Hessenmeister CCXXIV

Pelotas Die Stadt ist ein einziger Schlachthof – The Union Stockyards von Chicago auf brasilianisch
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Im 19. Jahrhundert bereisen zwei Westmänner die brasilianischen Südprovinzen. Ich rede von den Botanikern T.D.A. Thunderbolt und W.S. Burroughs. Am Lagoa dos Patos genießen sie die Gastfreundschaft von Deutschen, die sich in Amerika nach der Siedlungsordnung ihrer Hundsrückischen Altvorderen separieren. Ihr Dialekt, das Riograndenser Hundsrückisch, ist Amtssprache in Piratini. Die Republik ging aus einer Sezession von Brasilien auf dem Boden des Bundesstaates Rio Grande do Sul hervor. Während Burroughs das Schulwesen vor Ort reformiert, befreit Thunderbolt das Riograndenser Hundsrückisch von portugiesischen und italienischen Einflüssen. Zerstreuung suchen die Unsterblichen in der Küstenstadt Rio Grande. Thunderbolt bemerkt eine Rückläufigkeit nach der nächsten. Der Hafen versandet, die Leute ziehen weg. Der städtische Kulturbetrieb vernachlässigt Theater und Literatur.

Die Straßenbahn hat keine Passagiere.

Das einzige Varieté ist in Wahrheit eine Art Musik- oder Tanzschule.

Thunderbolt zieht es an die Lagoa dos Patos. Er hält die Lagune für den größten Binnensee Südamerikas. Er entdeckt eine verfallene Jesuitenstation, die vermutlich zu der Zeit lebhaft war, als die Jesuiten vom portugiesischen König das Privileg der Entenzucht hatten und man die Lagune noch für eine Flussmündung hielt.

Ein See von 14.000 qkm als Ententeich! So verschwenderisch war das amerikanische 17. Jahrhundert in seiner Fülle und seinen Farmen von der Größe deutscher Kleinstaaten.

Die Hundsrücker bezeichnen ihre brasilianischen Gemarkungen nach Bürgermeistereien an Rhein, Mosel, Saar und Nahe. Sie leben in Neu-Gmünden, -Kirchberg, -Kastellaun. Man findet keine Erklärung dafür, dass Thunderbolt und Burroughs ihre Bleibe auf teutonischen Fluren Maison du Jouir nennen. Sie wirken wie Brüder Grimm der Statistik.

Alles wird festgehalten.

„Man könnte sich über die vielen Alten und die deutschen Frauen wundern“, schreibt Burroughs am 27. Feb. 1823, „die von den Einwanderern in die Neue Welt mitgebracht wurden. Doch ist es Gesetz der Deutschen, dass keiner zurückgelassen werden darf, zu dessen Unterhalt einer verpflichtet ist.

Wem alle Mittel fehlen, der kann seine Passage und das Weitere abarbeiten nach einem Vertrag, der den guten Sitten gerecht werden muss. … Niemand darf geknebelt werden, bloß weil widrige Umstände dies erlaubten.“

„Es ist gut, Deutscher zu sein“, merkt Thunderbolt auf. „Die Deutschen halten sich an ihren Traditionen fest, sie heiraten gemeinsam und untereinander, so dass ihre Kinder nach ihnen kommen und in ihren Gemeinden keinen Ausschluss erfahren.“

Der Biologe spekuliert über die Etymologie von Lagoa dos Patos. Er findet ein indianisches Wort im phonetischen Gleichklang mit dem portugiesischen Pato – Ente. Es bezeichnet die Leute einer Nation: wie auch Nation ein freundliches Wort für jede größere Gruppierung ursprünglich war. Die Entdecker registrierten Nationen und Völker, nicht Stämme.

Thunderbolt glaubt, dass die Lagune ihren Namen von einer Ufernation erhielt. Er ist heiß auf das Ausgesuchte und geht dem Augenfälligen aus dem Weg.

Thunderbolt kritisiert die Lagune als Brackwasserbecken.

„Wiewohl sie reich an Untiefen ist, welche die Schifffahrt gefährden, muss die Lagune doch als das Herzstück des (brasilianischen) Südens betrachtet werden.“

Keine zweihundert Jahre später schreibt Thunderbolt über den in Berlin-Pankow brodelnden Schlosspark von Schönhausen:

„Wiewohl der Schlosspark von Schönhausen reich an Sumpfzypressen und ganzjährig tragenden Persimonenbäumen ist, wie man sie sonst so extravagant nur in Louisiana findet, muss der Garten doch als das florale Herzstück des (Berliner) Nordosten angesprochen werden.“

An einem Tag im Mai 1823 bestreichen die Greenpeace-Aktivisten Burroughs und Thunderbolt in Gesellschaft ihrer Hundsrücker Butterbrote und Jagdwürste die Enten-Lagune mit dem Schatten eines Segels und laufen schließlich in den Hafen von Pelotas ein. Die Stadt ist ein einziger Schlachthof – The Union Stockyards von Chicago auf brasilianisch.

Der Industriehorror in den Berichten des 19. Jahrhunderts verschwimmt in Modernitätsfloskeln. Das Fließband wird vorweggenommen, die industrielle Hinrichtung und Verarbeitung von Rindern bietet sich als Probelauf für die Automobilproduktion im frühen 20. Jahrhundert an. Dazu gibt es keinen wissenschaftlichen Beitrag. Man fragt sich, was machen Wissenschaftler eigentlich den ganzen Tag?

1823 werden in Pelotas pro Jahr 400.000 Rinder verwertet. Dörrfleisch ist der Renner, es geht aber viel auch in großen Stücken auf Eis nach Europa.

Burroughs erwähnt „ein Kloster für deutsche Ordensfrauen“ in Pelotas.

Thunderbolt: „Die Schlachtereien erstrecken sich vierzig Kilometer weit am Ufer hin und sind im Zunehmen begriffen.“

Burroughs: „Die Gewandtheit, welche sich einzelne Schlachter angeeignet haben, ist erstaunlich. Ein Arbeitsschritt heißt trollig (übersetzt) to give wood.“

...

Die Tierschützer besuchen Porto Alegre.

Thunderbolt, unverdrossen (manisch): „Porto Alegre steigt am Nordende der Lagune auf einer Halbinsel amphitheatralisch an.“

Morgen mehr.

10:09 21.02.2016
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