Hessenmeister CXCVII

Vespucci Er war Agent der Medici, Geschäftsmann und Navigator
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Als im Schlosspark von Niederschönhausen noch Französisch gesprochen wurde

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Bildnachweis: Texas Team Tuschick

Es gab Flottenmaler und Flottenschriftsteller. Sie wurden von höchster Stelle eingesetzt und rangierten als technisches Personal in einer Mittellage. Der Maler an Bord erfüllte die Funktion eines Fotografen. Sein Verhältnis zum Flottenführer war eine Delikatesse. Er hatte die Kenntnisse eines Chirurgen und konnte bei der Bestimmung von Pflanzen dem Bordbotaniker zur Hilfe kommen.
Der Flottenschriftsteller reiste als Chronist und trieb doppelte Buchführung. Er schilderte den Expeditionsverlauf in einem Bericht für die Königin (als erster Leserin!), das war sein Job. Außerdem strich er narrative Prisen ein. Der poetische Mehrwert ergab sich zumal aus Beobachtungsgewinnen, die der Zeit voraus waren, da sie in einer Piloten*-Zukunft stattfanden.
*Ein wichtiger Mann an Bord war der Pilot. Die Piloten des 16. Jahrhunderts sind in Begriffen der Gegenwart nur mit Astronauten zu vergleichen. Ihre Wissensvorsprünge waren die Klippen, auf denen Geschichte gemacht wurde.
Pero Vaz de Caminha nahm als Schriftsteller an einem nautischen Feldzug teil, der als diplomatische Mission deklariert war und zur „Entdeckung“ Brasiliens führte. Er führte ferner zu einer Verschiebung der Machtverhältnisse im Welthandel. Wir verbinden die Expedition mit dem Namen ihres Flottenführers - Pedro Álvares Cabral.
Zu den Aufgaben eines Flottenschriftstellers gehörte die Sicherung von Staatsgeheimnissen. In seinem Bericht las die Königin, wie der Wind auf dem Atlantik weht und wie Küstenlinien jenseits des Atlantiks verlaufen. Das war Herrschaftswissen.
Die reisenden Zivilisten zur Zeit eines Caminha fanden Amerika himmlisch. Manche glaubten, das Paradies oder zumindest einen Vorort erreicht zu haben. Die Renaissance zeichnete ihre Ansichten schwungvoll. Amerigo Vespucci, dessen Name zum Namen eines Kontinents und dessen Lebensstil nach seiner Geburtsstadt Florenz – florentinisch - sprichwörtlich wurde, schreibt:
„Als ich die wunderbare Fruchtbarkeit des Landes sah, meinte ich, nicht weit mehr vom Paradiese zu sein.“
Caminha nennt Vespucci den „treuherzigsten“ aller großen „Träumer“.
Caminha bestätigt Vespucci: „Jeder, der dieses Land geschaut, wird die überschwängliche Begeisterung der Schwärmer wohl begreifen.“
Vespucci war kein Träumer und Schwärmer. Er war Agent der Medici, Geschäftsmann und Navigator (Pilot) … vielleicht so etwas wie ein früher Saint-Exupéry.
Ein schlechterer Schriftsteller als Caminha wälzt aus:
„In der Tat, dieses reiche, wechselvolle, oft zauberhaft schöne Landschaftsbild, diese mächtigen Ströme, die ihre Fluten dem Ozean entgegen rollen, diese ungezählten Palmenriesen, deren Kronen den Urwald in jenes zauberhafte (steht so da) Dunkel hüllen und mit unvergleichlicher Majestät verkleiden …“
Das geht so seitenlang und soll nur zeigen: es gab eine europäische Perspektive, die Amerika nicht zum Plündern freigab.
Vespucci überschreibt 1500 einen amerikanischen Aufsatz: „Oh Herr und Gott, wie wunderbar sind deine Werke!“ („Deine“ tatsächlich klein, ich hab noch mal geguckt.)
Die Idee vom Paradies Amerika konkurriert mit trockenen Darstellungen: „Brasilien liegt größtenteils in der heißen Zone.“
Vespucci sah die Amazonasmündung vor Cabral. Caminha erwähnt die prestigeträchtige Voraussicht. Er markiert den nördlichsten Punkt der brasilianischen Küstenlinie am Kap d‘Orange. Da sieht er eine einzigartige Brutkolonie beim Auftritt der Entdecker hookender Flamingos.
Um 1520 stellt ein Autor namens Thackeray Bigfoot Thunderbolt fest: „Die Küste schweift in den Atlantik aus bis zum La Plata. Ihre Buchten und Mündungen bieten der Schifffahrt sichere Häfen. Sie legen es auf Handel und Verkehr an.“
Morgen mehr.
08:41 22.01.2016
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