Hessenmeister CCXXX

Cartagena Man nennt eine Stadt die Königin Westindiens. Cartagena ist die beste Festung Spaniens in Südamerika. Die erste Hafenstadt des Vizekönigreichs Neugranada
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Al Manresa erscheint seiner Zeit wie ein von Liebe in Brand gesetzter Seraph. Er ist der Schwarm aller eisernen Jungfrauen. Er ist heavy metal & rolling thunder.

Ein Charismatiker, sagt Blattschneider.

Ein Irrer in Kutte, sagt Zierenberg.

Die ursprüngliche Bevölkerung ist jedenfalls hin und weg, wenn Al in der Kapelle zur hl. Jungfrau die Messe liest. Die Chronisten der Kirche, allesamt Spione des Vatikan, missgünstige, schiefmäulige, lullende Apostel der Scheinheiligkeit, sprechen von den reichen Gaben, die Al zu einem außerordentlichen Werkzeug machen.

Die Kirchenschriftsteller biegt der Neid. Sie verelenden im Tross, während Al einem Giftpfeil nach dem anderen entgeht und gar nicht mitzubekommen scheint, wie gedungene Mordbuben von den mähnenlosen Löwen Südamerikas gefressen werden.

Al gehen Drohungen zu, sie erreichen ihn nicht.

Ich sehe in ihm viel mehr einen Shaolin als einen spanischen Mönch. Askese und Ekstase laufen auf einer Schiene.

Man nennt eine Stadt die Königin Westindiens. Cartagena ist die beste Festung Spaniens in Südamerika. Die erste Hafenstadt des Vizekönigreichs Neugranada. Der wichtigste Stapelplatz für den Handel von Spanien bis zu den Philippinen.

Die Bucht vor Cartagena bildet den größten natürlichen Hafen des Antillenmeers.

Und was wird vor allem umgeschlagen?

Weshalb ist Al in der Stadt?

Ärmer gekleidet als ein Bettler/ treibt er sich am Hafen herum. Er rennt zu jedem Schiff, mit dem "kriegsgefangene Neger" in die Neue Welt geschafft werden. “Ein Bedürfnis nach Arbeitskräften ließ den Handel die entsetzlichen Verhältnisse annehmen”, schreibt Petrus Claver, der als "Apostel der Negersklaven" historisch wurde.

“Die Eingeborenen in der Neuen Welt sind für harte Arbeit nicht zu gebrauchen. Um sie zu retten, schlug der edle Las Casas als ein geringeres Übel die Verwendung kräftiger Afrikaner vor, ohne zu ahnen, auf welch haarsträubende Weise schrankenlose Habsucht den Neger ausbeuten werde.”

Ein Niederländer nahm 1517 die Sache in die Hand. Er bekam den Job von Kaiser Karl V. Italiener aus Genua übernahmen das Staatsmonopol und bauten es aus. Das Geschäftsmodell hieß Asiento, ich zitiere Wikipedia: “Im Allgemeinen bezeichnet Asiento einen Vertrag zwischen der spanischen Krone und einer juristischen Person ...”

Ach so, Karl V. war auch König von Spanien. Wer hat, dem wird gegeben. Schließlich fiel das Geschäft an Engländer, die einen Riesenschnitt machten. England schickte sich an, vom Arsch der Welt aus Weltmacht zu werden. Die britische Losung hieß:

Be more than just a number.

Als Al nach Cartagena kam, führten die englischen Asiento-Schiffe jährlich Tausende “dieser armen Wesen” ein. Eine Hausnummer bietet die Zahl der von Al persönlich in vierzig Jahren Getauften. Seine Taufbuchführer registrieren 300.000 Sklaven. Keiner davon war Kriegsgefangener, wie man ursprünglich zur Rechtfertigung vorschützte. Die Perversion wurde Normalität und niemand fand es mehr nötig, der Barbarei eine Scheinlegitimation zu geben.

Die Legitimation ergab sich aus den Gemütswirkungen der Tatsache, dass eine totale Erniedrigung möglich war. Das muss man sich immer wieder klarmachen, wenn wieder einer jammert, kämpfen tut doch weh und zieht alle möglichen Leute in Mitleidenschaft.

Nicht zu kämpfen, tut viel mehr weh. Wer nicht kämpft, vergeht sich an seinen Leuten. Die Sklavenhalter entwickelten eine Philosophie ihrer Überlegenheit und die Sklavenemanzipation erschöpfte sich nicht zuletzt in der Überflüssigkeit, der weißen Philosophie zu widersprechen.

Was für ein übler Scheiß. Die Wahrheit ist doch, die meisten Afrikaner wurden von ihren eigenen Leuten verkauft für einen Fetzen Stoff, eine judasjämmerliche Einzelpublikation oder für eine Furunkelnacht in Botswana.

Petrus Claver schreibt:

“Die Küsten von Senegambien, von Benin, Unter- und Ober-Guinea, der Reiche Kongo und Angola sind Schauplätze himmelschreiender Greuel. Hat dann das Sklavenschiff seine volle Fracht an menschlicher Ware aufgenommen, so geht es unter Segel und durchkreuzt den Atlantik, um die Sklaven auf dem Markt von Cartagena zu bringen. Die Furcht, es möchten sich an Zahl fünfzigfach überlegene Afrikaner gegen ihre Räuber erheben, bestimmt die Schiffer, ihre Gefangenen in Ketten zu schmieden und sie in Verpestung zu verschließen. Luft und Licht finden in den schwimmenden Kerkern keinen Zutritt. Die Leute verrecken am Scharbock.”

Kaum landen die Unglücklichen in Cartagena an, sprintet Al herbei in einem Wettlauf mit dem Tod. Die von ihren Ketten gelösten, in unsäglichem Schmutz verkommenen Menschen versuchen mitunter zugweise ihrem Leben ein schnelles Ende zu setzen.

Al will ihre unsterblichen Seelen für den Himmel gewinnen. Er begrüßt die in empörender Nacktheit Zusammengetriebenen wie Freunde. Er wirft ihnen Zeug zu, das er und seine wilden Engel erbettelt und erbeutet haben. Er teilt mit den bald Verhungerten Brot und Früchte und redet in ihren Muttersprachen, von denen sich Al einige Kenntnisse verschafft hat. Kurz, Al verschafft den Landgängern ein völlig falsches Bild ihrer Lage.

Morgen mehr.

08:45 01.03.2016
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