Hessenmeister CXII

Kassel Das Luftschloss Wilhelmshöhe war 1787 an die Stelle eines alten Kastens gesetzt worden, der zuerst als Kloster gedient hatte, dem verweltlichten „Weißenstein“
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Bildnachweis: Mara Neusel

Von Kassel wanderte man eine starke Stunde westwärts. Schon lag vor einem auf der Verkrümmung des Karlsbergfußes das Luftschloss Wilhelmshöhe. Es war 1787 an die Stelle eines alten Kastens gesetzt worden, der zuerst als Kloster gedient hatte, dem nibelung'esken Nebelschloss „Weißenstein“. Gouverneur Coogan, Professor Thunderbolt und der kurhessische James Bond seiner Königlichen Hoheit*, Friedrich von Zierenberg, nahmen bei jedem Wetter sonntags die kerzengerade aus der Wilhelmshöher Vorstadt aufsteigende Allee, um den Schlosspark fußläufig zu erreichen.

*Die Anrede war käuflich, wenn auch nicht für jeden. Hier ist die Rede von einem Landgrafen, der Kurfürst wurde.

Oberbaudirekter Du Ry hatte das neue Schloss für Landgraf Wilhelm IX. entworfen. Es diente dem isolierten Sommeraufenthalt mit überschaubarem Gefolge, man hatte die Sache erst klein gehalten; sie dann aber doch zu beschränkt gefunden und klassizistisch nachgelegt. Jedem, Coogan genauso wie Thunderbolt und Zierenberg, wohnte die Fantasie eines ewigen Lebensabends in Sichtweite des Schlosses inne. Da gab es ein apartes Palais, die Löwenburg – und, was wenige wissen, „das Jägerhaus“. Alle Landgrafen seit Heinrich von Brabant hielten einen besonderen Jäger in ihren Diensten, einen Scharfschützen und meisterlichen Waidmann, mehr Mohikaner als Hurone. So einer kam selten aus dem Wald. Er hatte eine stille Frau, die ihm gute Kinder gebar, die dann selbst gute Jäger wurden oder Frauen guter Jäger, da Mädchen keine Jäger sein durften. Immer wieder in der Jahrhunderte währenden Geschichte vom besonderen Jäger hatten Töchter den Himmel und die Frau Holle angerufen, damit sie doch noch zu Knaben wurden und folglich die Chance bekamen, selbst (wenigstens gute) Jäger zu werden. Eine Hexe hatte ihr Geschäft deshalb ganz in der Nähe eingerichtet. Sie gaukelte den armen Mädchen die Aussicht auf Besserung ihres Schicksals vor, mit dem Ziel sie vollends zu verderben. Die Hexe war mit dorianischer Jugend gestrafft, sie hatte den karibischen Teint und hieß nach ihrer Mutter Larifa. Die alte Larifa war eine Betörerin des Ritters von Zierenberg & Niestetal auf Tortuga damals gewesen. Der Ritter hatte die Welt bereist, er war mit dem Großkorsar Doc Drake gesegelt und in hundert Gefechten verletzt worden, ohne Schaden zu nehmen. Steinreich und weltberühmt war er in seine Heimatstadt Kassel (Cassel) zurückgekehrt und umgehend zum Ehrenbürger ernannt worden. Die Hexe war ihm jedoch gefolgt. Sie machte sich dem edlen Hessen unentbehrlich und schwor dem Bösen ein wenig ab. Schließlich wurde sie durch Zierenberg zur Mutter von Larifa-Zwo, welche ihre betrügerische Zweigstelle unter den „Drei Eichen“ an einem sprunghaften Bachlauf unterhielt.

Es stellte sich im weiteren Verlauf heraus, dass Zierenberg unsterblich war, ähnlich wie Grand Slam Coogan, Feridun Zaimoglu, die Brüder Grimm, Texas Double Action Thunderbolt und Jimmy Freud. Ein jeder war Gelehrter und Revolvermann gleichermaßen und nahm sonntags den Braten gern beim besonderen Jäger.

Oberbaudirekter Jussow hatte das Werk seines Vorgängers Du Ry weitergeführt in der Art einer architektonischen Inszenierung von Strenge. Das Schloss war über achtzig Fuß hoch. Vor seinem Portal imponierten fünf Fuß dicke, freistehende Säulen. Das rockte enorm, interessierte einen Zierenberg aber nicht die Bohne. Der Ritter aß lieber mit den lieben Freunden Rehrücken beim besonderen Jäger, dessen Haus im Schatten der „Achtzehn Buchen“ stand. Seit unsere Vorfahren, die Chatten, für alle Germanen vorbildlich geworden waren, lebte an dieser Stelle im Walde ein Repräsentant des niederhessischen Über-Ichs mitunter als Eremit. Nun wohnte da Joachim mit seiner Frau. Sie hieß Alsuna und war eine Schönheit wie keine zweite in der Grafschaft.

Morgen mehr.

09:41 16.12.2015
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