Hessenmeister CCXII

Pero Vaz de Caminha Der Bräutigam muss nach dem Willen seines Vaters und gemäß den Traditionen dem zukünftigen Schwiegervater eine Zeitlang dienen, ehe er die Tochter erhält
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Man kommt um Léautaud nicht herum. Seine Prosa ist so voraussetzungslos, dass ich sie als Jugendlicher in Kassel begreifen konnte. So wie Sie Lautréamont nicht einfach begreifen können, so wenig wie Beckett. Brinkmann schon. Léautaud und Brinkmann kann jeder einfach begreifen.

In den Siebzigern gab es „Das neue Buch“ als Rowohlt Reihe im Ramsch der Kaufhalle in der Abteilung Untertage. Wir, T., Mara, Sebastian und ich, holten uns jeder seinen Léautaud, zackzack, lange gefackelt wurde nie.

Dann wurde das gelesen, also zuerst die Tagebücher. Léautaud schreibt:

Ich habe nur gelebt, um zu schreiben. Dinge, Gefühle, Menschen habe ich nur gespürt, gesehen, gehört, um zu schreiben. Das ist mir lieber gewesen als äußeres Glück.

Rowohlt Taschenbücher rochen nach Glück, wenn mein Vater auf Dienstreise war und ich mit meiner lesenden Mutter als lesendes Paar mich so wohl fühlte wie in dem Bademantel, in den sie mich als Kind getan -, nachdem sie mich gebadet hatte.

Ich mochte meine Mutter, sie gefiel mir nicht nur, weil sie sehr gut aussah. Sie konnte Englisch, das war ungewöhnlich in der Siedlung.

Sonst hatte keiner eine Mutter, die Englisch konnte.

*

Pero Vaz de Caminha fährt fort: „Heiraten schließen sie (die Wilden) gewöhnlich nicht. In der Regel hat einer drei, vier Frauen, obwohl es auch manche gibt, die sich mit einer (das Wort taucht im Original gespreizt auf) Frau begnügen. Große Häuptlinge oder mächtige Krieger haben dagegen oft zehn, zwölf und zwanzig Frauen. Sie nehmen und entlassen dieselben nach Belieben. Es ist wahr, bei vielen findet eine wahre Ehe statt, wie es das Naturgesetz vorschreibt. (Man muss hier die gerümpfte Nase des Marineschriftstellers Pero Vaz de Caminha mitlesen.)

Der Bräutigam muss nach dem Willen seines Vaters und gemäß den Traditionen dem zukünftigen Schwiegervater eine Zeitlang dienen, ehe er die Tochter erhält. So kommt es, dass ein Mann, der mehrere Töchter hat, in höchstem Ansehen steht, wegen der Schwiegersöhne, die sie ihm erwerben. Diese sind ihrem Schwiegervater und den Schwagern besonders verpflichtet.“

So formen sich militärische Einheiten unter dem Dach der Frauen. In der schematischen Betrachtung: Der Schwiegersohn geht an der Seite des Schwiegervaters und ersetzt ihn womöglich nach dem Ausfall des Älteren. Er verbindet sich mit den Brüdern seiner Frauen zu einem Zug. Da kommen lauter Kompetenzteams zusammen. Der Zug rückt selbständig aus und vereint sich mit den Verwandten nach Maßgabe der Angelegenheit.

Pero Vaz de Caminha formuliert nun etwas schwülstig, ich glaube, er suchte nach dem Guten im Wilden, wenigstens nach gutem Willen:

„Der Schwiegervater hat eine große Autorität über die Schwestern des Eidams und ist ihnen in besonderer Liebe verbunden.“

Ich sag dazu nichts.

Morgen mehr.

07:04 06.02.2016
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