Hessenmeister CXCIV

Paraguay Die Lagunen lockten mit zeitweise zugänglichen Weiden merkwürdige Bauern in die Nutzung. Mitunter trieben sie auch das Vieh anderer Leute in die strotzende Öde
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Eine weltgeschichtliche Kleinigkeit brachte Che Guevara in den Schlosspark von Niederschönhausen, die DDR nutzte die Anlage als grand cour. Che wunderte sich über die florale Heimatfront in der Fremde. Die Regierung hatte für Palo Santo, Algarroba, Palo de Vivora und Urand-ig-irae in Pankow/Ecke Niederschönhausen keine Erklärung, die Dokumentation der Eingliederung vernichtete der Zweite Weltkrieg. Botaniker zerbrachen sich wegen der Sache den Kopf ...

Im Schlosspark

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Bildnachweis: Texas Team Tuschick

Sie ließen die Pferde zurück. Des Gehens entwöhnt und schlecht gerüstet für die niedrige Angelegenheit, schwankten La-Plata-Pate Irala und Ritter Fritz (von Zierenberg) in eine Gegend zwischen Buschland und Sumpf. Ein Schritt trennte manchmal nur wippenden Moorgrund von fester Scholle. Es war gefährlich, sich in dem Lagunenmilieu des misiones occidentales herum zu treiben. Versprengte und Entlaufene vegetierten in der Peripherie. - Ständig in der Gefahr, von Kaimanen, Schlangen und Jaguaren gefressen zu werden.
Die Lagunen lockten mit zeitweise zugänglichen Weiden merkwürdige Bauern in die Nutzung. Mitunter trieben sie auch das Vieh anderer Leute in die strotzende Öde. Da sahen sie Ozelotjäger, die kaum weniger scheu waren als ihre Beute.
Zierenberg bewunderte ein Aufkommen der Santa-Cruz-Riesenseerose. Das war eine amerikanische Einzigartigkeit mit dem akademischen Namen Victoria. Die Spanier nannten sie Irupé. Irala missachtete die Wunder, die zu den Wahrzeichen des „lateinischen Mesopotamiens“ gerechnet wurden. Er führte sein Schwert schlagbereit, der Gouverneur von Paraguay knurrte.
Englische Schriftstellerinnen fanden das Land zwischen den Zwillingsströmen (Paraguay & Uruguay) in dubiosen Schilderungen „eher schön als großartig“. Wahrscheinlich hatten sie das Land nie betreten. Es war eine Herausforderung an den Mut, ein Paradies für das Pekari. Eine Rotte schoss durch Zierenbergs Blickfeld und ließ den Boden vibrieren.
Auf einer Hallig entdeckten sie das Vieh. Zierenberg schätzte den Bestand auf wenigstens dreißig Stück. Die Diebinnen lagerten an einem schwachen Feuer, sie gehörten zur Bande der Abgebrühten Spuckerinnen. Spanien schaffte seinen Abschaum in die Kolonien, gebrandmarkte Frauen lebten so wild wie die Nachkommen durchgebrannter Schlachtrosse. Die Spuckerinnen erbleichten beim Anblick der Staatsgewalt. Sie warfen sich vor dem brausenden Gouverneur auf die Erde und versuchten seine Stiefel zu berühren.
„Lasst das“, donnerte Irala.
Zierenberg gab dem Don Deckung. Vielleicht lagen Männer im Moor lang wie Leichen. Selbst die Spuckerinnen konnten jederzeit zum Angriff übergehen.
„Wozu rät Ihr?“ fragte Irala den weitgereisten Begleiter.
„Wir richten ein Zuchthaus ein. Darin untersuchen wir das Verhältnis von Delinquenz und Devianz am Beispiel der Verworfenen.“
„Bei uns ist es aber üblich, Viehdiebe geschlechtsneutral aufzuknüpfen“, maulte Irala.
Zierenberg hob die Schultern, was sollte das Gerede. Er war ein Mann des Selbstgesprächs und mit sich in bester Gesellschaft.
Er betrachtete die Frauen. Sie stammten aus den Gossen von Saragossa. Feuermale und Tätowierungen verrieten ihre Slums.
Zierenberg zeigte sich moderat und kompromissfähig:
„Gut, dann zollen wir der Landessitte Tribut und hängen die Hälfte auf. Für die anderen bauen wir das Zuchthaus und öffnen der Forschung Tor und Tür.“
Irala war begeistert: „Bei jeder Gelegenheit gebt Ihr Euch als Mann von Welt zu erkennen.“
Hier brechen die Aufzeichnungen ab. Wird es interessant, hüllt sich Zierenberg in Schweigen. Aber sinnlos in Naturbetrachtungen schwelgen! Das haben wir gern.
*
Im südlichen Paraguay stehen Orangen- und Feigenbäume Spalier dem Wanderer. Zierenberg hat sich zu einem Alleinritt aufgemacht. Nun bewundert er eine Versammlung von Johannisbrotbäumen. In ihrem Kreis ragt ein Lapacho auf. In der Nachbarschaft wächst Taquara, ein Bambus von solcher Härte, dass er, noch härter gemacht mit einem Ochsenhautüberzug, zum Kanonenrohr taugt.
Viel Obst und Gemüse wollte Zierenberg mitnehmen und es im Schlosspark von Niederschönhausen in deutsche Erde tun. Eine weltgeschichtliche Kleinigkeit brachte den Waldläufer und Staatsmann Che Guevara in den Park, die DDR nutzte die Anlage als grand cour. Che wunderte sich über die florale Heimatfront in der Fremde. Die Regierung hatte für Palo Santo, Algarroba, Palo de Vivora und Urand-ig-irae in Pankow/Ecke Niederschönhausen keine Erklärung, die Dokumentation der Eingliederung vernichtete der Zweite Weltkrieg. Botaniker zerbrachen sich wegen der Sache den Kopf, einer landete in der Psychiatrie. Hätte man mich gefragt.
Morgen mehr.
07:47 19.01.2016
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