Hessenmeister CCXI

Pero Vaz de Caminha schreibt: „Kommen Gefangenen Kinder nach (an anderer Stelle: „Sind von den Gefangenen Kinder übrig“) so verzehren sie die dieselben gleichfalls, mögen es auch ihre ...
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Was zuvor geschah.

„Den Gefangenen führen die Inder mit einem Stricke am Halse unter frenetischem Jubel einher, geben ihm die Tochter vom Chef oder eine beliebige, so sie ihm gefällt, zur Frau und mästen ihn wie ein Tier, bis der Tag zum Schlachten gekommen.“

So geht es weiter.

„Zur bestimmten Zeit“, berichtet Pero Vaz de Caminha, „bedeutet der Clanchef dem Gefangenen, dass er sich einzustimmen habe auf den Tod. Sein Weib beklagt das, als sei sie die Verbindung in Liebe eingegangen. Der Geweihte macht ein wichtiges Gesicht zum bevorstehenden Termin und begleitet seinen Todesgesang auf der Trommel. Schließlich holt man ihn ab.

Der Gefangene wird mit einem besonderen Seil gebunden. Die Indianer nennen es Musurama. Daran führt ein festlich aufgeputzter Krieger den Gefangenen zu einem freien Platz, wo er die Laudatio auf Vorfahren des Gefangenen hält. Das Schlachtopfer erwidert, es sei der Stolz der Tapferen, den Tod nicht zu fürchten. Auch er habe viele Feinde getötet; er hinterlasse Verwandte als Rächer seines Geschicks. Sobald er den Todesstreich erhalten …“

Ich halte inne, mir geht das zu schnell. Ich sehe „Wilde“ auf einer Lichtung. Die Männer führen Speere, die wie Spielzeuge aussehen. Ihre Siedlung besteht aus inneren Zeltaufbauten, die drei aneinander gelehnten Stämme stehen frei. Zwischen ihnen hängen Matten durch. Viel Alltag verbringen die Leute in den Matten. Manche Matten hängen viel höher in den Bäumen.

Man führt ein leises Leben in Heiterkeit. Laut ist man zu offiziellen Anlässen. Dem Schlachtopfer schneidet der Metzger zuerst und rituell die Daumen ab. Dann zerlegt er es. An der Mahlzeit beteiligt sich auch die Witwe. Sie ist wieder guter Dinge und auch einem anderen schon zugeteilt.

Pero Vaz de Caminha schreibt: „Kommen Gefangenen Kinder nach (an anderer Stelle: „Sind von den Gefangenen Kinder übrig“) so verzehren sie die dieselben gleichfalls, mögen es auch ihre Vettern oder Brüder sein.“

Die Mütter distanzieren sich auf erhellende Weise. Sie behaupten, nur der Vater sei im Kind eines Gefangenen enthalten und beteiligen sich an dem Mahl munter wie alle.

Sie essen ihre Kinder in einer vollkommenen Verwandtengesellschaft. Alle sind miteinander verwandt. Keiner käme auf die Idee, Onkel oder Tante zu braten. Trotzdem sitzt da jetzt die Gisela aus der Hängematte über dem gelben Strauch und isst, was sie geboren hat.

Pero Vaz de Caminha nennt das „die wohl abscheulichste Angewohnheit, welche unter Indianern herrscht. … In ähnlicher Weise und mit der gleichen Herzlichkeit werden auch im Krieg erlegte Feinde geröstet und verzehrt.“

Man kann sich nicht weit vom Clan entfernen, ohne im Krieg zu sein. Da wird nichts erklärt, das ist eine Selbstverständlichkeit in Permanenz. Gleichwohl schlurft man mit größtem Gleichmut und geringer Achtsamkeit durch sein Gebiet. Paranoid ist er nämlich nicht, der Indianer.

Die im Wald zerstreuten Clans, Gruppen von selten mehr als hundert Waffenfähigen, befehden sich mit tödlichem Hass. Der Hass ist kaum plausibel, Pero Vaz de Caminha beschreibt ihn als Hobby mit einer Tendenz zur Übertreibung.

„In diesen beiden Stücken, der Vielweiberei und dem Abschlachten ihrer Feinde, besteht ihr ganzer Ruhm. Darauf gehen alle ihre Wünsche und darin besteht ihre Seligkeit.“

Morgen mehr.

03:37 05.02.2016
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