Hessenmeister CCV

Pero Vaz de Caminha Auf einer Breite von neunzig Kilometern fließt der Amazonas in den Atlantik
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Im Schlosspark

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Bildnachweis: Texas Team Tuschick

Die hemmungslose Farbgebung der frühen Jahre – es wird alles koloriert. Monochrom ist noch nicht schick. Pero Vaz de Caminha strapaziert den leuchtenden Eindruck. Den schenk ich mir in der Wiedergabe, ich kann nicht gelb, grün, blau, silberweiß, rot, rosa, violett, ebenholzfarbig schreiben, ohne mich anzuöden. Es sind also viel mehr Farben im Spiel der Darstellung. Zum ersten Mal beschreibt einer „die nicht genügend erklärte Naturerscheinung der Pororoca“. Pero Vaz de Caminha schmeißt sich weg bei dem Versuch, das Phänomen zu fassen. Ihm kommt das so vor, als habe Gott ganz tief in die Trickkiste gegriffen, um Eindruck zu schinden bei den Waldheiden.
Was Pero Vaz de Caminha nicht wusste, weiß heute jedes Kind. Auf einer Breite von neunzig Kilometern und mit einem Tiefgang von hundert Metern fließt der Amazonas direkt unter der Gleicherlinie in den Atlantik. „Der Schiffer“, schreibt Hein Blattschneider, „empfindet die Gewalt seiner Strömung noch achtzig Meilen weit ins Meer hinaus.“
Pero Vaz de Caminha: „Wenn die Flut gegen die Wucht der Wasser ankämpfend, im Strombett sich den Eintritt erzwingt, dann bauen sich schnelle Walzen auf.“
Die Sprache des Marineschriftstellers putzt sich nicht nur martialisch, ferner ist sie sexualisiert. Ich rede über einen Enthemmten, über einen lautlos Enthemmten. Pero Vaz de Caminha steckt zwar im Mittelbau eines mächtigen Gefüges mit siebzehn Priestern und hundertsiebenunddreißig Kanonen, nur um zwei Zahlen auszuschreiben, trotzdem steht er in Vera Cruz (Brasilien) außerhalb der Kritik. Alle wollen Gold so wie im Namen des portugiesischen Königs Land nehmen und um Gottes Willen Seelen retten, Pero Vaz de Caminha ist das total schnuppe. Er läuft in die andere Richtung und erbricht sich vor Begeisterung an der Welle, die den Amazonas athletisch hochläuft.
„Statt langsam zu steigen, erhebt sie sich in Sekunden zu ihrer höchsten Höhe und wälzt sich einer Mauer gleich gegen den Fluss. … Oft nimmt die alles niederwerfende Flutwelle die ganze Breite des Stroms ein. … Sie schießt neunhundert Kilometer landaufwärts.“
Während Pero Vaz de Caminhas Chef Pedro Álvares Cabral Völker niederwirft und dem rechten Glauben zuführt, verfreakt der Chronist fast unbemerkt im Paradies. Kein Europäer beachtet ihn. Manchmal läuft ihm der kongenial irre Botaniker über den Weg. Man grüßt sich kaum, zu sehr ist jeder für sich eingesponnen.
Die Wilden haben einen Narren an Pero Vaz de Caminha gefressen, sie liefern komplette Nachmittagsprogramme der leichten Muse und stecken ihm ihre hübschen Frauen zu. Da nimm, denk dir für sie einen Namen aus. Sie hat noch kein Ich-Bewusstsein, sie lacht aus Spaß an der Freude. Was anderes fällt ihr nicht ein.
Sie kann doch nur gebären und vergehen. Die Strombetten werden immer breiter im Text, das macht der Überfluss. Pero Vaz de Caminha ruft Gott an. Der Herr kennt alle Wassertropfen mit Namen.
Pero Vaz de Caminha zählt sich zu den Auserwählten, da er die Springflut geschaut. Er versucht eine Totalität zu erfassen. Seine Geliebte kichert, so ein denkender Mann sieht schon lustig aus. Sie trägt ihr Haar im Beutel, das will die Amazonenmode im Sommer 1502.
Pero Vaz de Caminha beobachtet, dass die Pororoca an Stellen nicht stattfindet. Da „ruht“ das Kanu mit seiner Besatzung eine Handbreit neben dem wilden Max. Die Welle läuft mit 80 km durch den Amazonas haarscharf am Angler vorbei.
Pero Vaz de Caminha befragt den Bürgermeister.
„Gewusst wo“, erwidert der Bürgermeister tiefgründig. Er bietet dem Schriftsteller eine Zigarre an.
Morgen mehr.
04:48 30.01.2016
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