Hessenmeister CCVI

Pero Vaz de Caminha erblickt Treibholz „in meilenlangen Ketten … man möchte sagen in ununterbrochenem Zusammenhang chaotisch übereinander steigender Mumien
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Im Schlosspark

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Bildnachweis: Texas Team Tuschick

Pero Vaz de Caminha „erblickt hängende Gärten im wilden Naturstil“. – Treibholz „in meilenlangen Ketten … man möchte sagen in ununterbrochenem Zusammenhang chaotisch übereinander steigender Mumien“.

Der Marineschriftsteller spricht von „hellgrau-nussbraunen Baumstammmumien“, als ob es das besser machen würde. Er sitzt mit dem gastgebenden Kaziken unter einem provisorischen Palmendach am Amazonas bei einer Tasse Kakao und saftet wie jeder geisteskranke Opernfanatiker. Der Amazonas bietet ihm den ultimativen Thrill (mit wechselnder Begleitung). Pero Vaz de Caminha ist in einem Tunnel der Selbstbeschränkung groß geworden (klein geblieben), seine Mutter hatte (so sagte es der psychologische Dienst) zu spät einen Schlussstrich unter eine Straßenstrichexistenz gezogen; sie pflegte den Mann, der sie plünderte, solange er bei Kräften war, als er es nötig hatte. Sie tat noch mehr unverständliche Dinge und machte so aus Pero einen Verwirrten – den Prototyp eines selbstgefälligen Kleinklugscheißers, der sich gedanklich überall anlehnen muss. Heute schlafen solche Typen vor dem Fernseher in untergeschossigen Einraumwohnungen, um 1500 sahst du sie am Amazonas. Sie standen im Begriff, starke Naturerlebnisse zu erfassen. Die toten Bäume „bilden natürliche Bollwerke am Strand“, da sie sich auftürmen. Schwimmende Wiesen „trägt der Strom auf seinem Rücken“, warum hatte die Mutter ihren endlich maroden Zuhälter nicht fallen lassen?

Er hieß Pepe und kam aus Porto. Er brachte Pero Savage bei, das Karate der Seefahrer. Er erklärte dem Knaben: Es gibt kein Zweitens. Keine Hierarchie der Erscheinungen. Sei aufmerksam, aber nicht zu wachsam. Du darfst nicht zum Gefangenen deiner Formeln werden.

Wie konnte ein Asphaltphilosoph eine so beherrschende Stellung bei der Mutter einnehmen? Zum Schluss hustete er nur noch, die Straße äffte ihn nach, als er schon ein Bein nachzog. Pero Vaz de Caminha erinnert sich an das eingefrorene Gesicht eines Menschenscheuen. Neben ihm hockt Mafalda und wundert sich über den Schriftsteller.

„Der Sturm reißt im Grimm Inseln mit sich fort.“

Ist das schon Fitzcarraldo und ein Anfang des Capoeira? Ich will nicht vorgreifen. Pero Vaz de Caminha registriert „baumartige Farngewächse“ in Greifweite.

Auf ein Zeichen des Kaziken sprinten Verwandte mit Kalebassen voller Spuckeschnaps heran.

„Kein Bier vor vier“, sagt der Kazike gemütlich.

Pero Vaz de Caminha sieht von Ekel höflich ab, gleich wird der Rausch die Mittel heiligen. Der Autor schreibt:

„Auch das Geschlecht der Schlingpflanzen bietet in allen Formen und Spielarten Hindernisse.“

Das ist ein großes Thema der Kolonisation im Frühauf der Verheerung eines Kontinents. Es gibt kein Durchkommen auf dem Landweg.

„Unsere rankenden Wildreben, Geißblatt und Epheu verheißen nichts von dem klettenden Gewirr der Tropen. Man wird förmlich festgehalten.“

Pero Vaz de Caminha schädelt sich weg. Er sieht Mafalda und denkt an die Mutter, die ihrem Zuhälter, diesen asphaltierten Dunkelmenschen, (wahlweise „Dunkeltier“, „Schattenmensch“, zitiert nach „Stimmenrausch“) auch dann noch ergeben war, als er keine Macht mehr über sie ausüben konnte.

Warum? Warum hatte sie sich nicht gerächt, als sie zur Rache Gelegenheit kriegte?

Heute würde man schreiben: „Pedro hustet vor dem Fernseher sein Leben aus.“ Pero Vaz de Caminha verliert sich noch in der Beschreibung erdrosselter Bäume.

„Schlangenartiges Gewirr überzieht den bis zu vierzig Meter hohen Stamm und schnürt den Schaft ein. Wie Taue hängt der Befall, in freier Luft schwebend, wo er nicht am Baum klebt. Keine europäische Phantasie vermag sich den tödlichen Auftrieb der Schmarotzer vorzustellen.“

Das zieht sich und überzieht das Festival der Liebe am Amazonas, so als müsste immer ein Preis genannt werden, etwa für die unerwartete Freiheit einer männlichen Klemmschwester. Pero Vaz de Caminha nennt eine Summe, er schreibt:

„Nirgendwo finde ich Moskitos blutgieriger, ihr Summen und Pfeifen widerwärtiger, ihr Gift brennender. Nirgendwo heilen die zahlreichen Wunden, welche sie mordgierig dem Fleische beibringen, langsamer. Sogar Hühner werden von ihnen grausam gemartert.“

„Um sich vor Moskitos einigermaßen zu schützen, verfolgen Amazonashühner seltsame Gewohnheiten. Sie rollen im Dreck und legen sich so nieder, dass alle blanken Aspekte so viel als möglich mit Erde überzogen sind.“

„Der Amazonas genießt kein hohes Ansehen bei den Hühnern.“

„Im Waldesinneren ist es schon nachmittags manchmal stockdunkel.“

Da schleicht sich ein motzender Ton ein, Paradies kann auch nicht jeder.

Morgen mehr.

05:36 31.01.2016
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