Hessenmeister CXCI

Argentinien Der spanische Staatsbegriff ist nicht elastisch genug, um mit dem Zeitgeist Tango zu tanzen. Die Krone setzt auf bewährte Garanten. Und was machen die Kolonisten?
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De Vaca schloss einen Andenpakt mit der Kirche

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Bildnachweis: Texas Team Tuschick

Das spanische Vizekönigreich La Plata fasste Argentinien, Uruguay und Paraguay zusammen. La Plata ist ein Mündungstrichter am Atlantik. 1515 hatte Juan Diaz de Solís ihn mit der Erwartung entdeckt, den Durchgang zum Stillen Ozean gefunden zu haben. Dreißig Jahre später beherrschte der alte Punk Irala die Gegend am Silberfluss.

La Plata war sechs Mal größer als das deutsche Kaiserreich bis 1918. Irala unterstand förmlich Álvar Núnez Cabeza de Vaca, die Konstellation bot Anlass zu Spott. Tatsächlich unterstand Irala keinem Menschen. Er hatte sich selbst ermächtigt – wie Gonzalo Pizarro in Peru, bis man ihm den Kopf abschlug. Das offizielle Staatstheater ging darüber hinweg. Blechbeißer nennt den königlich-kaiserlichen Statthalter Vaca „den edelsten Spanier, der je den Boden Paraguays betrat, voll (wiederum) edlen Eifers für die religiöse und sittliche Hebung des Landes“. Vaca repräsentierte den Typus des Spitzenbeamten ohne Albträume, der pedantisch und mit Fingerspitzengefühl die Ablösung des Konquistadoren-Regimes zugunsten größerer Rechtssicherheit für die ursprüngliche Bevölkerung und zur Wahrung königlich-kaiserlicher Interessen betrieb. In seiner Amtszeit wurden aus Granden von eigenen Gnaden zügig Desperados. Mancher Gebietsfürst starb wie jeder ausgelaugte Ex-Despot auf der Flucht.

Irala hatte von dem „Indianerfreund“ an der Staatsspitze nichts zu befürchten. Ziemlich offen beteiligte er sich an Putschversuchen, schließlich verhaftete er Vaca und ließ ihn einem Gericht in Spanien zuführen. Da kam es zu einer Verurteilung.

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Irala vereint Macht ohne Mandat auf sich. Wie geht das? Ich dringe durch einen Wust märchenhafter Darstellungen zum historischen Kern vor. Irala zählt zunächst zum Gefolge von Pedro de Mendoza y Luján (meine spanische Quelle behauptet, es sei feministisch beide Zunamen zu nennen). Mendoza ist der erste königliche Statthalter am Silberfluss. Er hat zwei Hauptaufgaben. Er muss staatliche Ordnung installieren, gegen Interessen früher Oligarchen. Deren Reichtum stellt königliche Macht in Frage.

Der Gouverneur soll wirken wie ein König, ohne es sein zu dürfen.

In der Neuen Welt funktioniert keine symbolische Politik. Mendozas politischer Job führt zur Vernachlässigung des Wichtigsten: im Verein der Gierigen sich selbst die Taschen voll zu machen.

Die zweite Großbaustelle – Mendoza dient Karl V. als Adelantado. Er besitzt einen erblichen Landnahme- und Städtegründungsauftrag, in den er selbst ein Vermögen gesteckt hat. Um richtig abzusahnen, hat er sich fast ruiniert.

Mendoza steckt in der Klemme. Er kann es keinem recht machen, dem fernen König so wenig wie den Kolonisten, die mit ihren Machenschaften die ursprüngliche Bevölkerung unterpflügt. Knapp gesagt, Mendoza hat ein Vermögen in seinen Ruin gesteckt.

Irala begreift das Dilemma. Er befreit Mendoza von einer Last.

„Mit wichtigen Diensten, die er dem Vizekönig leistete, gewann er dessen Verwendung beim spanischen Hof.“ (Blechschneider)

Irala übernimmt die Gründungsvorhaben und wird zum ersten Architekten Argentiniens. Er geht stets auf die gleiche Weise vor. Zuerst errichtet Irala ein Fort, dann „befriedet“ er die Umgebung. Die Befriedung zieht Leute als Siedler an. Irala ist vermutlich immer der erste Bürgermeister. Er überträgt das Amt einem Vasallen. Das stützt seine Macht.

Sein Stern geht auf, während Mendoza scheitert und längst wahnsinnig ist, als man ihn ermordet. Sein Amtsnachfolger hat es schon mit Eingesessenen und mit Eingeschliffenem zu tun. Die alten Hasen fühlen sich von Irala besser repräsentiert als von dem ahnungslosen Indianerfreund Vaca.

Vaca stammt aus einer vornehmen Familie, in Spanien bietet die Herkunft Argumente, die alles stechen. In Amerika ist das anders. Da findet ein Kulturkampf statt. Aufsteiger schotten sich gegen den Dünkel des alten Adels mit neuem Geld ab. Sechshundert Jahre zuvor hätten die überraschenden Reichtümer (die neuen Vermögen) Herzogtümer entstehen lassen. Die Loyalität der Herzöge wäre kostbar gewesen als Voraussetzung königlicher Macht. Darauf will ich hinaus. Der spanische Staatsbegriff ist nicht elastisch genug, um mit dem Zeitgeist Tango zu tanzen. Die Krone setzt auf bewährte Garanten. Und was machen die Kolonisten? – Sie setzen auf Irala und bilden ihre eigene Regierung.

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Irala stützt sich auf Juan de Salazar y Espinosa (Stadtkommandant von Asunción) und auf Juan d'Oyola y Somalia. Blechschneider charakterisiert die drei als „Parteigänger selbstsüchtiger Pläne“. Sie sind für die alte Ordnung verloren. Sie entkernen Ordnungsbegriffe, der Anschein regiert mit ihrer Unterstützung.

Blechschneider nennt Salazar „leutselig“. Als sich Irala seines Rivalen Mendoza entledigt, hilft der Leutselige. Vaca ist letztlich nur eine Marionette. Ihn schützen der Gleichmut vor dem Gold und die Macht der Kirche. Immerhin überlebt er das Amt, wenn auch als Gefangener und schließlich in Ketten.

Morgen mehr.

09:38 16.01.2016
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