Hessenmeister CCXXII

Hans Staden Der windt war vns zuwider/Wie wir auß Prannenbucke fuhren/bei eyn Frantzösisch Schiff kamen/ vnd vns mit jme schlugen (aus Wa(h)rhaftige Historia)
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Regierungsgeschäfte und Unterhaltungsindustrie. Washington & Hollywood - Um den „Eingeborenen“ gleich beim ersten Auftritt Respekt einzuflößen, betritt Tomé de Souza „unter dem Schalle der Trompeten und dem Donner von Geschützen“ (Sibelius Blattschneider) die halbzerfallene, ursprünglich französische Niederlassung São Salvador da Baìa de Todos os Santos. Missionare und Beamte folgen im Nachtrab. Jungeselle António Montez schlappt im Gefolge. Der familienständige Hinweis prägt sich in ständiger Wiederholung ein. Manchmal findet man bachelor statt bacharel.

Die ursprüngliche Bevölkerung erscheint 1549 vor Ort bereits im Zustand fortgeschrittener Verelendung. Man bettelt von Tür zu Tür und liegt den Franziskanern und Jesuiten mit vollkommener Haltlosigkeit in den Ohren. Vom Krieger zum Penner in Nullkommanix.

António Montez versteht die Welt nicht mehr. Er verachtet den Inder, da jener nackt geht, wo man ihn davon nicht abhält.

„Schamlos in seiner Verzweiflung“ nennt António Montez den Inder.

Nicht vergessen darf man, dass São Salvador seit 1502 am Boden liegt. Seit Diego Álvares Correia in der Allerheiligenbucht notlandete und mit seinem Gewehr einen Mordseindruck auf die Wilden machte. Als Caramuru ging er in die Geschichte ein. Schiffbrüchige vom Schlage eines João Ramalho überflügelten ihn bald als wilde Herrscher auf dem Gebiet eines gleichgültigen Königs. Der portugiesische König spannt nach Afrika und Ostindien. Brasilianische Berichte langweilen ihn. Mal überlässt er diesem, mal jenem São Salvador als Lehen und in den ersten dreißig Jahren sind die Wilden auch noch tapfer genug, um einen Francisco Pereira Coutinho oder Pedro Fernandes Sardinha kalt zu machen und am Spieß zu braten.

Die Lethargie kam allmählich, doch jetzt lebt sie mit den Leuten zusammen. Sind alles Christen, diese Bettler. Sie singen die Lieder der Kirche zu eigenen Melodien. Deshalb wird bis zum Papst gestritten. Darf der Inder seine indischen Instrumente in der Kirche auspacken oder ist das zu heidnisch.

Ein anderes Thema liefert portugiesische Polygamie. In der Alten Welt verheiratete Männer stecken in der Neuen Welt mit Inderinnen unter einer Decke, zum Nachteil legitimer Gattinnen und Nachkommen. Es stellen sich Fragen der Besitzstandwahrung. Man sagt Sünde und meint Erbrecht.

Ach so, São Salvador da Baìa de Todos os Santos ist Hauptstadt von Brasilien und immer wieder niederländischen Invasionen ausgesetzt.

Der Hesse Hans Staden bewährt sich als Baumeister eines Hafenforts, dem erst hundert Jahre nach ihm fertiggestellten Forte do Mar.

Staden sieht auf seinen Reisen nach Prasilien „weiße Mohren“. Ich zähle auf, was geladen und auch als Beute genommen wird: Zucker, Mandelen, Taddeln, Bocksheude, Gummi arabicum.

Der Wind entscheidet, wo man landet.

Staden verfängt sich in Scharmützeln. Die Wilden traweten wie sie vns essen wollten, wenn sie vns kriegten.

Als Büchsenschütze (so steht es im Arbeitsvertrag) in portugiesischen und spanischen Diensten neigt Staden dazu, französische Kauffahrer zu kriminalisieren. Seine unwillkürliche Parteinahme gegen diese Piraten stößt so lange auf keinen reflexiven Bolzen, bis er in Gefangenschaft der von allen Portugiesen total abgetörnten, Franzosen jedoch gewogenen Tupinampá gerät.

Die Bettler von São Salvador sind in Prozessen der Zivilisation „fast bis zum Tier herabgesunken“. Sie wurden zu Objekten der Geschichtsschreibung ohne Selbstdeutungsmacht. Man schreibt ihnen vor, wie sie sich zu sehen haben. Das ist ihr Ende bis heute.

Die Missionare stellen Taufrekorde auf. Ein Beispiel für die christliche Perspektive, ich zitiere Dr. Navarrus, der sich in einem Brief vom 10. August 1549 an P. Nóbrega wendet:

„Die Ermordung eines Landsmannes durch einen Indianer drohte das glücklich begonnene Werk gleich wieder zu zerstören. Ein Krieg schien die unausbleibliche Folge des Verbrechens. Glücklicherweise entschlossen sich die Wilden, den Mörder selbst festzunehmen und dem Statthalter auszuliefern. Derselbe ließ sich ohne weiteren Prozess vor die Mündung einer Kanone stellen und in Stücke schießen, was den Wilden einen heilsamen Schrecken einflößte.“

Die Missionare stoßen auf „eine sonderbare Schwierigkeit“. (Blattschneider) „Fast alle, die wir taufen“, so Nóbrega, „werden krank. … Vielleicht will der Herr diesen in seinem Blute wiedergeborenen Kindern gleich anfangs zu verstehen geben, wie kostbar die Leiden sind …“

„Das Hauptlaster der Indianer ist der Kannibalismus. Im Kampf gegen diesen Greuel hat der Missionar die Macht der eingewurzelten Gewohnheit zum Gegner.

Das beste Wildbret gilt ihnen nichts im Vergleich zu einem Schnittchen Menschenfleisch.

Ein Pater fand ein steinaltes Mütterchen am Sterben. Sogleich gab er sich daran, die Kranke zu unterrichten und ihr wenigstens die zur Seligkeit notwendigen Psalme beizubringen. Nach längerer Unterweisung wollte er der Alten in Anbetracht ihrer Schwäche einige Ruhe gönnen und begann mit ihr in vertraulichem Ton sich zu unterhalten:

„Sag an, Großmütterchen, wenn ich dir jetzt ein Stückchen Zucker gäbe oder einen feinen Bissen aus dem Lande jenseits des großen Wassers, würde es dir wohl Freude machen?“

Die Alte widersprach:

„Mein Enkelchen, nichts verlange ich mehr in diesem Leben. Alles ist mir zum Ekel. Nur ein Ding könnte meinen Widerwillen überwinden. Wenn ich das Händchen eines noch zarten Tapuha-Knäblein hätte und daran die Fingerknöchelchen abnagen könnte, das würde mir noch schmecken und mir wieder zu Kräften verhelfen. Allein ich Arme habe niemand, der mir einen frischen Buben erbeuten kann.“

Den Wilden übersetzt man Gott als Donnervater, da Donner das einzige Phänomen ist, das den Wilden göttlich erscheint. Sie leben mit Geistern, die in Schach gehalten werden müssen. Sie fürchten und achten ihre Zauberer. Wir wollen einmal dem Botaniker Texas D.A. Thunderbolt hinterher gehen, gerade als er dem Gefolge von Pedro de Mendoza entweicht, das am Rio de la Plata vom Silberwahn zu einem Spaziergang in der Hölle eingeladen wurde. Thunderbolt bemerkt einen prächtigen Gaukler vor erheblichem Auditorium.

Der Wald ist Kathedrale.

Frauen klagen sich vor dem Wundermann der Vergehen gegen ihre Männer an und bitten um Verzeihung. Der Zauberer zieht sie in einen dunklen Raum, wo ein halbierter Menschenschädel dem Geflüster seiner Zaubersteine als Schale dient.

Man unterscheidet kaum zwischen Hochdeutschen und Niederländern. Von allem Anfang beteiligen sich deutsche Kaufleute an westindischen Unternehmungen. Mendoza wird u.a. von der Nürnberger Familie Welser finanziert.

Thunderbolt bemerkt Herden verwilderter Schlachtrosse. Er kritisiert den schroffen Hochmut der Konquistadoren als Kommunikationshemmnis. Mendozas Männer verlieren eine Schlacht gegen Eingesessene. Die Eingesessenen nehmen einen Verlust von tausend Milizionären hin. … Die Eindringlinge kommen so auf den Hund, dass sich keine Maus vor ihnen in Sicherheit weiß.

„Sie kauen Schuh und Leder.“ (Blattschneider)

Übrigens kauen sie auf einem Flecken, der ungefähr Buenos Aires heißt. Buenos Aires bezeichnet keinen Luftkurort.

Die Menschenfresserei nimmt überhand. Mancher wird gehenkt nur, nach ausführlicher Folter, um als Mahlzeit herzuhalten. Schon Thunderbolt nennt das Verfahren durchsichtig, unglaubwürdig und bigott.

Mendoza schickt eine Expedition los, die bei (über das Wesen der Weißen) noch nicht informierten Bürgern Lebensmittel besorgen soll. Alles flieht vor dem desolaten Haufen und verbrennt im Aufbruch noch hektisch alles bis auf den letzten Halm. In der Zwischenzeit greift eine Union der Vernünftigen Buenos Aires an und schießt auch noch ein paar spanische Schiffe in Brand.

Mendoza verflucht sein Schicksal mit kalten Füßen. Lang macht er es eh nicht mehr.

Morgen mehr.

07:33 19.02.2016
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