Hessenmeister CCXXIII

Kulturrevolution Über die Erfüllung des Versprechens (keine Menschen mehr zu essen) wachten die Kinder, welche zu den Patres in die Schule gingen. Sie zeigten es jedes Mal an, wenn ...
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

„Der Feind des menschlichen Geschlechts“ wohnt bei den Wilden. „Glaubensbote“ P. Navarro trifft um 1550 Satan im Wald. Satan trägt eine Zahnhalskette von lauter Verzehrten. Er geht so nackt und ungeniert wie die Verführten. Er versteht sich darauf, aus dem Stehgreif zu reimen. Er pfeift Lieder zum Hohn. Ihm ist wohl im Dschungel, wo seiner Eitelkeit keine Grenzen gesetzt werden.

Satan gibt Zauberern Tipps, um den Aberglauben stark zu halten. Er verdonnert das Volk zu manchem Festschmaus.

Navarro hält dagegen. Er drischt seine Neophyten und Katechumenen „mit dem Ende eines starken Seils“, so sie Satan nicht widerstehen.

Kannibalische Feste üben eine dramatische Anziehungskraft aus. Navarro predigt Wasser und trinkt den Wein der Aufregung, wenn es wieder einmal so weit ist im tiefen Waldweiler.

„Um wenigstens die Seelen zu retten“, so Navarro in seinen Aufzeichnungen, „verlangen wir Missionare von den Häuptlingen die Zusage, als Schlachtopfer herangeführte Gefangene besuchen zu dürfen, um sie vor der Zeremonie schnell zu taufen.“

Der unerzogene Sadismus der Wilden, ihre gemeine Häme, das Unvermögen, sich in die Lage des zum Tode Verurteilten zu versetzen, zwingt den Verurteilten zu äußerster Kälte. Wir verdanken dazu Erhellendes Hans Staden, der zwei Mal von Kannibalen überwunden wurde. Einmal bot man ihn Franzosen zum Freikauf an, doch hielten es die Trapper nicht für ihre Christenpflicht, den Teutschen von seiner Misere zu befreien. Im Gegenteil, sie stachelten und stichelten gegen Staden, da er für die portugiesische Konkurrenz ins Feld zog.

Staden begreift alle Gefahr als Glaubensprüfung. Navarro lässt ihn anno Domini 1551 (am vierten Tag nach Ostern) erforschen, ob Neubekehrte heimlich in das Laster zurückfallen. Staden meldet dem Geistlichen eine Rückfallquote von hundert Prozent.

Navarro reagiert „apostolisch“.

Er überredet den Franziskaner Aspilcueta mit ihm im Büßerhemd ein Dorf aufzusuchen und sich da (jeder für sich) bis aufs Blut zu geißeln, um öffentlich für die Sünden anderer zu büßen. Die Wilden verstehen das falsch, Satan pfeift sein Lied, Staden schüttelt den Kopf. Die Menschenfresserei geht weiter.

Bis Aspilcueta eine Kulturrevolution einrührt.

„Über die Erfüllung des Versprechens (keine Menschen mehr zu essen) wachten die Kinder, welche zu den Patres in die Schule gingen. Sie zeigten es jedes Mal an, wenn ihre Eltern oder fernere Verwandte sich wieder einmal vergangen hatten.“

Als ein weiteres Erziehungsmittel sieht man Arbeit an.

Mit Arbeit und Verrat werden die Wilden an die Kandare genommen.

Navarro bedauert, „ca. 600.000 Seelen“ nicht erreichen zu können.

„Scheu wie die Tiere des Waldes ziehen sie sich vor den Weißen zurück.“

*

Ich kenne keinen Bericht des 16. Jahrhunderts, in dem nicht ständig Gott angerufen und auf Nachrichten gewartet wird. Man liegt in grosser gefar in der wiltnus, leidet hunger, mus eydexen vnd feld Ratten essen und auf Nachrichten von einem Kapitän der Portugaleser warten. Piloten sollen Land wiederfinden, das sie völlig betrunken höchstens einmal gesehen haben. Vielleicht kennen sie das Land vom Hörensagen bloß.

Zwei Lagunen und eine sandige Nehrung gestalten die Küste. An der Mündung des Haffs liegt ein Weiler.

Ja, dann such doch mal den Mündungsweiler. Inzwischen ist alles versandet. Ständig verändern sich Küstenlinien. Markante Punkte tauchen unter, vertraute Flecken sind nach zwei Monaten auf Erkundungsfahrt nicht wieder zu erkennen.

Ich berufe mich auf Staden, der vor São Vicente einen insularen Brutplatz ansteuert. Da waren vil meer voegel, so war es an der zeit dz sie jungen zogen. Daselbst schlugen wir der vorgenanten voegel vil todt vnd namen auch jrer eyer mit zu schiff.

Da wundert einen doch gar nichts mehr. Um den Tiefgang zu vermindern, muss jedes gewichtige Ding über Bord gehen. An den von Nebeln verborgenen Ufern klagen die verlorenen Seelen der Schiffbrüchigen. Eine rabenschwarze Wahnsinnswelt erwartet den hessischen Helden Hans Staden.

São Vicente befindet sich im Ausnahmezustand permanenter Belagerung. Die Absichten sind nicht immer feindlich. Die Lage ist verworren.

„Mammelucken“ (ein wiederkehrendes Wort für halbweiße Bewaffnete) schützen Portugiesen.

waren etliche Mammelucken gebrueder, jr vatter war eyn Portugaleser vnd jre mutter war eyn Prasilianische fraw. Die selbigen waren Christen …

Navarro: „Die Mammelucken tragen keine Stiefel, sondern gehen in Pantoffeln überall hin.

Sie haben ihre eigenen Triften und verachten die Wilden mehr als jeder Europäer.“

Man kultiviert Wein im Durcheinander der Interessen. Die Reben werden über Lattengerüste gezogen und bilden Laubengänge. Navarro spricht schon vom „Indio manso“ – dem zahmen Inder. Dies „dank der aufoperungsvollen Tätigkeit der Missionare. Die katholische Kirche beschützt und erhält die Zahmen. Sie sind als Hausdiener und Gehilfen der Handwerker nützlich.

Die Bekehrten leben unter der gesitteten Bevölkerung.“

Morgen mehr.

08:28 20.02.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare