Hessenmeister CCIX

Pero Vaz de Caminha Den „Eroberern“ fiel auf, dass sich in der Neuen Welt über enorme Distanzen keine Sprachbarrieren aufbauten. Sie brachten das in einen Zusammenhang mit ...
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Ich erinnere heute an Hans Mühlenbecks Bemerkung von den „Potemkinschen Dörfern der Harmlosigkeit“ am Amazonas. Pero Vaz de Caminha vergeht sich, nennt er „das Geschrei“ des Jaguars „abstoßend“.

„Scharen von Indianern wohnen so wild und abstoßend wie die Tiere im Urwald.“

Sie geben sich den Anstrich der arglosen Ahnungslosigkeit, während sie den Reisenden immer tiefer in den Dschungel locken. Plötzlich entpuppen sie sich als Matadore der Anti-Welt. Sie sind so tödlich wie ihre Gebiete. So soll man Mühlenbecks Wort von den Potemkinschen Dörfern der Harmlosigkeit verstehen, allein ich will ihm dahin nicht folgen. Wo alles Verstellung ist, Tarnung und Täuschung, da ist Natur. – Und wer sollte ihr näher stehen als ein Naturvolk?

Von Harmlosigkeit dürft Ihr nicht ausgehen, mein lieber Pero Vaz de Caminha, Euer Eurozentrismus wird Euch sonst Kopf und Kragen kosten.

Die Natur veranstaltet keine Ethikseminare, „wer aufmerksam die Freigebigkeit betrachtet, mit welcher der Schöpfer des Weltalls die Fülle seiner natürlichen Gaben über Vera Cruz (Brasilien) ausgegossen hat, angefangen bei der Erträglichkeit der Böden über die Frische seiner Gefilde und die Lieblichkeit seiner Luft bis zum Grün seiner Berge, der sieht sich zu dem Schlusse genötigt, der Herr müsse dem so herrlichen Palast auch die entsprechenden Menschen ausgewählt haben.“ Willi Sibelius Blattschneider

Pustekuchen. Die Menschen sind klein und „kupferfarbig“, sie sehen aus wie Kinder. Sie lachen in ständigem Unernst, sie sind grausam tätowiert und gepierct. Sie sind schamlos. Obwohl sie nichts veräußern und vererben, führen sie ellenlange Guerillakriege. Im Grunde tun sie nichts anderes.

Sex und Gewalt!

Pero Vaz de Caminha begreift, der ursprüngliche Mensch unterscheidet sich in seinen Vorlieben wenig von anderen Untertanen (des portugiesischen Königs). Der Reisende sieht sich außerstande, die Wilden mit der Schöpfungsgeschichte in Einklang zu bringen. Der Adam-und-Eva-Comic in seinem Kopf kollidiert mit der Wirklichkeit.

Für Pero Vaz de Caminha sind Brasilianer nicht nur (wie in der Schule) Zurückgebliebene. Vielmehr sind das soeben aus dem Schlaf der Zeit Erwachte.

Und wer hat sie geweckt?

Pero Vaz de Caminha persönlich. Er kam, sah und weckte. Der arme Irre läuft durch den Dschungel, er wird von einem Dorf zum anderen nach hinten durchgereicht. Faultiere wundern sich, dass er noch lebt. Das ist gegen jede Wahrscheinlichkeit, sagen die Faultiere.

Sie haben recht.

Pero Vaz de Caminha schreibt: „Die Völkerschaften sind roh, umgänglich, unmenschlich. Sie leben ihrem Naturtrieb folgend, ohne Glauben, ohne Gesetz und Obrigkeit.“

Immer wieder finde ich: „Sie gehen gewöhnlich ohne Kleidung einher. … Alle Stämme, welche an der Küste ansässig sind, sprechen ein und dieselbe Sprache und essen Menschenfleisch.“

Über die großen Sprachgemeinschaften haben wir schon gesprochen. Den „Eroberern“ fiel auf, dass sich nicht nur in Brasilien über enorme Distanzen keine Sprachbarrieren aufbauten. Sie brachten das in einen Zusammenhang mit der babylonischen Sprachverwirrung als einer Strafe Gottes. Sie vermuteten die Wilden im Zustand der Gnade. Sie konnten sich die Neue Welt stellenweise als Paradies vorstellen, aber die Wilden nicht als Adam und Eva in ihrer Mehrzahl. Sie wurden von der Vorstellung beleidigt, in den Wilden sich selbst wie in einem Zeittunnel zu begegnen.

Nein, so sind wir nicht und so waren wir nie!

Auch Pero Vaz de Caminha distanziert sich von den Wilden, die ihn nicht nur am Leben lassen, sondern geradezu erhalten. Prof. Grand Slam Coogan nannte das anlässlich der Universitätsgründung zu Kassel den größten Fehler, den die Wilden je begangen haben.

„Sie hätten ihn umlegen müssen.“

Prof. Texas Double Action Thunderbolt gab zu bedenken: „Die haben doch noch nicht mal Sascha Anderson kalt gemacht.“

Morgen mehr.

07:34 03.02.2016
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