Hessenmeister CCXLIV

Kassel/Cassel Freiheit oder Gehorsam - In Kassel wurde die bürgerliche Emanzipation so aufgehalten wie sie in Frankfurt voran getrieben wurde
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Ich wiederhole mich, indem ich noch einmal Kurfürst Friedrich Wilhelm I. im Ruhestand zitiere: Noch liegt die Zukunft hinter dunklem Schleier, und nur dessen ist jeder Denkende sich bewußt, daß noch unsägliches Elend, noch heillose Wirrniß Deutschland, ja ganz Europa bevorsteht, ehe die Saat von 1866 beseitigt, oder was Gott verhüten wolle, zu Blüthe und Frucht gediehen sein wird.

Die preußischen Reichseinigungsbestrebungen betrachtete das Haus Hessen als einen widernatürlichen Akt der Zurückschneidung in sechshundert Jahren Herrschaft legitimierter, in den Begriffen der Epoche organisch gewachsener Ansprüche.

Und wahr bleibt, die Hessen hatten eben so wie die Welfen und das Haus von Braunschweig und die Wittelsbacher ein Ansehen in der Welt, das erst im Orkus des 20. Jahrhunderts verschwunden ist. Wenn Stimmungsrauscher Demokratie schreien, als hätte es nie etwas anderes gegeben, dann ignoriert das jede Menge Geschichte. Die Borussia in Hessen wurde genauso als Usurpation empfunden wie das französische Regime in Kassel.

Zuerst war man Hesse, dann Deutscher. So oder so bezweifelte man die Mündigkeit des Volkes. Warum sollte jemand etwas zu sagen haben, der aus einem unbedeutenden Stall kam. Immerhin stand Amerika jedem offen, der seinen Willen erproben wollte.

In den Jahren vor dem preußischen Stühlerücken glich Kassel einer prallen, schon zu Boden gegangenen Frucht. Man hatte Professor Matsko, der das Observatorium in Schuss hielt und den Oberbaumeister Bromeis, der als Mann von vorzüglichem Genie und Geschmack die Aufmerksamkeit jedes Fremden verdiente. Man hatte Professor Ruhl und Herrn Henschel in der Bildhauerkunst, die Herren Weigand und Emden in der Ölmalerei so wie Herrn Pinhas in der Miniatur. Man verfügte gewiss über Ritter vom Schlage eines Thunderbolt, dessen Erscheinung Frauen jederzeit in orgiastische Ohnmacht fallen ließ. Thunderbolt war bloß Potenz mit der Kraft des Bären und dem Wissen der Enzyklopädisten, so gar kein Fin-de-Siècle-Typ.

Das beobachtet man von Zeit zu Zeit. Dass am Ende das Beste noch einmal zutage tritt, während im Übrigen avanciertes Gesindel zu Hysterie und trampelnder Gefühligkeit neigt. Ich erinnere an Herrn und Madame Hummel in den Reihen der besten Farbenkünstler.

Die Buchhandlung des Herrn Krieger war bekannt als bedeutend. Die Hofbuchhändler Luckhard und Bohné machten viel Geschäft, zugleich unterhielten sie hugenottische Leihbibliotheken. Das waren Brutstätten des Liberalismus und Schmelztiegel der bürgerlichen Emanzipation. Eine weitere Leihbibliothek hatte Herr Meßmer. Herr Löber hatte eine musikalische Niederlage. Der olle Bottinelli verscherbelte Kupferstiche und vielerlei Ansichten von Wilhelmshöhe.

Vor dem Leipziger Tor stand die Kattunfabrik des Herrn Neron. Sie verdiente den ersten Platz ihres Genres. Täglich beschäftigte sie zweihundert Personen. Thorbeck, Strubberg und Koch betrieben Tabakfabriken, die der holländischen Konkurrenz gleich kamen. Der Arnold machte Papiertapeten und alles, was zur Auszierung eines Zimmers gehörte.

Kein Haus, das dem Tod fremd gewesen wäre. Schon lief viel auf Repräsentation hinaus. Das brachte Höckel Gewinn. Er hielt die Kronleuchter in seinem Magazin.

Die besseren Leute wollten leben wie bei Hofe. Sie gaben dem Kabinettschreiner Engel Aufträge zur Verwendung von Mahagoni.

Legordu, Kördel und Kompf besorgten Gold- und Silberarbeiten, in der Goldstickerei zeichnete sich Gastarbeiter Cavallo aus. Die Sattler Braun und Thiedemann verfertigten Wagen im neusten Geschmack. Völler und Beckmann machten gute Fortepianos.

Nun nenne ich Gasthäuser und Mietkutschen.

Es gab den

König von Preußen am Königsplatz

Römischen Kaiser am Gouvernementsplatz

Goldenen Helm beim Altstädtischen Rathaus

Kronprinz von Preußen an der großen Kirche

Hessischen Hof ebenda

Hof von England ebenda

Schließlich gabe es Das Deutsche Haus in der Frankfurter Straße.

Die besten Mietkutschen fand man im Posthaus, Lohnbediente gab es in jedem Gasthaus. Man fragte einfach nach einem Burschen und schon hatte man einen. Der Bursche war froh wegen des kleinsten Verdienstes.

Auf Unsere Kaffeehäuser und Weinwirtschaften kommen Wir morgen zu sprechen.

Ich will noch einen Gedanken ins Spiel des Tages bringen, der den Abend gestern schnurren ließ. Da beschäftigt man sich in Jahrzehnten mit der Heimatstadt, man glaubt, dem Schuster um Achtzehnhundert so wie jedem Landgrafen in funzelige Behaglichkeit folgen zu können und plötzlich - gleichsam zackbumm - schiebt sich vor vertraute Kulissen und das ganze Buntglas der Phantasie ein neuer Gedanke. Da beweint ein Kurfürst seinen Machtverlust in patriotischen Gesängen. Ich meine, Friedrich Wilhelm I. von Hessen-Cassel verzichtet in seiner Suada auf die Genauigkeit in Zahlen. Er schwafelt von tausend Jahren Hessen und ignoriert die historischen Tatsachen. Die Hessen sind von Haus aus Thüringer und Lothringer. Der hessische Löwe schmückte zuerst die Brabanter. Die Thüringer sind bei Licht betrachtet Franken. Thüringens ursprüngliche Königsfamilie wurde im 6. Jahrhundert ausgelöscht.

Die hessische Geschichte ging so los: Heinrich II. von Brabant heiratete Sophie von Thüringen, Tochter des Landgrafen von Thüringen (aus dem Haus der Ludowinger) und der Heiligen Elisabeth. Nach dem Ende der Ludowinger, ihr Mannesstamm starb mit Heinrich Raspe 1247, ging der westliche Teil (heute Hessen) des Ludowinger Erbes an Sophie. Ihr Sohn Heinrich wurde erster hessischer Landgraf. Heinrich machte Kassel zu seiner Residenz. Er unterwarf die Stadt seinen Interessen.

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Cassel als ehrgeiziger Flecken - ich stelle mir den Marktplatz an einer Furt vor, im Schatten eines fränkischen Königshofes. (Nicht zu weit weg von einem Kloster.) Der Hof war vielleicht nicht mehr als eine Palisadenfestung. Handel und Wandel setzten die Impulse der frühen Stadtentwicklung. Bürgerliche, nicht feudale Bedürfnisse bestimmten den Lauf der Dinge. Dazu gehörten Unabhängigkeitsabsichten der Stadtherrn.

Wohlstand duckt sich nicht. Das ist der Punkt. Heinrich I., der als Kind auf den Thron kam und als Enkel der hl. Elisabeth in königl. Verbindungen existierte, überwand im territorialen Begehren den bürgerlichen Aufschwung. Er planierte den Willen der Kaufleute und schuf so dem Haus Hessen eine Machtbasis (letztlich) bis 1918. Das Recht zu herrschen hatte er angeblich von Gott.

Morgen mehr.

08:19 11.03.2016
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