Hessenmeister CCVII

Pero Vaz de Caminha ist kein Konquistador. Er wird niemals einen Machtrauschkater kriegen. Er ist ein Schauender. Er beobachtet Jäger. Mit „Blaseröhren“ schießen sie Vögel ...
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Fällt der Blitz einen Baum, gibt der Wald Raum frei. Überwuchs annulliert das Ergebnis im Sprint. Knickt ein Baum altersschwach ein, zieht er Blütenkränze auf Zimmerdeckenhöhe. Sie hängen da wie Kronleuchter oder Erntedanksagungen.

Jeder kaputte Riese reißt ein Loch in den Kronenhimmel. Er schafft dem Licht eine Einfallschneise. Das Licht entzieht einen Krieg am Boden dem ewigen Walddunkel. Der Reisende, stoned, verkatert und überfordert vom Überfluss der Neuen Welt, sortiert seine Eindrücke nach Schema F.

Wer killt wen?

Pero Vaz de Caminha schreibt: „Man erkennt die Obacht des Schöpfers in der Vielfalt der Erscheinungen. Ein Spitzenprädator stellt für den rückwärtslaufenden Rimpel keine Gefahr dar. Der Rimpel kann sich jedem großen Tier nähern, ohne eine böse Aufmerksamkeit zu wecken. Kleine Tiere erschreckt er mit Farbwechseln und einer wahnsinnig wirkenden Performance. Reicht das nicht, nimmt er seine Giftdrüsen zur Hilfe.

Geschwindigkeit und Regungslosigkeit sind seinem Überleben förderlich. Es ist eine Schau, ihn im rasenden, regelrecht überdrehenden Rückwärtsgang einem Stamm bis ins Dach folgen zu sehen. Sonst kann man ihn leicht übersehen, da er sich nicht bewegt.“

Der Rimpel also. Wir verdanken Pero Vaz de Caminha die erste Beschreibung dieses Kettenkäfers. Er ist monströs gezeichnet, gäbe es ihn in groß, wäre er ein Vorbild jedem Schrecken.

Der Marineschriftsteller Pero Vaz de Caminha beobachtet einen Rimpel, wie der Rimpel seine Umgebung beobachtet.

„Der Rimpel scheint sein Gebiet mit Unauffälligkeit zu beherrschen. Man übersieht ihn wie ein im Frühjahr noch welkes Blatt. Der Winter hat es liegen gelassen, vielleicht berührt man es mit der Stiefelspitze. Plötzlich hat man es im Gesicht. Der Rimpel ist ein Hochspringer vor dem Herrn. Vielleicht läuft er auch über die Kleider, dann beißt der Rimpel den Mann. Sehr darauf achten musst du, dass er sein Gift dir nicht ins Auge sondert. Seine Angriffslust ist jedenfalls gewaltig und steht in einem unerklärlichen Gegensatz zu einer geringen Größe, die ihm bewusst ist. Will er imponieren, sucht er eine Gelegenheit zu seiner Erhöhung auf. Von da starrt er das Objekt seines Interesses durchdringend an. Er weiß gewiss, was er tut, der Rimpel ist kein Simpel.“

„Beschwingte Rubine“ sind Pero Vaz de Caminha Kolibris. Seine Sinne eskalieren in der Nachbarschaft mit Orchideen befreundeter Papageien. Solche Koalitionen sind stärker als Sex mit der steinzeitlich tief schlafenden Mafalda. Pero Vaz de Caminha erlebt die Überwältigungen des Waldes in dem Bewusstsein, der erste zu sein, dem sie widerfahren. Ohne Erwägung stellt er seine europäische Wahrnehmung auf einen Gipfel, unter dem Menschen wimmeln.

Pero Vaz de Caminha ist kein Konquistador. Er wird niemals einen Machtrauschkater kriegen. Er ist ein Schauender. Er beobachtet Inder auf der Jagd. Mit „Blaseröhren“ schießen sie Vögel aus den Bäumen. Das Gefieder wird noch einmal sehr in Mode kommen auf der anderen Seite des Atlantiks. Zurzeit putzt es bloß die Leute vor Ort – eine dauergrinsende Gemeinschaft mit scharf gefeilten Zähnen.

„Vom Leben der Vögel und Blumen ist unter den Bäumen oft stundenweit nichts zu sehen. Es weilt glanzloses Halbdunkel, eine grüne Dämmerung.“

Morgen mehr.

06:46 01.02.2016
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