Hessenmeister CCXVIII

João Ramalho wusste nicht, was im 16. Jahrhundert in Portugal als herrschaftliches Wissen gehandelt wurde. Weder besaß er den nautischen Schlüssel, den Cabral ...
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João Ramalho behauptete gegenüber seinem Biografen Afonso de Sousa, er sei auf der Suche nach halberfundenen Paradiesinseln an der Ostküste Südamerikas zur Notlandung gezwungen worden. Allerdings wusste er das wahrhaftig nicht, was im 16. Jahrhundert in Portugal als herrschaftliches Wissen gehandelt wurde. Weder besaß Ramalho den nautischen Schlüssel, den Cabral, der Entdecker Brasiliens, seinem König überlassen hatte, noch hatten ihn Portugals Pfeffersäcke ausgestattet. Niemand spekulierte auf Rendite, Ramalho reiste ohne Auftrag.

Dafür gibt es nur eine Erklärung. Sie bietet dem Außerordentlichen einen Höhepunkt. Nähern wir uns der Sache vom Plateau.

Die Wissenschaft nennt Ramalho einen Abenteurer, sie rückt ihn sich zurecht als Ausreißer und Pirat. Seine Zeit konnte ihn nicht anders begreifen.

Ramalho war nicht legitimiert. Kein König hatte ihn vorab mit den Vollmachten eines Statthalters begünstigt. Er kam als gestrandeter Seeräuber, tat, was er tat in eigenem Namen und gründete dann doch die erste portugiesische Kolonie in Amerika; vielleicht deshalb, weil selbst er die Welt nicht anders denken konnte, als eine von Gott den Königen übertragene Angelegenheit.

Johann III. ernannte Ramalho zum „Chef des Hochlandes von Piratininga“. Ein lustiger Titel. In der Spanne seines brasilianischen Lebens war Ramalho jedenfalls sehr viel mehr als Hochlandchef. Er war mehr Gott als König. Zu seiner Entourage gehörten Gaukler und Jongleure. Leute, die auf Händen eilten. Breakdancer. Seilläufer. Musikanten. In Ramalhos mit marineblauem Segeltuch überspannten Sänfte schaukelte ein Kleinwüchsiger mit.

Ramalho zeugte eine Armee, davon war in der letzten Stunde die Rede. Er unterbrach sich, da man ihm von Kauffahrern an seiner Küste berichtete. Der Handel mit Brasil, dem roten Farbholz, versprach Gewinn.

An der Mündung einer der fünf Flüsse, die in der Bai von Allen Heiligen (Bahia ) zusammenflossen, bemerkte Ramalho zwei französische Schiffe. Ganz König von Brasilien, riet Ramalho den Kapitänen zur sofortigen Abreise. Die Kapitäne Vian und Milhaud zeigten dem kuriosen Vollbart ihre erregten Mittelfinger.

„Va te faire enculer.“

Blattschneider verschraubt sich: „Da die Fremdlinge sich um die Aufforderung, den (natürlichen) Hafen zu verlassen, nicht scherten, wurden sie als Feinde behandelt und ihre Schiffe in den Grund gebohrt. In der Folge fand sich die portugiesische Krone endlich veranlasst, die Kolonisierung Brasiliens entschiedener zu betreiben, um Ansprüche anderer Mächte abzuwehren. Das ganze herrliche Küstengebiet wurde in dreizehn Hauptmannschaften (capitanias) eingeteilt und …“

Darüber wird noch zu reden sein. Blattschneider stürzt den Ereignissen voraus. Solange Ramalho Chef im Ring ist, gibt es keine Dezentralisierung. Sein Biograf findet geradezu rührende Worte, Ramalho habe sich dem Leben der Guaianases angepasst und Ansehen gewonnen, indem er die Tochter des Präsidenten Tibiriçá, eine Braut namens Isabel Dias, heiratete. Vielleicht verstehe ich nicht alles richtig, ich glaube, Ramalhos Mann fürs Grobe der Christianisierung hieß Manuel da Nóbrega, hier steht Chefe da primeira missão jesuìtica à América. Manuel da Nóbrega stand einer grande liberdade sexual skeptisch gegenüber, um den anderen Chefs zu gefallen, so Afonso de Sousa wörtlich, heiratete Ramalho ihre besten Töchter.

Immer wieder heißt es, Ramalho habe zum Zweck seines Vergnügens und aus Gründen der Staatsräson „christliche Grundsätze außer Acht gelassen”.

Morgen mehr.

07:05 15.02.2016
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