Hessenmeister CCXVI

Brasilien Als Alvares, der jetzt wie ein höheres Wesen angesehen wird, die Wilden versichert, er werde seine Waffe nicht gegen sie ...
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Was zuvor geschah.

Sie nannten sich Glaubensboten. Auf dem Weg nach Indien vom Kurs abgekommen, strandete ein Fähnlein geharnischter Portugiesen an der brasilianischen Küste. Die Versprengten hörten auf Diego Alvares. Der Kapitän entsandte einen Schwarm kaum bewaffneter Aufklärer. Sofort fingen die Aufklärer Streit mit den erstbesten Wilden an, sie erlebten manch unangenehme Überraschung. Die Wilden wussten noch nicht, dass sie Untermenschen waren. Sie hielten sich für master of the universe; wer will es den jungen Athleten verdenken. Die Europäer schimmelten in ihren Rüstungen wie kaputte Konserven, die Zähne wackelten im Takt des Skorbuts. Sie stanken nach Pissrinne.

Beeindruckend ging anders. Die Wilden imponierten mit Riesensätzen, Rädern und Purzelbäumen. Sie warfen ihre Speere nach der Sonne, ihr Dasein war reines Strandvergnügen.

Ihr seid uns unterworfen, riefen die Glaubensboten.

Ihr könnt uns mal im Mondschein begegnen, entgegneten die Wilden.

Eure Helme sind unsere Nachttöpfe.

Rock’n’Roll.

Da kamen Bill Haley and his Comets ums Ecks, Frauen und Kinder bewarfen die Portugiesen mit der Flaschenpost vom Vorjahr. Ein unbeschreiblicher Tumult (mit Massaker) ergab sich im Weiteren.

Kapitän Alvares sah das Grauen am Strand von Brasilien. Doch schien es nicht ratsam, Kanonen einzusetzen. Dies war nicht der richtige Augenblick für eine show of force. Indem sie die Kaltblütigkeit erkannten, die Alvares‘ Verhalten bestimmte, erkannten die Gefolgsleute ihren Führer. Sie gelobten blinden Gehorsam. Alsdann tat Alvares einiges, um die Mörder seiner Männer in die Rollen wohlwollender Gastgeber schlüpfen zu lassen.

So geht es weiter.

Alvares setzt eine Karawane mit Geschenkträgern in Gang. Er versteht es „geschickt“, so Blattschneider in „Brasilianische Abenteuer“, „einige Fässchen Pulver und zwei Gewehre heimlich beiseiteschaffen zu lassen, in Erwartung einer Gelegenheit, die Wirkung der Waffen den Wilden zu zeigen. Da kreisen in den Lüften über dem Lager einige Aasgeier. Der Kapitän nimmt einen aufs Korn, drückt los, getroffen stürzt der Vogel aus der Höhe nieder zu den Füßen des Schützen. Der Blitz, der furchtbare Knall, das hallende Echo, der jähe Sturz, all das erfüllt die Wilden mit Entsetzen. Sprachlos stehen die Krieger, während Weiber und Kinder ihr Heil in der Flucht suchen.

Sie schreien: Caramuru.

Und immer wieder schreien sie: Caramuru.

Als Alvares, der jetzt wie ein höheres Wesen angesehen wird, die Wilden versichert, er werde seine Waffe nicht gegen sie, allerdings gern gegen ihre Feinde richten, kennt die Freude und Verehrung auf dem Festplatz der Gemeinde keine Grenzen mehr.“

Morgen mehr.

06:40 13.02.2016
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