Hessenmeister CCI

Machiavelli rät dem Papst zu einer Schweizer Garde
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Im Schlosspark
Bildnachweis: Texas Team Tuschick
Spätere werden in der Renaissance die Aufbrüche sehen, doch die Gleichzeitigen Amerigo Vespucci und Niccolò Machiavelli erleben sich als Besonnene. Die großen Florentiner sind Männer der Rückschau; Maß nehmen sie an der Antike. Amerika mit seinen wilden Völkern ist ein Fenster zu vor-antiker Vergangenheit. Der Natur- und Rohzustand des Menschen kann da unter die Lupe genommen werden.
Das macht die Gespräche mit Vetter Vespucci wertvoll für Machiavelli, der einstweilen wenig mehr ist als ehrgeizig. Die Unsterblichen sitzen im Badehaus der geheimen Loge „Zum verwegenen Schwan“. Sie halten sich separiert, nichts lieben sie mehr als im Mäandertal der Assoziationen zu wandern; während man sich allerdings fingerfertig in Form bringen lässt. Im Bündel der Begriffe liegen Ordnung und Unordnung als Marionetten der Wechsel-Konstante.
Die Geschichte wiederholt sich. Das Repertoire steht fest. Nur das Personal wechselt.
Die Verwandten wechseln in die Sektion therapeutischer Anwendungen. Vespucci berichtet von einem Volk, das alle Krankheiten einer Ursache zuordnet; die Ursache steckt als Keim in einem unscheinbaren Insekt. Sie kennen keine andere Behandlung als das Schröpfen.
„Sie handeln notorisch gegen die Anschauung“, bilanziert Machiavelli.
„Ihr Aberglaube überflügelt die Erfahrung. Sie trauen ihren Überlieferungen mehr als dem Augenscheinlichen.“
Stirbt bei den Lules, von denen ist gerade die Rede, einer, dann setzt eine schreckliche Angst ein. Der Leichnam kann nicht schnell genug fortgeschafft werden. Alle Erinnerungen an den Toten werden gelöscht. Er heißt nur noch, „der Mann, der nicht mehr ist“. Seine nächsten Verwandten und besten Freunde wechseln die Namen. Seine Hütte wird abgebrochen, die Familie förmlich umgesiedelt (auf der Fläche des lokalen Geschehens).
Alles Gerät, das ihm zugehörte, muss verbrannt werden.
Machiavelli beobachtet Fliegen an der Wand.
Männer eines anderen Volkes schneiden sich beim Tod eines nahen Verwandten ein Fingerglied ab, so dass sie mit den Jahren kaum noch Stummel übrig haben und unfähig werden, Waffen zu führen.
„Viele neigen zu übermäßiger Totenklage“, sagt Vespucci. Jemand soll Wein bringen. Sofort entsteht Aufregung in den tieferen Lagen. Geräuschloser Service geht anders.
Viele hören einfach auf zu kämpfen, da sie es für eine heilige Pflicht halten, ihre Toten vom Platz zu nehmen. Sogar auf der Flucht schleppt man die Leichen oder die Gebeine der Kameraden fort.
Machiavelli liegt auf dem Bauch, zu träge, um nur ein Lid zu heben. Er ist mehr der Heimatverbundene. Im Radio läuft „Il pub nella nostra strada, eine frühe Kreuzung von Sacropop und Heavy Metal. Der Masseur ist Gastarbeiter aus der Schweiz. Machiavelli wird Papst Julius II. zu einer Schweizer Palastwache raten.
Beim Ausscheiden eines Kaziken oder seines Erstgeborenen geben sich viele Vasallen freiwillig den Tod. Es soll im Jenseits dem Kaziken nicht das Gefolge fehlen. Überlebende ergänzen die Gesänge und Dichtungen. Sie dichten so viel Eigenes dazu, dass es schwerfällt, den Kern vom Beiwerk zu schälen.
Die Völker beschränken sich in ihren Erinnerungskulturen auf wenige denkwürdige Ereignisse, sonst vergessen sie alles sehr schnell.
Was soll man davon halten, fragt sich Machiavelli. Für ihn sind die Amerikaner ein Volk in Kinderschuhen. Ihre Schöpfungsgeschichten gehen von einem Stammvater aus, dem ein friedliches Volk entspringt, das Zank entzweit. Manchmal reicht ein geschwätziger Papagei, um Völker zu spalten. Jeder Spaltung folgt eine Spaltung und territoriale Absonderung. Die einen dürfen bleiben, die anderen werden zu Verdrängten und Versprengten.
Viele halten den Mond für einen Mann. Viele glauben, die Sonne sei schon einmal vom Himmel gefallen. Auch der Himmel kann einstürzen für viele.
Vespucci rafft und strafft, er nennt nicht alle Völker bei ihren Namen, viele vermuten, dass Wasserschweine, Kaimane und Affen verwandelte Mitglieder ihrer Gemeinschaft sind. Keiner glaubt, dass ein Feind mit ihm magisch verwandt ist.
Es gibt rituelle Tiertötungsvorschriften.
Machiavelli und Vespucci setzen sich in Bademänteln an die Bar der Geheimloge. Auch da arbeitet ein Gastarbeiter, als hätte Florenz nicht genug einheimische Arbeitslose.
Vespucci fährt fort: „Bei den Mbayas reden die Vornehmen eine vom Volksdialekt verschiedene Hofsprache. Spricht ein Ehemann, dann hat das Wort eine andere Bedeutung als im Munde des Ledigen. Haben die Mbayas im Heimspiel einen Feind isoliert, rufen sie Frauen und Kinder in einen Kreis und überlassen ihnen das Vergnügen der Steinigung. Die Frauen und Kinder versteigen sich in Irrsinn, sie lassen alle Vorsicht außer Acht. Niemand schert sich darum.“
„Man beachtet so viel auf der Jagd, im Familienleben und Verbandswesen - und dann ist wieder alles egal.“
Vespucci hat keine Zigaretten mehr, er greift nach einer Marlboro von Machiavelli. Machiavelli deutet den Missstand an, der Gastarbeiter stellt sich dumm.
In der Ecke steht ein Igacaba, den Vespucci über den Atlantik geschafft hat, eine Riesenurne, in der Mbayas ihre Spitzenkrieger bestatten. Das ist das exotischste Ding im Badehaus der Loge.
Die Mischgetränke sind falsch gemischt, das muss einmal angesprochen werden im Rat der florentinischen Schwäne. Den Ausländern fehlt Lebensart, doch dieser Schweizer geht schon.
„Hast du schon wieder Feierabend?“
„Ja, ich habe aber auch heute Morgen um halbdrei angefangen.“
„Was meinst du, was wir früher für Schichten abgerissen haben. Da hatte ein Tag noch siebenundzwanzig Stunden.“
Morgen mehr.
07:12 26.01.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare