Hessenmeister CXCIII

Auf dem Paraná Der Landkreis von Concepción de Buena Esperanza konnte der Krone nicht unterworfen werden
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Bildnachweis: Texas Team Tuschick

Eben fand ich die Bemerkung, man habe Concepción de Buena Esperanza wegen ständiger „Belästigungen durch Indianer“ aufgegeben. Die gescheiterten Siedler zogen 1632 höchst widerwillig nach Corrientes um: zum Beweis eines effektiven indigenen Widerstands.

Concepción de Buena Esperanza war Amtssitz des Gouverneurs. Die Stadt hatte strategische Bedeutung, sie lag auf dem Macomita Weg, einer Kommunikationslinie in undurchdringlichen Wäldern. Es gab keine andere Ost-West-Verbindung. Deshalb war die Preisgabe der Siedlung ein Totalverlust mit dem Fazit: der Landkreis von Concepción de Buena Esperanza konnte der Krone nicht unterworfen werden.
Die Kolonisten sahen Grund zu Klage: Die ursprüngliche Bevölkerung sei an Arbeit nicht zu gewöhnen. Sie verweigere den Sklavendienst aus „Unlust“ und könne dem Christentum nichts abgewinnen.
Das wird oft unterschlagen, wo der spanische Einmarsch als durchrauschender coup de force zur Darstellung kommt. In Wahrheit war indigener Widerstand wirkungsvoll mitunter da auch, wo er passiv stattfand und methodisch auf den Raum zurückgriff. Ich rede von Arbeitsverweigerung und von der „Undurchdringlichkeit“ der Wälder. Ein geringer Abstand zu den Spaniern reichte für unerreichbar. Bot sich eine Gelegenheit zum Vorstoß, konnte man den in einem bequemen Modus zur nicht vertanen Chance werden lassen.
In einer jesuitischen Narration schiebt „ein vorsichtiger Schöpfer“ Barrieren zwischen die Kommenden und die Vergangenen. Befriedigt stellt der Geistliche unter den Titel Non plus ultra die Bemerkung: „Bis jetzt konnten die Goldgierigen keinen Tritt in unsere Reduktionen setzen.“
Das ist eine machtpolitische Feststellung. Reduktionen waren Reservate, in denen Jesuiten die ursprüngliche Bevölkerung (vor den Kolonisten) abschirmte und sie wie in einem Freistaat regierte.
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Die Kolonisten setzen auf dem Paraná ein Postboot ein; man hatte touristische Empfindungen bis hin zu Vergleichen mit niederländischen Stimmungen. Fünf mächtige Mündungsarme packten das La Plata-Becken voll. Die Flussinseln barsten vor Fruchtbarkeit. In alle Richtungen kreuzten sich Kanäle.
Man reiste damals auch schon zur „Gemütserfrischung“. Nicht alle rackerten. Es gab Männer, die mit den üblichen Absichten gekommen waren, in der Neuen Welt jedoch zu Indolenten geworden waren und ihre Gewinne in der Schönheit von Landschaften suchten.
„An solide Unterscheidungen ist nicht zu denken“, schreibt Friedrich von Zierenberg, als Unsterblicher Zeitgenosse nicht zuletzt von Juan de Torres de Vera y Aragón (1527 - 1613), dem Adelantado und Gouverneur des Río de la Plata. Torres war ferner Gouverneur von Paraguay, die Titel wurden getrennt angeführt. Er gründete Corrientes - Fluchtpunkt für die in Concepción de Buena Esperanza Gescheiterten.
Zierenberg fährt fort: „Stauden, Unterholz, Büsche und Hecken gehen bis zur Verwirrung der Eindrücke ineinander über. Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht. Ich schule mein Auge, indem ich an jeder möglichen Differenz feile.“
Zierenberg freut sich über eine Nähe von Palmen und Lorbeer. Er sieht Zitronen neben „uns unbekannten Früchten“.
Alle „italienischen Lustgärten und Springbrunnen Frankreichs“ und, wie kommt man auf so was? „fürstlichen Fischteiche in Deutschland“ erschienen ihm zusammengenommen läppisch im Vergleich zum Paraná.
Zierenberg sprach jedem „das ausschließliche Besitzrecht“ an dem Fluss und seinen Erscheinungen ab. Die Einsicht war billig zu haben, Zierenberg suchte sein Vermögen nicht am Río de la Plata. Es zog ihn nach Corrientes, er querte „von Bächen zerrissenes Tafelland“ und folgte „einer überraschend langen Inselkette“.
Ich finde die schlammüberzogenen Uferformate mit ihren liegenden Stämmen, Wurzelstöcken, Bambus und Lianen viel zu schmutzig für schön. Das Programm bietet einen traurigen Anblick über Hunderte von Kilometern. Man muss schon einen schweren Hau haben, um der Drecksflora etwas abgewinnen zu können. Bei niedrigem Wasserstand schießt sofort Vegetation durch die Schlammdecke. Steigt das Wasser wird insulare Faunamigration zum Verhängnis. Auf schlossparktgroßen Inseln trifft verwildertes Rindvieh Hirsche und Jaguare.
Zierenberg entdeckte „liebliche Einfassungen“. Ein Milchbaum „leiht der Landschaft seinen Zauber. Bei Hochwasser reißt die Strömung das Ufer in Stücke.“
Zierenberg ordnete Corrientes nicht nur die Bedeutung eines Siedlungsnamens zu. Für ihn war Corrientes ein Landschafts- und ein Provinzbegriff außerdem. Er sieht „eine von Lagunen getränkte Ebene, die bis zum Hügelland der misiones occidentales sich hinzieht“.
Zierenberg singt die ganze Arie vom Schilf und von den Lilien. Er vergisst zu erwähnen, dass die Lagunen Vorhöllen unpassierbarer Sümpfe sind.
Morgen mehr.
09:31 18.01.2016
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