Hessenmeister CCXXV

Neu-Hamburg Hinter Neu-Hamburg beginnen die Pikaden. Das waren zuerst auf gut Glück in den Urwald geholzte Schneisen. Nun liegen Felder in jedem Durchhau
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Rio Grande do Sul - Unter der Überschrift „Jagdglück eines Deutschen in der Fremde“ meldet der in Neu-Hamburg wöchentlich erscheinende „Hundsrücker Bote“ im August 1830 den Abschuss eines kapitalen Kaimans auf dem Rio dos Sinos. Zum Schuss gekommen war der „berühmte deutsche Botaniker“ T.D.A. Thunderbolt.

Wieso deutsch? Bis heute weiß man nicht bestimmt, ob Thunderbolt in Kassel (Kurhessen) oder in Galveston (heute Texas, damals Mexiko) zur Welt kam. Die Deutsch-Brasilianer in seiner Umgebung scheinen ihn nur als Deutschen wahrgenommen zu haben.

In dem Artikel lobt Thunderbolt die Tüchtigkeit seiner Waffe – einem Schmuckstück aus der Werkstatt von Casimir Lefaucheux.

Die deutsche Kolonie von Neu-Hamburg wurde 1824 gegründet; nicht ausgeschlossen, dass Thunderbolt an der Gründung beteiligt war. Seit 1823 bewegt er sich in den brasilianischen Südprovinzen und war eine Zeitlang da auch auf Brautschau. Er hält Vorlesungen am Kolleg zur Unbefleckten Empfängnis. Seine Aufzeichnungen schildern einen schlichten, frommen, glücklichen Alltag (der Kolonisten).

Das Altheimatliche setzt sich über Berg und Tal durch. Man hält fest an Gewohnheiten. Das Traditionsbewusstsein mindert die Freiheitsliebe. Ein republikanisches Element wird überall zurückgestutzt. Thunderbolt beobachtet „den Rat der Patriarchen“, der nach jeder neuen Seite hin eindämmend wirkt.

„Es ist nicht zu verstehen“, schreibt Thunderboldt dem Kollegen (und Chef der Non Profit Organisation National Wildlife Federation) William Seward Burroughs, „warum so wenig bürgerliche Freiheit zugelassen wird. Es herrscht eine regelrechte Angst vor ihr, die sich zu den Jesuiten und an die Stammtische flüchtet. Die Wahrheiten der Siedler sind so sauer wie ihr Wein.“

Hinter Neu-Hamburg beginnen die Pikaden. Das waren zuerst auf gut Glück in den Urwald geholzte Schneisen. Nun liegen Felder in jedem Durchhau.

Thunderbolt vermisst die Alpen, ihn erinnern die Erhebungen in der Landschaft an das Sauerland und an die Eifel.

Ich nenne zum Beispiel vieler die „Pikade Gerbmüller“, die als Spektakel einen Wasserfall vorweisen kann, der mit den Niagarafällen in einen kaum hinkenden Vergleich gezogen wird. Man steht auf überschäumten Klippen begeistert im Sprühnebel, wo der Cadea namentlich nach der Regenzeit bedeutende Wassermengen über eine senkrechte Wand wenigstens fünfundzwanzig Meter infernalisch in die Tiefe schickt.

Wieder und wieder besteigt Thunderbolt Flanken der Schlucht, die den Fluss aufnimmt. Die nachgekommenen Hundsrücker haben an dieser Stelle ein Treffen mit dem Wildwasser. Thunderbolt betrachtet die wilde Jugend, wie sie sich in Kanus und auf Flößen unter weiblicher Strandaufsicht beweist.

Er schreibt dem Freund: „Alles ist Trotz und Mut für eine kurze Zeit. Dann folgt der Biedersinn den Jahrzehnten. Wie kann das sein?“

Burroughs antwortet: „Wir leben zu lange für unseren Mut und zu kurz für unsere Weisheit.“

Die Leute nennen das Land, das sie an sich gezogen haben, „bucklig“. Ihr Dialekt heißt „hundsbucklig“.

Es gibt keine Fahrwege für Kutschen, wer nicht reiten kann, ist aufgeschmissen. Ein Vorankommen bleibt mühsam wegen der vielen Flüsse und anderer Verkehrshemmnisse. Vielleicht ist das ein Grund dafür, dass sich die Hundsrücker hier mit ihrer grob behauenen Kultur weltflüchtig eingegraben haben.

„Man misst den Wert eines Mannes an seiner Herkunft und an seiner Arbeitskraft. Geschicklichkeit, Musikalität oder Sonderfertigkeiten verlangt keiner. Alles außer der Reihe bietet dem Misstrauen Anlässe. Der Mann soll unbeholfen und stetig sein. Verrückt etwas die Ordnung, muss es von zig Gremien eingerückt werden.“

Thunderbolt reitet weiter. Er gelangt dahin, wo die von Akazien umstellten Gehöfte sich vereinzeln. Feigen, Farne, Bambus, Palmen … ein graues Moos. Pinien, Zedern, Gummibäume, der Botaniker schreibt: „Obzwar ich mich in der gemäßigten Zone zwischen 29. und 30. südl. Breitengrad aufhalte, erscheint die Flora tropisch. Die Orangenbäume sind mächtiger als Hessens herrlichste Apfelbäume.

Thunderbolt sitzt auf der Veranda des Auswanderers Paul Meier. Man serviert „dünnen“ Kaffee (der Gast könnte auch Paraguaytee kriegen) „gutes“ Dörrfleisch und schwarze Bohnen.

„Gastfreundschaft ist allgemein.“

Paul Meier pflanzt Tabak und „gewöhnliche Kartoffeln“ an, seine fernen Nachbarn Zuckerrohr, Reis, Bataten. Ständig wiederkehrende (unvermeidliche) Gemeinschaftserlebnisse beschränken sich auf den sonntäglichen Kirchgang und die Einkäufe im Supermarkt.

Man hilft sich selbst nach Kräften, Meier spannt die Familie ein. Ein Schwager siedelt nah genug, um gegebenenfalls herangezogen werden zu können.

Thunderbolt nimmt „eine unnötige Isolation“ wahr, ein halbverdecktes, hinterwälderisches Verhalten. Vielleicht unterhält Meier noch eine zweite Familie im Busch. Eine, mit der er nicht in die Kirche kommen kann.

„An Sonntagen erreichen von allen Seiten in einem einzigartigen Aufkommen Männer, Frauen, Kinder oft nach stundenlangem Ritt die Kirche. Opa und Oma reiten im Voraus. Der alte Mann, den „Puntsch“ – Poncho über den knochigen Schultern, sitzt noch gut im Sattel. Doch dem Großmütterchen wird es sauer auf seiner „Mule“. Den Alten folgt die amtierende Gebärerin, ihr Kleinstes im Arm, das Zweitkleinste vor sich, zwei Plagen auf dem nachtrabenden Maultier. Sechs- bis achtjährige Knaben sind sattelfest. Es folgen erwachsene Söhne und Töchter, schließlich der Vater auf dem Rappen. Affen brüllen, Kolibris schwirren, die Glocken mahnen.“

Morgen mehr.

09:40 22.02.2016
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