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Brasilien „Doch in allem (Neuweltmenschlichen) wird er (der europäische Betrachter) das gerade Gegenteil (der schönen Natur) sehen. Er lasse sein Auge über die Gefilde ...
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Paarbildungen mit gegensätzlichem Gestus verbinden Natur und Mensch in vielen Oppositionen. Pero Vaz de Caminha beschwört im Malariarausch die Schönheit der Neuen Welt und setzt dagegen die Kläglichkeit ihrer Menschen.

„Doch in allem (Neuweltmenschlichen) wird er (der europäische Betrachter) das gerade Gegenteil (der schönen Natur) sehen. Er lasse sein Auge über die (brasilianischen) Gefilde schweifen, und er wird darüber zerstreut Völkerstämme erblicken, die im Dickicht des Waldes gleich wilden Tieren leben, unbekannt mit den Segnungen der Zivilisation und den Bequemlichkeiten der Städte anderer Weltgegenden.“

Pero Vaz de Caminha reagiert so auf einen Schock. Er hat ins Paradies geguckt und kann sich nun nicht von der Einsicht lösen, dass Adam und Eva nur in der Unvollkommenheit einer vom Wunschdenken kupierten Betrachtung nicht wie diese Wilden ausgesehen haben.

Pero Vaz de Caminha stammt von Adam und Eva genauso ab wie wir heute vom Affen. Er schaut nicht nur Paradies im Ersten, er schaut auf Phoenix (www.phoenix.de) und in der Regie des großen Aschaffenburgers Guido Knopp in die Vergangenheit. Er steht in Brasilien auf dem Grundlagenkamm der Alten Welt und sieht mit dem Fernrohr seiner Ignoranz den Anfang der Schöpfungsgeschichte. Ein langsamerer Gott ist noch nicht dazu gekommen, das Tor zum Paradies abzuschließen.

Pero Vaz de Caminha macht Erfahrungen, auf die er von seinen Vätern nicht vorbereitet wurde. Das Erstaunen und mancher Schock löst den Text von innerer Vorhaltung.

Der Marinedichter will mit den Waldmenschen nicht verwandt sein. Folglich hält er sich an die Natur und fährt sie hoch. So einfach ist das.

So einfach ist das nicht.

Auch die Natur ist eine Enttäuschung. Schließlich ist man in Erwartung der von Marco Polo geschauten goldenen Städte aufgebrochen. Nun steckt man in den Klemmen von einem halben Dutzend Krankheiten. Diese Diktatur sagt: Der Mensch hat im Paradies nichts verloren.

Das ist doch geil, die Schöpfungsgeschichte wiederholt sich. Der Wald widerlegt den Menschen. Und Pero, die alte Schnapsdrossel, das angefaulte Rübenschwein, kommt als Genie der Genauigkeit um die Ecke, da er nichts begreift. Mich erinnert das an den Ausspruchs eines Astronauten der ersten Stunde: Die meisten Leute verstehen von Technik mehr als ich. Deshalb würden sie sich auch niemals in eine Rakete setzen.

„Unter den Tapuhas findet sich ein Stamm, der kein Menschenfleisch isst und seine Feinde nicht tötet, außer im Krieg.“

Ich lese solche Einlassungen als Episoden eines Distanzierungstextes. Der Menschenfresser ist eine Fehlprägung in der Abstand nehmenden Wahrnehmung des Autors. Doch kommt er so nicht weit. Die christliche Seefahrt führte im 15. Jahrhundert (also vor Pero Vaz de Caminha) zu so viel Zerstreuung und Not, das Anthropophagie zum Gegenstand päpstlicher Erörterungen geworden war. Das einschlägige Breve behandelt die Frage, wie gebeichteter Kannibalismus zu bewerten sei. Ich fasse mich kurz, es gab Schlimmeres im katholischen Katalog, dem nichts Menschliches fremd sein durfte.

„Die größte Ehre für einen Indianer besteht darin, einen Feind gefangen zu nehmen. Das gilt bei ihnen, (eine grammatische Ungenauigkeit des Originals) mehr als bloße Erlegung. Denn viele schenken ihren Gefangenen einem anderen zum Töten, um sich einen großen Namen zu machen. Mit jedem neuen Gefangenen nehmen sie auch einen neuen Namen zu ihrem früheren noch dazu, und so viele Namen hat einer, als er Feinde erlegt hat, wiewohl diejenigen mehr angesehen sind und als tapferer gelten, welche Gefangene machen.“

Pero Vaz de Caminha spricht nun über die Symbolik der Namen, er sucht den Vergleich, wo er ihn nicht findet. Die Zuschreibungen sind referenzlos, ich erspare jedem die Details.

Ein paar Zeilen später rockt der Autor wieder:

„Den Gefangenen führen sie mit einem Stricke am Halse unter frenetischem Jubel einher, geben ihm die Tochter des Häuptlings oder eine andere beliebige, so sie ihm gefällt, zur Frau und mästen ihn wie ein Tier, bis der Tag zum Schlachten gekommen.“

Morgen mehr.

09:02 04.02.2016
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