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Vespucci Leonardo da Vinci grüßt im Vorübergehen. Die Malergilde hat in der Larifaribar ihren Stammtisch. Leonardo könnte sich auch zu den Ingenieuren setzen. Er wird bis zur ...
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In dieser Hafenstadt am Atlantik schiffte sich Willi Blattschneider 1817 nach Amerika ein

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Bildnachweis: Texas Team Tuschick

„Es ist eine Eigenart der Indianer, sich nicht in den Streit der Frauen zu mischen.“
Amerigo Vespucci in einem Brief an Niccolò Machiavelli
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„Wir fanden Menschen“, schreibt Vespucci. Er ist Humanist – die Schöpfung ein Schauspiel zu seiner Horizonterweiterung. Die Menschen „gehen völlig nackt“, sie empfinden „nicht die geringste Scham“. Die „Farbe ist weiß, die Haare sind schwarz, der Bartwuchs dünn“.
Während Kolumbus, den Vespucci auf der ersten Westindienfahrt im Dienst der Medici begleitet, bitter und bis zum Anschlag voreingenommen räsoniert, schildert der Florentiner „unvoreingenommen und lebhaft seine Reiseeindrücke“ (Willi Blattschneider). Er wendet sich in seinen Briefen zumal an den Studienfreund Lorenzo di Pierfrancesco de‘ Medici.
„Und das Verwunderlichste an ihren Kriegen und ihrer Grausamkeit ist, dass ich nicht erfahren konnte, warum sie miteinander Krieg führen, denn sie haben keinen Besitz … sie wissen nicht, was Erbschaft ist, das heißt Eigentum, oder Herrschsucht, nach meiner Meinung die einzigen Gründe für Kriege und alle Arten von Unordnung.“
Vespucci schläft mit den Wilden, er campiert wohl siebenundzwanzig Tage in ihrer Gesellschaft. Wenn man sagt, Machiavelli habe für seine Lehre vor allem an Cesare Borgia Maß genommen, dann unterschlägt das den amerikanischen Einfluss. Vespucci berichtet von milden Formen der Herrschaft, herrschaftsfreien Zonen, „sinnlosen“, dafür besonders grausamen Kämpfen, er zeigt den vor jeder zivilisatorischen Deformation gespaltenen Menschen.
Er spekuliert über den Kontinentalcharakter der „Neuen Welt“, das ist ein Wort von ihm.
Die Menschen legen auf ihren Wanderungen kurze Strecken zurück. Sie wandern wenig und rasten viel. Bei jeder Aufenthaltsbestimmung „geraten die Frauen über die Wahl des Standorts sich in die Haare. Unter aufständigem Gekreisch(e) schlagen sie einander blutig. Die Männer beschauen lachend das Spektakel. Man rühmt sich, wo die Gattin im Kampfe sich auszeichnet.“
„Die Hauptfreuden (des Inders) sind Krieg und Jagd. … Zum Kampf wird das Gesicht abstoßend bemalt. (Der Inder) glaubt, die Maske erschrecke den Feind und mache Geistern Angst. Der Angriff beginnt mit Gebrüll, das die Luft erschüttert. Es soll dem Gegner die Fassung rauben und seine Tatkraft lähmen.“
Vespucci vermisst Taktik und Disziplin (beim Inder). Man stürzt einfach ins Geschehen und lässt sich mähen, als käme es darauf an … das irdische Elend rasch hinter sich zu haben?
Was ist natürlich? Was Vernunft?
Warum stellt sich der Inder nicht richtig auf? Warum übt der das nicht? Warum mindert er die üblen Folgen seiner Schwäche nicht, indem er seiner Stärke Raum gibt?
Darüber spricht Vespucci mit Machiavelli 1498. Es ist ein schöner Tag im Mai, Florenz steht Kopf, Savonarola wird heute gehängt. Er soll auch noch verbrannt werden. Ist das nicht herrlich. Party – Stadtfest – Säuberungen. Aus allen Teilen des Landes sind Taschendiebe und Huren angereist. Überall riecht es nach toskanischer Bratwurst. Das Leben kann so schön sein - Vespucci hakt Machiavelli unter. Man ist schon gut aufgestellt, doch soll alles noch viel besser werden.
Savonarola hatte eine Kulturrevolution in Florenz angezettelt. Jetzt kommt das Rollback und damit Machiavellis Karriere erst richtig in Schwung.
Die Pest kommt und geht in Italien, wie ist das denn beim Westinder in Südamerika? Vespucci erklärt dem Vetter: „Der Zauberer versieht zugleich das Amt des Arztes und treibt als solcher ärgsten Humbug. Wird er zum Kranken gerufen, steckt er das erste Ding auf seinem Weg, sei es ein Kiesel, ein Beinchen, ein Splitter oder Dorn oder Wurm in den Mund. Vor dem Kranken verdreht er sich wie wahnsinnig und erfragt in seinem Anfall die kritische Stelle. Die nimmt der Zauberer sich vor, er saugt mit Macht am Kranken. Endlich nimmt er den Dreck aus dem Mund und sagt: „Ist doch kein Wunder gewesen, dass ihn da was geklemmt hat. Guck er bloß, was in seinem Leib gesteckt.
Der Zauberer verzieht sich nicht, ohne eine Batterie von Vorschriften zu hinterlassen. Er verdonnert die Verwandten des Patienten zu strenger Diät und Abstinenz.
Das ist nicht dumm. Stirbt der Behandelte vor der Frist, nach der die Sache vage wird, so bleibt dem Zauberer die bequeme Ausflucht, die Schuld den Verwandten zu geben. Ihm ist klar, dass sie keine Stunde in der Lage sind, seinen Anordnungen zu gehorchen.“
Man kehrt auf eine Bionade in der Larifaribar ein. Man lebt in einer Gesellschaft, in der auch die Honoratioren Erfahrung mit Folter haben. Mal lässt man foltern, mal wird man gefoltert, dann sitzt man wieder zusammen und schmiedet Ränke gegen Dritte. Das sind ganz normale Vorgänge, Renaissancealltag, Leonardo da Vinci grüßt im Vorübergehen. Die Malergilde hat in der Larifaribar ihren Stammtisch. Leonardo könnte sich auch zu den Ingenieuren setzen. Er wird bis zur Müllabfuhr alles revolutionieren.
Machiavelli weiß, Befähigung ist das ein. Das andere ist die Gelegenheit. In der Ära des Cesare Borgia wird er Leonardo da Vinci manchen Job zuschanzen. Doch nun verbietet sich Müßiggang, gleich hängt, dann brennt der Savonarola.
Morgen mehr.
07:20 25.01.2016
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