Hessenmeister CCIV

Pero Vaz de Caminha Amerigo Vespucci deutet das Delirium koinzidierend an – die Neue Welt als Freudenhaus und jungfräuliche Schlachtbank
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Im Schlosspark
Bildnachweis: Texas Team Tuschick
„Der Wald wirft um seine Grenzen eine Brustwehr auf, er vermauert alle Zugänge“, schreibt der Marineschriftsteller Pero Vaz de Caminha. Bellizistische Vergleiche und martialische Verputzungen findet man bei allen schreibenden Fernfahrern, die um 1500 die amerikanische Atlantikküste sahen. Als ordentliche Teilnehmer eines Expeditionscorps hielten sie sich straff im Verband. Ihnen gegenüber trat die Natur auf mit klingendem Spiel. Sie war die Überlegene. Die Schilderungen dieser Überlegenheit pendeln in den Spektren von Notzucht und Wohltat. Eine Sturmflut „rollt über das Land“, sie „frisst … Uferwände“. Bäume „leisten nur kurz Widerstand“, Wasser „rafft Bäume spielend dahin“.
Sturm „nimmt das Land, wirft (es) nieder“, er „erpresst die Kreatur“. Er „will herrschen“ und ist Tyrann.
Sturm „folgt seiner Bestimmung“. Er „erzwingt“ einen Halt der Reisenden.
„Wir fürchteten fortgespült zu werden.“
„Ich fühlte mich unterworfen. ... Ich war froh, dass mich so keiner sah.“
Der Sturm hat ein Gesicht, das Gesicht ist grimmig. Der Sturm hat eine Absicht, der er grimmig nachgeht.
Im Kampf Sturm gegen Wald erscheint der Wald als Mensch. Im Kampf Wald gegen Mensch erscheint der Wald als Sturm.
Sein „ganzes Rüstzeug an Dornen, Nesseln, scharfem Gestrüpp, schneidenden Gräsern, splitterndem Röhricht, an furchtbar gestachelten, palisadenartig durcheinander geworfenen, einschnürenden Fangruten, ruppigem Unterwuchs und erdrückendem Schilf drängt sich zu einer Hecke zusammen“.
Im Original steht „undurchdringliche Hecke“, doch das hier kein Durchkommen ist, wird von „undurchdringlich“ um die relevante Dimension vermindert.
„Wie ein Vorwald von niedriger Vegetation legt sich der Saum um den Hochwald, einen festen Kokon um seine Markung ziehend.“
Warum macht sich einer die Mühe, Röhricht vom Unterwuchs zu unterscheiden? Ich glaube, das kommt aus der Erbitterung. Der Marineschriftsteller um 1500 ist nicht in atmungsaktiver, gleichsam mitdenkender Jack Wolfskinkombination „draußen“, dem kocht das Wasser im Arsch. Der eitert. Die Zähne sitzen locker. Der Helm rutscht entweder in den Nacken oder in die Stirn. Der Schriftsteller ist wanderndes Festmahl für die unbarmherzigsten Vampire.
Ihn „überfallen bösartige Ameisen, peinigende Zecken, marternde Fliegen und Mücken und anderes zwickendes Gewürm mehr“.
Jederzeit könnte er in einen Hinterhalt geraten. Doch hat man Pero Vaz de Caminha je klagen hören?
Nie!
In dem von mir durchgesehenen Nachlass-Konvolut von über tausend Seiten findet sich keine Bemerkung, die auf Zersetzung schließen lässt. Pero Vaz de Caminha schießt auf eine Bewegung im Busch, um zu entdecken, dass der Sniper eine Frau war. Klar, so kam der Amazonas zu seinem Namen, die europäischen Stromer geraten an Kriegerinnen, denen unbedeutende Männer folgen.
„Sie imprägnieren ihre Klingen und Spitzen mit Gift“, schreibt Francisco de Orellana. „Das Gift gewinnen sie von Fröschen.“
Pero Vaz de Caminha: „Manche Weiber der Inder versuchten den Reisenden zu reizen, man wusste nicht unbedingt zu welchem Zweck. Sie unterschieden nicht nach unseren Gewohnheiten und waren im Grunde schamlos.“
...
„Sie schielten nach Interessen, die uns schleierhaft blieben.“
Das ist ein Dreiklang der Narration: der Sturm – der Wald – die Frau. Noch einmal: der vernichtende Sturm – der verneinende Wald – die unberechenbare Frau.
Ständig „tritt Wasser über Ufer“, wird „Gewölk dichter“, fängt Wind an zu rufen.
Noch einmal: der alle lahm legende Sturm, der hermetische Wald, die Frau, die an der Grenze zwischen Empfängnis- und Tötungsbereitschaft bewusstlos erscheint.
Dahinter unbedeutende Männer, Handlanger, die sich wie Gras mähen lassen.
Was für eine Welt.
Mir wäre das nicht so klar geworden, gäbe es von Amerigo Vespucci nicht Bemerkungen, die das Delirium koinzidierend andeuten – die Neue Welt als Freudenhaus und jungfräuliche Schlachtbank. Das mag zweihundert Jahre lang so gewesen sein, doch nur an diesem Anfang so wie in einem Tropen-Traum, aus dem es kein Entrinnen gab.
Morgen mehr.
06:04 29.01.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare