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Brasilien Tomé de Souza betrat 1549 mit tausend Kolonisten und vierhundert Degredados einen ...
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Am 7. August 1541 überquert Willi Blattschneider den Rio dos Frades. Ein Schock im Vorjahr ertrunkener Franziskaner gab dem Fluss seinen Namen. Die Ordensleute waren in Porto Seguro gelandet und da von João Ramalho empfangen worden. Ramalho herrschte königlich in den kolonisierten Gebieten. Er hatte Brasilien als Pirat oder Schiffsbrüchiger, vielleicht sogar als Verbannter erreicht. Nun prosperierte er u.a. als Sklavenhändler. Man sagte ihm Arroganz und Eitelkeit nach. Wieder finde ich: „Er war kein höflicher Mann.“ Seine Hauptfrau war die Amazonas-Pocahontas Bartira (christl. Isabel Dias). Sie verdiente sich das Mutterkreuz im goldenen Eichenlaub mit Schwertern und Brillanten. Der Historiker Isidor Vasconcellos schreibt: „Teve também filhos com outras mulheres, até mesmo com irmãs de Bartira. - João Ramalho hatte Kinder auch mit anderen Frauen, nicht ausgenommen mit Bartiras Schwestern.“

Er bestimmte den mit einem Feuermal gezeichneten Timor Anchieta zum Führer der Franziskaner. Blattschneider nennt Anchieta einen grande pioneiro da colonização paulista. Vasconcellos beschreibt ihn als verdorbene Person. Kreatur und Stiefelknecht seines Herren João Ramalho. Ein Weißer ohne Schwung, dem es in Übersee nicht gelungen sei, den Stricher abzustreifen. Wahlweise den Zuhälter. Man vermutet, dass er im Tross des Martim Afonso de Sousa erst 1531 in die Neue Welt gekommen war.

Manuel da Nóbrega war damals das geistliche Oberhaupt der Kolonie und ein Nachbar von João Ramalho. Außer Frage steht, dass ohne seine Zustimmung die Franziskaner nicht der Führung Anchietas anvertraut worden wären.

Anchieta „führte“ mit Hilfe Ortskundiger. Er trottete hinter Kennern der Gegend her. Man bewegte sich in der Serra do Mar, einem Höhenzug am Atlantik. In Höhlen verbargen sich Halbweiße, die wilder als die Wilden waren. Die Hölle hatte sie wieder ausgespien. Sie kündeten die Apokalypse an.

Kein Franziskaner war fromm genug, um bei ihnen zu bleiben. Vielleicht arrangierten die Verwilderten jenen Badeunfall, der den Rio dos Frades zum Gegenstand der Geschichtsforschung machte. Lakonisch heißt es bei Vasconcellos: „Die Übrigen wurden bei einem Aufstand der Wilden umgebracht.“ (Mit Ausnahme von Anchieta, der sich fortan als Mönch ausgab. Diese Idee hatte er nicht allein.)

Kurz nach Ermordung der Mönche erschien ein Schiff am Gestade. Da zogen die Inder Kutten der erschlagenen Missionare an und wandelten mit dem Brevier in der Hand mönchisch am Strand. Mit der Kriegslist gedachten sie die Mannschaft anzulocken und in ihre Gewalt zu bringen.

Lange kamen keine Ordensleute mehr nach Brasilien, bis die Jesuiten sich über alle Furcht- und Frustrationsschranken hinweg setzten. Als Willi Blattschneider am Rio dos Frades Wilde erforscht, spielt Anchieta nicht mehr lange den letzten Mönch.

Blattschneider notiert im Januar 1542: „Er (Anchieta) setzte seine Arbeit unverdrossen fort. Da tauchte (im Nov. 1541) ein spanisches Raubschiff auf. Man lockte den Priester mit einigen Wilden an Bord und lichtete die Anker. Als das die Zurückgebliebenen sahen, fuhren sie auf Flößen an den Prisenjäger heran und baten, man möge doch wenigstens ihren guten Vater zurücklassen.“

Anchieta überstand seine Entführung und bewährte sich in weiteren Rollen. Schließlich unterstützte er den von König Johann wegen hoher Kosten und geringer Profiterwartungen äußerst widerwillig eingesetzten, ersten Statthalter in Brasilien, einen „biederen Soldaten“ (Blattschneider) namens Tomé de Souza.

Die amerikanische Kolonie drohte der Krone nach bald einem halben Jahrhundert halbherzigem Besitz zu entgleiten. Tomé de Souza betrat 1549 mit tausend Soldaten und Kolonisten, hundert Missionaren und vierhundert Degredados einen failed state. Die Christianisierung war gescheitert. Die Plünderung des Landes verlief schleppend. Die militärische Vorherrschaft Portugals war fragwürdig.

Desperados konnten Filialen in Brasilien beinah nach Belieben errichten.

Missionare verzweifelten an den eigenen Leuten. Ihnen das Würfelspiel, Fluchen und Schwören auszutreiben und abzugewöhnen, drohte zu einer über jeden Kopf wachsenden Aufgabe zu werden. Die Einwanderer standen sich von Zerwürfnissen fraktioniert gegenüber. Ihre Erbitterung ließ alles bersten. Auf Mäßigung und Moderation legte man keinen Wert.

Unter den Degredados waren viele „neue Christen“, die das jesuitische Misstrauen zum Höhepunkt brachten. Locker bleiben, ging für keinen. Es gab spanisch stämmige Juden, deren Großeltern die Vertreibung der Zwangschristianisierung vorgezogen hatten und nach Portugal ausgewichen waren. Ihr Geschick und Vermögen hatte Portugal aufgemöbelt und seetüchtig gemacht. Zum Dank nötigte man die Enkel in den Katholizismus, um sie als Christen unglaubwürdig zu finden. Nun wollten die neuen Christen in der Neuen Welt so schnell wie möglich Land gewinnen.

Morgen mehr.

07:58 17.02.2016
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