Hessenmeister CXCVI

Brasilien „Ein Sturm ergriff die Flotte … und endlich am 24. April, in der Oktav von Ostern (erblickte Cabral) Land und Leute von einer Farbe wie Gerberlohe, wohlgewachsen ...
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Napoleon rühmte den Schlosspark von Niederschönhausen

https://scontent.xx.fbcdn.net/hphotos-xpt1/v/t1.0-9/12552850_1248080708539481_8537966006449931044_n.jpg?oh=1866fec7c1e1ded892775573e9b27c37&oe=572F53C7

Bildnachweis: Texas Team Tuschick

Kolumbus suchte, Vasco da Gama fand den Seeweg nach Indien. 1498 umschiffte er das Kap der guten Hoffnung. So erlöste der Portugiese sein Land vom preistreibenden und erpresserischen Zwischenhandel auf der Gewürzroute.
Als Instrument der Expansion war die christliche Seefahrt eine bewaffnete Angelegenheit. Sie griff arabische (und venezianische) Monopole und Vormachtstellungen an. Die Verdrängung gelang, da Gama erzwang neue Verhältnisse in Indien. Wo Geschick nicht half, nahm er Zuflucht zur Gewalt. Sechshundert Jahre später schildert ihn die Geschichtsschreibung noch als großen Mann. Immerhin hat da Gama echte Inder vorgeführt, anders als Kolumbus.
Der nächste, der Portugal in eine epochale Pole-Position brachte, war Pedro Álvares Cabral. Kolumbus, da Gama, Cabral – Alle wollten nach Indien und sollten auch dahin. Cabral war Chef einer diplomatischen Mission des Königs von Portugal. Er sollte in Indien die Mienen der Mächtigen aufhellen. Unterwegs kam ihm Brasilien in die Quere. Im Jargon der Zeit „entdeckte (er) ein unbekanntes Land“.
„Ein Sturm ergriff die Flotte … und endlich am 24. April, in der Oktav von Ostern (erblickte Cabral) Land und Leute von einer Farbe wie Gerberlohe, wohlgewachsen, aber völlig nackend. Man konnte sich mit diesen Leuten nicht verständigen.“ (Zitiert ungefähr nach Pero Vas de Caminha in einem Brief an König Manuel, genannt der Glückliche. Caminha war „Schriftführer der Flotte“ – ein interessanter Knopf. Seine Tagebücher sind Weltkulturerbe. Auch die verschollenen. Also, wer die findet.)
Admiral Cabral tat, was zu seiner Zeit Mode war unter seefahrenden Aristokraten. Er nahm das unbekannte Land für seinen König „in Besitz“ und taufte es. Er segelte weiter, scheiterte in Indien als Diplomat und reüssierte an der Kanone. Lange vor Clausewitz verstand er „Krieg als bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“.
„Der Molukke redet mir zu viel. Das kann ich jetzt nicht gebrauchen. Lasst uns seine Schiffe in Brand setzen.“
Zack. Bumm.
Cabral hatte in Brasilien siebzehn Priester ausgesetzt, ein Hinweis darauf, dass seine „Entdeckung“ gar keine war, sondern ein Schnellzug im Duell mit Spanien. Jedenfalls hatte „der florentinische Reisende“ Amerigo Vespucci bereits 1499 die Mündung des Amazonas beschrieben.
*
Ich komme auf Caminha zurück:
„Was die Blicke besonders auf sich zog, war ein hoher Kegel, dessen Südseite den Anfang einer bewaldeten Hügelkette abgab. Der Admiral hielt dafür, dass man diesen Berg mit dem Namen eines Festes innerhalb des Oktav benennen solle, und so gaben wir ihm den Namen Monte Pascoal. Das Land aber nannten wir Vera Cruz.“
Da erreicht man eine Weltecke, die kannte man nicht, am Strand sind jede Menge Leute und trotzdem ist da keiner und ist da nichts, was einem Einhalt gebieten könnte. Du sagst: Ihr seid jetzt Untertanten von dem Manuel. Fühlt euch alle geküsst.
Die „Eingeborenen“ nennen Vera Cruz Ibirapitanga. Die Portugiesen übersetzen Ibirapitanga mit pao do brasil. Brasilien heißt nach einem Färbholz.
Caminha erzählt so bildhaft, dass ich ihn nicht unterbrechen kann:
„Wir überraschten zwei Eingeborene in ihrer Pirogge und ergriffen sie. Sie waren starr vor Staunen, aber ängstlich waren sie nicht. Jede Unterlippe war durchbohrt und mit einem beträchtlichen Knochenstück geschmückt. Die Wilden trugen Perücken aus Federn, die mit Wachs am Hinterkopf klebten. Man führte sie vor den Admiral, der sein bestes Gewand und die Amtskette angelegt hatte. Sancho de Tovar, Simao de Miranda, Nicolau Coelho und Aires Correia imponierten neben ihm. Die Wilden zündeten ihre Glimmstengel an, in Palmblätter gedrehten Tabak, und sahen sich ungeniert um. Sie dachten nicht daran, Cabral und seine Offiziere zu grüßen. Ein Wilder zeigte Interesse an der Amtskette. Er trat vor, um sie genau in Augenschein zu nehmen. Dabei blies er dem Kommandanten Rauch ins Gesicht. Cabral hustete, die Wilden verhehlten ihm nicht, wie läppisch sie die Husterei fanden.
...
Einem Hammel schenkten sie keine Beachtung.
Die Wilden ließen sich nicht aus ihrer kindlichen Ruhe und Arglosigkeit bringen. Sie wurden schließlich müde und legten sich ohne jeden Umstand zwischen die Fremden; mit nur einer Sorge, ihren Federschmuck nicht zu verletzen.
Wir erreichten eine Bai (Porto Seguro) der Flottenrat tagte und kam zu dem Schluss, die Wilden in Freiheit zu setzen. Sie schienen sich kaum als Gefangene wahrzunehmen; jedenfalls gab sich keine Anspannung zu erkennen. Wir überließen ihnen Ribeiro, der als Staatsverbrecher aus Portugal verbannt worden war, und in der Dorfschaft der Wilden verbleiben sollte. Er machte allerdings ein klägliches Gesicht, während seine Gefährten wieder nur Gleichmut zeigten.“
*
Vera Cruz – Wahres Kreuz. „Den Heiden das Evangelium zu verkünden“, war portugiesisch-spanisches Staatsziel. Man stellte „geistliche Waffen“ auf eine Stufe mit „weltlichen“. Kirchenväter waren auf „Eroberungen“ genauso scharf wie Playboys und Feldherren.
Siebzehn Priester begannen sogleich mit der Missionierung als dem dringendsten Geschäft auf Erden. Caminha spricht von „drolligen Szenen“. Vater Diaz las die Messe, das lockte die Wilden an. Sie belebten die Sache „mit ihren heiligen Tänzen“.
Ein Gitarrist verführt sie zu Begeisterung. Der Almo-Sheriff (Zollinspektor) der Flotte unterhält sie mit Kunststücken. Sie applaudieren bei einem Salto real.
...
Sie führen eine Hieb- und Stichwaffe aus dem Kiefer des Palometa.
...
Cabral lässt ein Riesenkreuz aufstellen, die Mannschaften versammeln sich. Die Wilden kommen an und fahren auf den Ritus ab. Das ist mal was anderes, ein bisschen wie Karneval.
Mit Fahnen, Kreuzen und Prozessionen drehen Missionare die Heiden auf links. Cabral verlangt die Errichtung eines weiteren Kreuzes, „an einem weithin sichtbaren Punkte“.
Die Übertragung gerät zum Massenspektakel - Jesus Christ Superstar. Caminha erinnert sich: „Dreihundert Wilde knieten mit uns. Aufmerksam folgten sie der heiligen Handlung. Als man zum Evangelium kam und wir uns erhoben, da standen auch sie auf, taten, was sie uns tun sahen …“
Cabral ließ die Flotte zur Weiterfahrt nach Indien unter Segel setzen. Ribeiro beklagte sein Schicksal am Strand, die Wilden trösteten ihn. In ihrer Gesellschaft durfte geweint werden.
Caminha spricht von vier entsprungenen Schiffsjungen.
Morgen mehr.
07:45 21.01.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare