Hessenmeister CCXVII

Brasilien Alvares verliert einen Mann nach dem anderen an die Wildnis. Allgemeine Anbetungswut verlangt dem Kapitän viel ab
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Was zuvor geschah.

Er kommt als Schiffsbrüchiger und bleibt als Sonnenkönig. Mit Mut zur Tücke und Freude am Mummenschanz gelingt es Diego Alvares sich am Amazonas als ein anderer Kurtz (siehe „Herz der Finsternis“) zu etablieren.

Man nennt ihn den „Feuermann“. Der Chef seiner Gastgeber nutzt die Gunst der Stunde und zieht unter der Führung des Feuermanns „gegen einen rebellischen Stamm“* zu Felde.

*Eine typische Blattschneiderformulierung, aus der keiner schlau wird.

Blattschneider schreibt: „Man sah den feindlichen Führer in der Ferne, wie er seine Krieger zum Kampf ermutigte. Kapitän Alvares legte auf ihn an und drückte los. Getroffen stürzte der Häuptling der Rebellen nieder. Panik ergriff das Fußvolk. In wilder Flucht zerstreute es sich. Die Tapferkeit und übermenschliche Kraft des Caramuru hatten sich glänzend bewährt. Ruhm eilte auf wippenden Schwingen. Häuptlinge bewarben sich um Freundschaft, Alvares wurde zum Schiedsrichter in allen Streitigkeiten bestimmt.

Schlemihl als Salomo. Alvares herrscht wider Willen. Er empfindet sich in der Not eines Ausgesetzten. Ihm fehlt das Theater, höfische Unterhaltungen. Möglichkeiten der Fortbildung. Das Feuerwerk zum 1. Mai.

Alvares verliert einen Mann nach dem anderen an die Wildnis. Allgemeine Anbetungswut verlangt dem Kapitän viel ab. Jeden Tag muss er sich etwas Neues ausdenken. Verbesserungen kann er kaum durchsetzen, die Wilden sind Traditionalisten. Sie sind von ihren Sitten besessen. Sie leben im Dickdarm der Gebräuche.

So geht es weiter.

Ein Mann besucht sein Wrack. Er schweigt auf den Trümmern Europas. Unter ihm thront der Atlantik. Er ist unfähig, die Empfindungen der Wilden zu dechiffrieren.

Alvares supervisioniert Alltagsszenen am Strand. Man serviert Meeresfrüchtesalat auf Palmblatt. Wenigstens versichern einen die Umstände dagegen, eine Unterhose des Vorgängers aus der Sesselritze zu ziehen.

In der europäischen Retrospektive hält Alvares unter Wilden aus. Er leistet nachfolgenden Kolonisten und Missionaren wichtige Dienste. Er schafft Struktur.

Man weiß immerhin, dass Alvares nicht glaubte, in einer Art verdorbenem Paradies gelandet zu sein. Er registrierte den nachlassenden Widerstand seiner Seeleute ohne Leutseligkeit. Alvares fand seine Leute charakterlos, während er zugleich einen stalinistischen Personenkult zuließ.

Er wurde immer dicker.

Er veranlasste die Wilden, ihn mit Freiluftinszenierungen zu unterhalten. Er förderte die öffentliche Verrichtung sexueller Notdurft. Er drängte Greise zu entwürdigenden Handlungen. Er schuf avantgardistische Gruppenbilder mit rauchenden Frauen.

Dann strandete der nächste Schwung Portugiesen in der Regie von Joao Ramalho. Alvares hörte von der Bruchlandung und stellte sofort ein Expeditionscorps auf die Beine, das im Gewaltmarsch den Ruinierten entgegen strebte.

Eine neue Ära brach an. Ramalho ging Alvares‘ snobistischer Somnambulismus ab; er hatte die Tatkraft mit Löffeln gefressen. Sein Sendungsbewusstsein trieb ihn zur Gründung einer europäischen Siedlung. Ich rede von Sao Paulo.

Ramalho trat die erste portugiesische Kolonie in die Neue Welt, er nannte sie Santo André.

Blattschneider: „Joao Ramalho war ein flamboyanter Mensch, seinen Namen beflecken frevelgelbe Schandtaten. Er koalierte mit den Heiden. Von ihm stammt jene Mestizenrasse ab, die bald gefürchtet war, da sie gewohnheitsmäßig die Reduktionen (Reservate) der Jesuiten verheerte.“

Ein jüngerer Pero Vas de Caminha präzisiert: „Allein mit der Kraft seiner Lenden erschuf Joao Ramalho eine monofunktionale Schicht. Gleich den „Mamluken“ dienten diese Mestizen einem Herrn als Militärsklaven. Sie kannten und verstanden nichts anderes als diesen mit unnötiger Grausamkeit versehenen Dienst.“

Sie hatten keinen besonderen Segen, schreibt ein Pero Vas de Caminha hundert Jahre nach jenem Pero Vas de Caminha, der Cabrals brasilianische „Entdeckung“ dokumentierte. Weder Abstammung noch Religionszugehörigkeit boten den Mestizen einen Rahmen für gesellschaftlichen Aufstieg. Insofern hinkt der Mamlukenvergleich. Mamluken vereinten tausend Jahre lang Macht auf sich. Sie gründeten Reiche.

Morgen mehr.

09:19 14.02.2016
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