Hessenmeister CXI

Kassel Vergeblich versuchte der Bund gemeiner Schwestern den Kasseler Schriftsteller Fritz Z. auf Tortuga hinters Licht zu führen
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Ein Wort, das nie laut fällt - „Trépanation“. Es besteht eine Gilde der Schädelbohrer auf Tortuga, die nächtens ausschwärmt. Heiner Müller erinnert an Carmen Boullosa, wenn er das Wort von der „Karibischen Bruderschaft“ mit dem Geschäft des Trépanateurs in Verbindung bringt. Nicht nur im Zuge ritueller Menschenopfer werden Schädel geöffnet. Bohrer gehören zur regulären Bewaffnung mancher Bukanier-Secessionen. Das ist gar nicht so interessant.

Schädel werden im Zusammenhang mit schönheitschirurgischen und magischen Maßnahmen geöffnet. Der entfesselte Europäer übernimmt Motive aus dem Voodoo-Portfolio. Er lässt sich tätowieren, piercen, rasieren und gegebenenfalls auch ohne medizinischen Grund ein Loch in den Kopf bohren, um die Freiheit als ungeheure Erfahrung archaisch zwischen Narbe und Zeichnung darzustellen. Der Schriftsteller Friedrich von Zierenberg schreibt:

„Die Entbindung von allen europäischen Ordnungsbegriffen stößt den Bukanier in die Steinzeit.“

Zierenberg irrt. Eine Funktion extremer Körpergestaltung ist der Selbstausschluss. Der Bukanier zeigt an, dass er mit der Alten Welt fertig ist. Er kann nicht mehr zurück. Das macht ihn vertrauenswürdig; es macht ihn zum „Bruder“.

Die karibische „Bruderhilfe“ kennt Renten- und Krankenkassen. Sie empfiehlt, sich gegen Erwerbsunfähigkeit zu versichern.

Aktionäre finanzieren Kaperfahrten mit den üblichen Erwartungen. Es gibt Piraten-Manifeste und –Statuten und die ersten standesamtlichen Eheschließungen. Gleichgeschlechtliche Verbindungen sind den Alternativen gleichgestellt. Während in Europa Ehen zwischen Katholiken und Protestanten ausgeschlossen sind, kann sich in der Karibik zusammen tun, wer will. Auch deshalb heißt es: Auf nach Tortuga!

Auf Tortuga wird die Emanzipation des Menschengeschlechts vorangetrieben. Piraterie ist ein Motor der Zukunft. Damit einher gehen Exzesse, es geschieht viel im Geheimen.
...
Zierenberg geht an Land. Bald stellt er fest, dass er verfolgt wird. Er stockt die Bewaffnung auf und bleibt in Bewegung. Harlekine tauchen auf, äffen Zierenberg nach und zischen ab wie Brause. Zweifellos bilden die Harlekine eine Bande. Vielleicht braten sie nach schrecklichen Verabredungen Unvorsichtige am Spieß.
Wer kann das wissen?
Eine vom Laster gefallene Stimmenrauscherin ergreift Zierenberg vor einem Ausschank.
„Wollt Ihr Rum, Herr?“ fragt die Verworfene.
Verfolgt die Metze die Absicht, Zierenberg mit KO-Tropfen reif für seine Ausweidung zu machen?
„Bitte, Herr, seht mich an. Unschuldig bin ich ins Unglück gefallen. An sich bin ich nicht übel. Ich habe auch noch fast alle Zähne.“
Wer soll ihr das glauben? Eine Haihaut als Hemd und seltene Schellen verraten die Zugehörigkeit zum „Bund gemeiner Schwestern“.
Schon einmal fiel Zierenberg ein Bettler auf, der ein Gebrechen vortäuschte. Nun lahmt er wieder falsch heran. Zierenberg sieht Hohn unter einer Haube. Er sieht ein Gesicht, das zu der demoralisierten Körpersprache nicht passt.
Offensichtlich hat man Zierenberg studiert, seine Verfolgung ist konzertiert. Die Metze und der Bettler spielen in einem Team.
„Bring erst eine Flasche vom Besten. Ruf dann den Wirt, dass ich mir ein Bild von seinem Charakter machen kann. Beeil dich“, bittet Zierenberg.
Man entspricht den Wünschen, von einem Markt kommt Lärm, vereinzelt wird doch noch oder schon wieder auf der Insel mit Menschen gehandelt. Französische Entrepreneure errichten ein koloniales Regime am Rande des Korsaren-Freistaats.
Der Bettler liegt vor Zierenberg im Dreck. Er lässt den vortrefflichen Hessen nicht aus dem Verschlag betrügerischer Augen.
„Darf ich mich zu Euch setzen?“ sülzt die gemeine Schwester. „Wir können auch an einen ruhigen Ort gehen, falls Ihr das Belieben habt.“
Sie zieht den Rock über die Schenkel, um Zierenbergs Begehren Beine zu machen.
„Ich heiße Larifa.“
Zierenberg verlangt Fruchtsaft, um den Rum zu mischen. Larifa flutscht zu seiner Bedienung so eilig. Da kommt Hermés um die Ecke. Vor siebzig Jahren hat er die Santa Maria des Christoph Kolumbus auf eine Sandbank gesetzt. Am Stephanustag des Jahres 1492 besuchte der Kazike Guacanagari den deprimierten Admiral. Kolumbus wollte den Kleinkönig zuerst nicht empfangen, er war nahezu blind von Schmerzen, die wie Terroristen in seinen Kopf eingedrungen waren. Guacanagari weinte mit dem Spanier, den er für einen Gott hielt, der wie ein Mensch fühlt.
Sie (die Bevölkerung von Hispaniola) lieben einander. Habsucht kennen sie nicht. Sie sind fügsam in allem. Männer und Frauen gehen dürftig bekleidet, Ewige Hoheiten dürfen glauben, dass die Sitten trotzdem tadellos sind.
Kolumbus in einem Rechenschaftsbericht
Hermés spekuliert auf den Rum in Zierenbergs Reichweite. Er zahlt mit einer Story.
Lange war kein Goldzahn aufzutreiben gewesen. Plötzlich hieß es, erhebliche Quantitäten seien zum Tausch eingetroffen.
„Da wurde der Hund in der Pfanne verrückt. Der Admiral sprang im Dreieck. Große Stücke wurden mit Ungeduld für wahre Kleinigkeiten hingegeben.“
Da man glaubte, dass Hermés vom Pech geschwefelt wurde und man den Jungen auf keinem Schiff haben wollte, scherte man sich auch nicht darum, dass er mit der Bevölkerung flirtete.
„Ich ging wie ein Geist umher.“
Larifa fragt: „Soll ich ein Lied für Euch singen?“
Hermés versteht den Wink mit der Voodoo-Nadel. Der Edelmann sitzt hier als meine Beute. Verzieh dich, du alter Zausel, oder ich verhex dich.
Hermés täuscht dringende Termine vor, Zierenberg erkennt keine Abweichung im Anbahnungsspiel vom Normalverlauf. Entschlossen greift er zum Glas.
Morgen mehr.
12:15 15.12.2015
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