Hessenmeister CXCIX

Machiavelli Die doppelte Doppelgesichtigkeit eines Cesare Borgia, halb Mann, halb Tier, ein Viertel Löwe, ein Viertel Fuchs, von glänzender Herkunft beinah ...
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Im Schlosspark

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Bildnachweis: Texas Team Tuschick

„Die Stämme unterscheiden sich nach der Art, ihren Lebensunterhalt zu gewinnen, in solche, die ansatzweise Ackerbau treiben und darum feste Wohnsitze haben, und in Nomaden …“

Niccolò Machiavelli vertieft sich in die Aufzeichnungen eines Verwandten. Vetter Vespucci gehört zum Kartell, das schon Kolumbus mit Mitteln für die erste Westindien-Expedition versorgt hat und seitdem transkontinental in der Königsklasse mitmischt. Er eröffnete auf Espanola die erste Zweigstelle, Vespucci ist ein Mann der Medici.

Major Player im Big Business.

Entdecker. Erforscher.

Navigator. Kartograph. Ethnologe.

Und du sagst, bring den Müll raus. Cicero

Vespucci stellt die Wasserwaage auf den Sims der Schönheit. Die Welt erscheint als Rechenbeispiel. Wiegen und messen: hilft zu verstehen.

Als ich zum Abendbrot Vespucci skizzierte, fasziniert von seiner ausgefransten Homo-Faber-Modernität, ist er nicht ein Typ wie von Max Wolfe oder Tom Frisch ins Rennen geschickt? quittierte Regina den Vortrag mit einem Wort: „Mafia.“

Ein Fußmarsch von zwei Stunden trennt Machiavelli von der Stadt seiner Triumphe. Die Medici stellen ihn kalt, er sitzt fest.

Machiavelli lebt vor den Toren Florenz in der Verbannung. Er brennt noch, er will nicht vor dem Fernseher oder in diesem neue Kaffeestübchen, das die Bäckerin als gute Geschäftsidee aufgezogen hat, abhängen. Etwas Gewürzkuchen ist vom zweiten Abendbrot übriggeblieben, ein Tropf greift nach dem Mantel der Nacht.

Was sich alles Morgen nennen darf, denkt Machiavelli (fast amüsiert) angesichts eines Schmalbrüstigen, dem die Nacht indes bereitwillig weicht. Auf Socken macht sie sich davon.

Längst sind die Tätigen in Gang, wie aufgezogen von ihrer Herrin, der Notwendigkeit.

Machiavelli liest: „Der Landbau (der Stämme an der Amazonasmündung) entspricht ihrem trägen Charakter und der Unvollkommenheit ihrer Werkzeuge. So gehen sie vor: Sie roden ein Stück, indem sie Bäume niederbrennen und die Asche als Dünger nutzen. Sobald es regnet, graben sie mit einem spitzen Holz Löcher, säen Hirse und Maniol, und ohne weitere Arbeit lohnt der Boden mit Ernte.“

Machiavelli schreibt: „Sind die Lebensumstände leicht, sind dies auch die Formen der Herrschaft. Der Kazike, dem sich eine Horde bereitwillig unterstellt, ist vielmehr eine geachtete als eine gefürchtete Person. Vielleicht droht man Kindern mit seiner Autorität. Mehr Macht kann man in diesem Kreis nicht erwerben.“

Machiavelli bedenkt den kindlichen Zuschnitt des Vorstands im Paradies. Setzt man dagegen die doppelte Doppelgesichtigkeit eines Cesare Borgia, halb Mann, halb Tier, ein Viertel Löwe, ein Viertel Fuchs, von glänzender Herkunft beinah/ und stets/ nicht ebenbürtig und doch/ so lange mächtig wie es seinem Vater, dem Papst, am Leben zu bleiben gelingt. Ein Irrtum bedeutet Untergang.

Vespucci: „Die Nomadenstämme ändern ihren Standort, sobald Jagd und Fischfang daselbst nicht mehr ergiebig sind. Zelt, Küchen- und Hausgerät werden dann von den Weibern weitergeschleppt. Dafür haben sie das Vorrecht, die Marschroute zu regulieren. Während die Weiber, müde vom Marsch, das Zelt errichten und Speisen bereiten, lagern die Männer gemächlich im Gras und schauen der Eilfertigkeit zu. Erst wenn das Essen fertig ist, werden sie munter und greifen zu, ohne Rücksicht, ob für das Weib und die Kinder etwas übrigbleibt.“

*

Frau Machiavelli erscheint als Aufsicht des Hausmädchens. Sie ordnet an, das Fenster zu öffnen. Auf einem Eisstrahl straddlen Grand Slam Coogan und Texas Double Action Thunderbolt in die gute Stube. Sie sind im Stil der Lone-Star-Milizionäre um 1840 gekleidet, jeder Sporn ist aus einem Golddollar geschnitten. Weltweit handelt es sich bei Coogan und Thunderbolt um die unsterblichsten aller unsterblichen Texaner. Die texanische Küste wurde von Alonso Álvarez de Pineda erfasst, zurzeit des Gesprächs im Landkreis von Florenz ist Texas spanisch. Frau Machiavelli beeilt sich, für die Herren Spucknäpfe bereitstellen zu lassen.

Man spricht Englisch, wir sind nicht in einem Italo-Western. Die Texaner nennen den Florentiner Machi.

„Machi, hör mal, gibt’s hier auch Kaffee?“

Machiavelli wedelt mit der rechten Hand. Die Hand scheint ungehalten, der Kaffee könnte auch schon da sein.

Texas fragt: „Kann man mächtig und gefangen zugleich sein?“

Machiavelli: „Wen die Macht gefangen nimmt, der hat sie nicht.“

Coogan: „Ist Drauf- und Dreinschlagen immer das Beste?“

Machiavelli: „Darüber muss man sich im Klaren sein: Wer mit Stärke auf Schwäche reagiert, beendet die Schwäche so oder so. Die angegriffene Position gibt es nicht mehr.“

Texas: „Klingt kuhl, Mann. Wo bleibt der Kaffee? Wir haben einen Höllenritt hinter uns.“

Frau Machiavelli muss sich am frühen Morgen einen ungehaltenen Gatten gefallen lassen.

Machiavelli: „Ja, wo bleibt der Kaffee? Du hast es doch gehört: Die Herren haben einen Höllenritt hinter sich.“

Der Kaffee kommt, in seinem Gefolge kehrt Entspannung ein. Coogan dreht gedankenverloren eine Stiefelspitze.

Machiavelli: „Ich wiederhole: Wer mit Stärke auf Schwäche reagiert, eliminiert die Schwäche. Da ist dann keine Schwäche mehr. Wer nun auf vermeintliche Schwäche mit Stärke reagiert, läuft Gefahr, die Stärke abzugeben.“

Texas: „Ich glaub, ich weiß, was der Machi meint. Das ist doch die Geschichte von dem Wehrmachtsoffizier, der zu Picasso ins Atelier kommt, „Guernica“ sieht, das Bild, mit dem Picasso auf den Einsatz der Legion Condor 1937 in Spanien reagiert hat, und fragt:

„Wie haben Sie das gemacht?“

Picasso: „Das war ich nicht. Das warst du.“

Morgen mehr.

06:41 24.01.2016
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