Hessenmeister CCXXXII

Tokugawa Ietsuna ließ alle Gewehre und Kanonen einmotten. Die Waffen sollten Mitte des 19. Jahrhunderts wieder zum Einsatz kommen
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Ein wiederkehrendes Motiv der frühkolonialen Ikonografie ist die Taufe. Mit dem unpassenden Flair der Resignation schüttet der hl. Petrus Claver einem Kniefälligen Wasser in die Haare.

Das in einer Muschel gefangene Wasser ...

Vor dem Mann Gottes kniet ein Afrikaner mit beschürzten Lenden. Er erscheint so kindlich wie kräftig und vollkommen ergeben.

An Clavers Stelle sieht man oft den Benediktiner Alfons Manresa. Manche Darstellung habe ich seit fünfzig Jahren nicht aus den Augen verloren. In der eindrücklichsten Zeichnung findet die Initiation vor einem Tonnengewölbe statt, das die Katakombenreligiösität der frühen Christen zitiert. Ein Lichteinfall deutet den himmlischen Fingerzeig an. Die Beschaulichkeit einer Quelle allegorisiert mit. Der Künstler wusste noch nichts von einem Pathosverbot, er handelte in höchstem Auftrag nach der Devise viel hilft viel. Im Bildgeschehen zählt dazu eine Andeutung von Maulwurfshügeln und die Grasnarbe wie in einem Abzählreim. Im Hintergrund erklärt ein Kazike einem ergriffenes Harem den Heiland. Die Afrikanerinnen kauern in schwülstigen Posen vor einem Altar. Ihr pornografischer Anbetungseifer verweigert sich jeder Abstraktion. Der Erlöser verschmilzt mit dem Erzähler. Das ist der Trick, das macht Christus für den Kaziken rentabel.

Meines Wissens ist das die einzige Darstellung einer religiösen Unterrichtung, die schwarze Frauen mit einem Kolumbianer zusammen spannt. Sonst knien die Schwarzen immer nur vor Weißen.

Al Manresa machte die Menschenhändler so madig, dass sie ihm sein Bekehrungswerk gestatteten. Im Tonfall des 17. Jahrhunderts:

Mit tausend Bitten und Vorstellungen suchte er die Eigentümer zu bestimmen, ihre frischen Neger nicht sofort, wie es bisher geschehen war, sondern erst dann auf die Pflanzungen und in die Bergwerke zu versenden, nachdem sie die Grundwahrheiten der christlichen Religion verstanden und die Taufe empfangen hatten.

Am Beispiel des eigenen Leidens wurde jedem Importierten das Leiden Jesu leicht zu verstehen.

Man brachte die Sklaven nach ihrer Landung in eine Sammelunterkunft am Hafen von Cartagena. Eine Reihe von Berichten und Briefen belegen einen so üblen Ort der Ankunft, dass sich kaum ein Weißer da hinein wagte. Noch waren die Überlebenden der verkoteten Schiffsbäuche nicht gebrochen ...

zu dieser Zeit begab es sich, dass der Botaniker T.D.A. Thunderboldt Japan bereiste. Japans Öffnung war eine hundertjährige Epsiode gewesen und längst zu Ende, als Thunderboldt kam. Erst hatte man die Portugiesen und dann die Spanier und Engländer vor die Tür gesetzt. Der Abschluss war auch eine Reaktion auf eine christliche Unterwanderung. Die japanischen Chefs hatten begriffen, dass die Religion ein Aspekt der Kolonisierungsstrategien war - Mönche bereiteten den Kaufleuten die Wege, Handel und Okkupation liefen zusammen in einem Bestreben.

Die europäische Überlegenheit lagerte auf der Gewissheit, den überlegenen Glauben zu haben.

Die Japaner setzten in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts jede Freizügigkeit aus. Sie schickten die Europäer heim, mit Ausnahme weniger Niederländer, die geschickt expatriiert wurden. Man isolierte sie auf einer Insel vor Nagasaki und hielt sie von allem Japanischen und so auch von der Sprache fern.

Thunderbolt besuchte Japan in einer Phase der Reichseinigung, die gleichwohl nichts anderes als ein anhaltender Bürgerkrieg war, in dem die Macht des Mikado fiktionalisiert wurde.

Der Kaiser war ein leerer Beutel, Fürsten regierten durchgreifend wie Könige. Sie stützten sich auf das Bushi-System - eine Semper fi-Ausprägung. Es ging um Loyalität, das interessierte Thunderbolt. Der hessische Gelehrte erkannte im Krieg den Garanten des japanischen Herrschaftsprinzips.

In Europa konnte man eine Schlacht verlieren und seine Bedeutung behalten.

Wie war das in Japan? (Dazu an anderer Stelle mehr.)

Hundert Jahre lang hatten die Heere der Daimyo Feuerwaffen eingesetzt, nun kehrte man zu älteren Gewohnheiten zurück. Man erwarb Unkenntnis, das war einzigartig.

Tokugawa Ietsuna ließ die letzten Gewehre und Kanonen, die noch in Betrieb waren, einmotten. Sie sollten Mitte des 19. Jahrhunderts wieder zum Einsatz kommen - und, soweit es die Gewehre betraf, als zwar veraltete, aber im Prinzip gerade erst und noch keineswegs überall überwundene Vorderladertechnologie funktionieren.

...

Thunderbolt studierte die Klasse der Bushi. Er notierte:

Man erwartet von einem Bushi, dass er in der geistigen Welt zuhause ist. Die Klassiker muss er kennen, eine literarische Produktion schmückt ihn. Im Ideal bewahrt er sich seine klar-zufriedene Verfassung in Erledigung jeder Aufgabe.

Morgen mehr.

07:49 03.03.2016
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