Hessenmeister CCXXI

João Ramalho Wir kennen ihn schon als Verbannten, als Piraten und Schiffsbrüchigen so wie als Vater einer "Rasse", als Religionsführer kommt er uns noch einmal besonders ...
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Die portugiesische Verwaltungslehre kennt das Amt des Bürgerbeauftragten seit der Renaissance. Der Kaufmann António Montez machte den Bürgerbeauftragten in São Vicente, als João Ramalho der große Mann in Brasilien war. Gestern fand ich eine Quelle, die Kalmar Ramalho als jüdischen Exilanten führt. João Ramalho habe sich gegen das Schicksal zwangschristianisierter Juden gestemmt und in der Neuen Welt eine krypojüdische Bewegung ins Leben gerufen. Wir sahen ihn schon als Verbannten, als Piraten und Schiffsbrüchigen so wie als Vater einer kampfstarken Mestizenrasse, als Religionsführer kommt uns João Ramalho noch einmal besonders absonderlich entgegen.

Er soll Richter und Ratsherr in São Vicente gewesen sein, ein ziviler Kollege des braven António Montez. Der Bürgerbeauftragte führt den Beinamen Bacharel – Junggeselle. São Vicente taucht auch als Kommune der Schiffsbrüchigen auf.

Von vierzehn Gründungen florieren lediglich zwei über die Anfänge hinaus. São Vicente zählt zu den Siegersiedlungen.

*

Die koloniale Erschließung Brasiliens erscheint im ersten Durchgang als Abfallprodukt indischer und afrikanischer Prioritäten. Erwähnung finden amerikanische Ausflüge manchmal nur im Zusammenhang mit der Suche nach einer Passage zum Pazifik. Die Verkürzung stiftet eine Kuriosität. Es entsteht der Eindruck einer atlantischen Tagesausflugsbeschaulichkeit von Afrika nach Amerika.

Tatsächlich ist man glücklich, nach fünfzig Tagen Überfahrt den Anker in der Bai von Allen Heiligen – Baía de Todos os Santos - werfen zu können. Das ist, so Blattschneider, die schönste Bucht Südamerikas. Man nennt sie auch den Blauen Saphir. Zahlreiche Inseln erfreuen mit ihrer Anmut das Auge. Sechs schiffbare Flüsse gestatten die Weiterreise ins Landesinnere.

Dem Ufersaum scheint die Caprisonne.

Vom Erkundungsfieber befallen, rivalisieren Spanien und Portugal auch ums Spitzenpersonal. Interessant ist hier Christopher de Haro (Cristóvão de Haro), ein Flame zunächst in portugiesischen Diensten. Als Agent der Fugger tritt er in Lissabon als Finanzier auf. Nachdem er sich mit König Manuel von Portugal überworfen hat, fährt er mit dem Portugiesen Magellan für Spanien um die Welt.

Der Portugiese Aleixo Garcia erkundet den Rio de la Plata mit einem spanischen Auftrag. Auch Juan Díaz de Solís könnte Portugiese gewesen sein. In jedem Fall startete er seine Karriere in der portugiesischen Marine und scheiterte schließlich für Spanien am Rio de la Plata.

*

Um noch einen absurden Gipfel zu besteigen. In einer Deutung erscheint João Ramalho als illegitimer Königssohn. Dann nennt man ihn wieder rüpelhaft und grob und stellt ihn als Analpheten hin.

Er sei königlichen Abgeordneten gegenüber aufsässig und anmaßend. Es gäbe keinen Christen, der ihn nicht fürchtete.

António Montez studiert den Charakter des Kollegen, der stets in einer monströs-martialischen Montur sich herablässt und sich besonders darauf versteht, ein fürstliches Ansehen bei der ursprünglichen Bevölkerung nicht zu verlieren.

António Montez schildert indigene Passivität. Die Inder wüssten nicht, wie man sich verweigert. Sie seien immer sofort mit dem Herzen dabei; von allzu überschwänglicher Art. Der Chronist begrüßt die Verbindung João Ramalhos mit der Präsidententochter Bartira - um bom partido.

João Ramalho ist ein Magnet für Außenseiter und Extremsportler. Grandiose Randfiguren kommen in seiner Aura zum Zug der Geschichte. Ich erinnere an Hessenmeister Hans Staden, den ersten Stadtkommandanten von São Vicente. Der Mann aus Homberg/Efze hatte sich als schiffsbrüchiger Landsknecht in spanischen Diensten vom La Plata nach Norden durchgeschlagen. Er hatte seinen Tod in Gefangenschaft erwartet. Er war dem Arrest entsprungen. Jahre später erkennt Staden darin eine Notwendigkeit, sich von Landtfahrern vnd Luegener (die nach ihrer) gewonheyt von eynem landt ins ander ziegeuners weise (ziehen) abzusetzen. Der als Pulvermüller in Wolfhagen (Niederhessen) zur Ruhe gekommene Weltmann muss sein abenteuerliches Blut zu einer bodenständigen Sache verschaukeln. Er erkennt und beklagt, wie schwer es ist, sich ein gutes Andenken in der Welt zu bewahren.

Morgen mehr.

08:40 18.02.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare