Hessenmeister CXC

Paraguay Die Besatzung von Asunción, einschließlich des Stadtkommandanten Salazar, erwartete den Generalkapitän barhäuptig, mit bloßen Füßen und entblößten Schultern
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Bildnachweis: Texas Team Tuschick
Blechbeißer, ein Niedersachse vom alten Schlag, gelangt im April 1810 zu der Feststellung: „Mit Pedro de Mendoza schwand die letzte Stütze gesetzlicher Ordnung aus der schwer heimgesuchten Kolonie Paraguay.“
Karl V. hatte seinen Oberschenk Mendoza zum Statthalter der Gegend am Río de la Plata bestimmt, doch bedurfte es weit größerer Gemeinheit, als sie ein schlichter Brutalist wie Mendoza aufbringen konnte, um Paraguay für die ursprüngliche Bevölkerung in eine Strafkolonie zu verwandeln. Vor allem jedoch brauchte es einen mächtigeren – einen größenwahnsinnigen Ehrgeiz.
Mendoza wollte viel, aber nicht alles. Domingo Martínez de Irala wollte nicht weniger als alles. Irala beerbte Mendoza de facto. Er beherrschte Paraguay mal mit und mal ohne Zustimmung der Krone. Irala unterschied von den Spitzen des Hofstaates, den iberischen Mandarinen, dass er keinen über sich duldete. Er gründete sein eigenes Reich in der Neuen Welt. Die Geschichtsschreibung übergeht diese Variante, indem sie sagt: nach Mendoza gab Álvar Núnez Cabeza de Vaca den Gouverneur von Paraguay, dem arbeitete der Irala zu. Irala sei zwar ein fähiger Menschenschinder gewesen, darüber hinaus jedoch noch nicht mal kabinetttauglich.
Das stimmt. Irala fehlte die Geschmeidigkeit der Schranze. Er hatte keinem König mit einem Parapluie die Sonne vom Leib gehalten und sich von keiner Königin hinter den Paravant ziehen lassen. Irala warb nicht. Er befahl. Joseph Conrad erzählte, er habe Irala vor Augen gehabt, als er meinen Freund Marlow Kurtz und das Grauen sehen ließ.
Ja, Kurtz ist Irala. Er ist über die Zivilisation hinaus. Sie stinkt ihm. Irala gründete Asunción, er erhob die Siedlung zur Hauptstadt, lebte selbst aber in einer Dschungelfestung am Río Paraguay.
Noch gab es in Hülle und Fülle nur Not. Heuschrecken gingen gegen Felder vor und vernichteten Ernten. Familien sanken unter die Bedeutung, die sie in Spanien hatten. Irala nahm sich ihre Söhne und erzog sie zu Waldläufern. Sie lernten Hinterhalte zu vermeiden, feindliche Fronten aufzureißen oder zu überdehnen. Irala lehrte sie, immer in Bewegung zu bleiben, sich nie von den Waffen zu trennen, einfache Dinge komplizierten vorzuziehen und keinem Mann zu gestatten, einen bestimmten Abstand zu unterschreiten. Gesellig konnten sie mit diesem Konzept nicht werden. Sie vermischten sich mit einheimischen Frauen, deren Männer auf der Strecke geblieben waren. Das Nötige taten sie in abkürzender Eile, um dann wieder die Geduld zu haben, die staatliche Ordnung der Ameisen zu studieren.
Dies geschah um das Jahr 1540. „Ein nicht ganz erstorbenes christliche Bewusstsein“* sah in den Verheerungen der Kolonie Gottes strafende Hand bei der Arbeit, Irala kamen die „Heimsuchungen“ gelegen. Sie sorgten für Verschleppungen im royalen Gesellschaftsgefüge. Die Besten des Vaterlandes wussten Besseres, als in Paraguay Missernten und Angriffe von den Indern da zu überstehen. Ratzfatz entstand eine Mischbevölkerung in Iralas Dschungelreich.
Für Karfreitag 1540 setzte Irala eine Geißelprozession in Asunción an. Er kam erst in der Nacht vor dem Festival aus dem Wald, gegen vier Uhr morgens ritt er ein. Blechbeißer schreibt: „Die Besatzung von Asunción, einschließlich des Stadtkommandanten Salazar, erwartete den Generalkapitän barhäuptig, mit bloßen Füßen und entblößten Schultern. So wollten sie Don Irala, den sie heimlich als ihren Fürsten erachteten, gefallen. Irala ritt um den Block, er hatte sich von einer Teilnahme an der Prozession suspendiert. Ihm schwebte ein geistiges Getränk bei José vor, dem einbeinigen Wirt des „Weißen Hirschs“. Der „Weiße Hirsch“ war das erste durchgängig geöffnete Lokal in Lateinamerika. Gerade wollte Irala vom Pferd steigen, schwerfällig vom langen Ritt, als die Indianerin Abhilasha nahte und nach einem Steigbügel griff.
„Was ist dir, Kind?“ fragte Irala gutmütig.
„Hoher Herr“, rief Abhilasha, „die wildesten Guarani planen einen Überfall auf den Flagellantenexpress um high noon.“
„Du Brave sollst nicht ohne Belohnung für den Verrat an deinem Volk dich schleichen.“
Generös warf Irala der Abhilasha eine Münze zu. Dann wendete er sein Pferd und ritt hin zum Salazar, den er für etwas weniger unfähig als die anderen hielt.
„Die Abhilasha hat mir gerade gesteckt, dass um high noon der Bürger den Aufstand probt. Den müssen wir unbedingt niederschlagen.“
„Was schlagt Ihr vor?“ fragte Salazar. Wusste er doch, dass Irala keinen Vorschlag akzeptierte, der nicht von ihm war.
„Tauscht die Geißel gegen das Schwert und folgt mir“, befahl Irala. In diesem Augenblick griffen die Guarani an. Abhilasha hatte sich bei der Uhrzeit vertan. Sofort stürmten dreitausend Inder auf den Platz der Prozession. Die Spanier hatten nichts als ihre Geißeln zur Hand. So ungepanzert wie sie waren, gingen sie normalerweise nicht mal unter die Dusche.
Spanier im Hemd, die Zehen krumm, mit einer Kordel bewaffnet … Irala breschte aus der Stadt, die Gerechtigkeit nahm ihren Lauf. Dann ging der Gerechtigkeit die Puste aus, Irala setzte zweihundert Mann gegen die Hausbesetzer von Asunción in Gang. Am Ende hingen die Hauptverschworenen am Palisadenwall. Der Vorfall zeigt, wie traurig es um die sittlich-religiösen Zustände bestellt war.“
*Zitiert nach Heinrich Eimer, „Spanische Kolonialpolitik 1492 – 1600“, Sulzbach im Odenwald 1887
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10:28 15.01.2016
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