren im Kanu vor. Zum Zeichen ihrer Verehrung oder Unterwerfung legen sie die Hände auf den Kopf, bevor sie in Verhandlungen eintreten.

Morgen mehr.

06:59 04.12.2015
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