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Brasilien In seinem Fado-Jahr erfuhr Ryszard Kapuściński, wie gleichgültig dem fernen König Manuel (der Glückliche) um 1500 das amerikanische Neuland Brasilien gewesen war
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1500 „entdeckte“ Pedro Álvares Cabral Brasilien. Er nannte seine Entdeckung Vera Cruz und nahm sie für die portugiesische Krone in Besitz. Das lernte Ryszard Kapuściński in der Schule. In seinem Fado-Jahr erfuhr er, wie gleichgültig dem fernen König Manuel (der Glückliche) das amerikanische Neuland gewesen war. Brasilien war nicht mehr als ein Abstecher auf der (von Cabral angeführten) Grand Tour zu Indiens Höfen gewesen.

„Kein Mensch beachtete den Urwald am Amazonas“, die nur für die Augen des Königs bestimmten Schilderungen des Marineschriftstellers Pero Vas de Caminha fanden Liebhaber erst zweihundert Jahre nach ihrer Verbürgerlichung.

„Kein Mensch beachtete den Urwald am Amazonas.“

Matilde kuratierte das Caminha-Werk in der Nacht von Lissabon. Kapuściński traf sie im Frühjahr der Nelkenrevolution. Matilde entstammte dem zweiten Kreis der alten Macht, sie zählte zum Caetano-Clan, der Salazar beerbt hatte. Selbstverständlich gehörten ihre Sympathien der Umsturzgarde. Das war Pop. Die Beatles, der Auftritt des Weltgeistes in der Gestalt von Che Guevara. Be sure to wear flowers in your hair.

Matilde wurde zur Aktivistin der Alphabetisierungskampagne nach 1974. Man hatte sie dazu erzogen, es richtig zu finden, dem Volk jedwedes Schriftvermögen vorzuenthalten. Matildes Metamorphose könnte eine Schnulze gewesen sein.

Alle forderten das Ende der Kolonialkriege, die zu teuer geworden waren und nach einer Analyse der portugiesischen Armee gar nicht gewonnen werden konnten. Kapuściński kam aus Mosambik nach Lissabon, er hatte solche Rückenschmerzen, dass der Verstand aussetzte. Er empfing Mário Soares in einem verdunkelten Hotelzimmer. Soares nahm Kapuściński als Diplomaten wahr. Als Verkünder fortschreitender Vollendung.

Kapuściński war ein Erzähler. Der eiserne Vorhang sicherte ihm eine einzigartige Deutungsmacht und seiner Phantasie unüberprüfbare Spielräume. Er traf Potentaten und Revolutionäre am laufenden Meter, Kapuściński begegnete ihnen als Staatsmann in besonderer Verwendung, als Agent, Aktivist und Karl May der Berichterstattung.

Er erneuerte die Literatur im Journalismus, stieg in Jugendherbergen ab, übernachtete einmal in einer Asservatenkammer. Matilde sprach zu ihm, während Kapuściński mit dem Repertoire eines Krebses gegen Lähmungserscheinungen kämpfte. Kaum je absichtlich landeten oder strandeten vom fernen Osten abgekommene Seefahrer an der brasilianischen Küste.

Matilde legte sich zum krampfenden Kapuściński. Der Teppich war eine Sensation des Fadenscheinigen, mit der intensiven Geruchsvielfalt eines Abtritts.

Matilde behauptete eine Verwandtschaft mit Diego Alvares, dem unerschrockenen jungen Edelmann wahlweise dem unerschrockenen jungen Offizier, dem sich eine Nelke ins Knopfloch seiner Knarre schieben ließ. War doch alles eins, war das Leben und Gegenstand eines Nationalepos.

Kein Mensch interessierte sich für Brasilien, die Brasilianer wussten gar nicht, dass sie Brasilianer waren. Die dachten sonst was, wenn überhaupt. Dann entging Alvares, schiffsbrüchig wie andere auch, dem Schicksal der Gefährten, die sich mit den Wilden nicht zu arrangieren wussten.

Ein iberischer Edelmann des 16. Jahrhunderts war ein Jeck des Jähzorns. Der sprang aus der Haut, wenn einer auf seinen Schatten trat. Diplomatie konnte der nicht. Er begriff auch nicht wirklich den Unterschied zwischen diesen Waldmenschen da und anderen Affen. Deshalb gewinnt Alvares‘ „Geistesgegenwart & Klugheit“ den ersten Preis der „Verschonung“. Die Wilden verschonten Alvares, da er ihnen nicht zu blöd kam.

Daraus machte Matilde einen narrativen Riemen bis nach Rio. Kapuściński krümmte sich neben ihr. Ich tippe auf zu viel Sport in der Jugend als Ursache der Rückenschmerzen.

Morgen mehr.

07:56 12.02.2016
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