Hessenmeister CXIII

Kassel Landgraf Wilhelm IX. v. Hessen-Kassel besaß sechzigtausend Bücher, darunter zweihundert wertvolle Bibeln. Das historische Fach war am reichsten besetzt
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Bildnachweis: Mara Neusel

Als Friedrich II. v. Hessen-Kassel aus der Braunschweiger Kur, die ihm seine Räte im Siebenjährigen Krieg verordnet hatten, in die angestammte Residenz zurückkehrte, hatte er nicht nur Pläne für eine Technische Hochschule nach dem Vorbild des Braunschweiger Collegium Carolinum im Gepäck, sondern auch einen indischen Elefanten im Gefolge. Der Elefant war die Sensation in Friedrichs Menagerie. Er starb dann an Altersschwäche oder Heimweh und der Landgraf ließ ihn ausstopfen. Das Präparat übertraf in seinem Schauwert alles je dagewesene. Der tote Elefant wirkte dramatisch urzeitlich. Urzeitlich kam in den 1770er Jahre gut. Jeder Fürst hatte sein archäologisches Institut und eine Ausgrabung vor der Tür.
Der Elefant fuselte im Schloss Wilhelmshöhe, das zu des zweiten Friedrichs Zeiten noch Weißenstein hieß. Neben ihm standen zwei Leoparden und ein Kamel. Das Kamel hatte die Reise von Afrika nach Kassel erst gar nicht überlebt. Fledermäuse komplettierten das Ensemble in Gesellschaft ausgestopfter Vögel vom Strauß bis zum Kolibri.
Friedrich von Zierenberg hatte vor zweihundertzwanzig Jahren aus der Karibik Seesterne, Korallen, Schildkröten, Klapperschlangen und Wallrosszähne mitgebracht. Auch seltene Hölzer auf Geheiß. Landgraf Wilhelm IV. war ein Liebhaber von Holzbüchern gewesen. Ihre Rücken bestanden aus Rinde, die Titel bargen Samen, Frucht und Blätter eines Baumes. Nachkommende Landgrafen vernachlässigten die Bibliothek, sie investierten lieber in das Amphibienzimmer im Schloss oder vergrößerten die Schmetterlingssammlung. Es gab auch eine drei Zentner schwere Noahschulpe und ein Altes Testament, das angeblich älter war als alles, was Rom an Testamenten zu bieten hatte. In Ehren gehalten wurde ferner das Creditiv eines persischen Gesandten, der 1600 bei Landgraf Moritz vorstellig geworden war.
Wilhelm IX. besaß sechzigtausend Bücher. „Das historische Fach ist am reichsten besetzt“, heißt es bei Texas Thunderbolt. Kollege Cornelius Kammschneider registrierte zweihundert wertvolle Bibeln, einen Koran so wie „die arabische Geschichte eines Muhamed“.
Neben der Bibliothek war das Observatorium in einem von den Festungswerken der Altstadt übriggebliebenen Turm mit fünf Geschossen und einem Kupferdach.
Man sprach über den Katholiken auf dem Thron. Friedrich II. genoss wenig Sympathie bei den beinharten Protestanten im Haus „Zu den achtzehn Buchen“. Da lebte der Jäger Joachim mit seiner schönen Frau Alsuna. Die Geheimen und unsterblichen Räte Coogan, Thunderbolt, Zaimoglu und Zierenberg ließen sich eine ausgezeichnete Bedienung gefallen, für die Weitgereisten war eine Granatapfelsuppe allerdings nicht besonderes. Mokka und Gin auch nicht.
Zierenberg bedauerte, nicht ein karibisches Kleinod für Alsuna aufgespart zu haben. Alle fünfzig Jahre verliebte er sich und da er das Antlitz und den Gang eines Jünglings beibehalten hatte, kannte der Ritter die unerwiderte Liebe nicht.
Alsunas aufrichtige Erregung, sie biss sich in die Wangen und saugte sie heftig ein, konnte keinem am Tisch verborgen bleiben. Jäger Joachim zog bedächtig an seiner Pfeife, Gouverneur Coogan ließ Friedrich II. als Thema fallen. Er erzählte von den Nationalspielen und Tänzen der Bevölkerung in seiner amerikanischen Heimat. Wilhelm IX. hatte zwei Amerikaner, den Türken Zaimoglu und einen Österreicher namens Freud in sein Geheimes Kabinett gerufen, doch alle waren im Grunde ihres Herzens so wie ihrer ehrlichen Abstammung nach von kurhessischem Geblüt, also tadellos.
Coogans Geschichte aus dem spanisch-mexikanischen Südwesten lud Zierenberg regelrecht ein, von der Karibik zu berichten wie sie beinah noch in jenem Zustand gewesen war, dessen Zerstörung Kolumbus eingeleitet hatte. Im Dezember 1492 verlor der Admiral sein Flaggschiff, die schiffbrüchige Mannschaft blieb in der Obhut des Kaziken Guacanagari. Die neununddreißig von Kolumbus in der Neuen Welt notgedrungen Zurückgelassenen, fühlten sich von der „Sitteneinfalt“, ein Wort, das ich bei Kammschneider fand, der Leute vor Ort, ins Paradies gestoßen. Sie hatten bis dahin in der Zivilisation ein mühsames und unhygienisches Leben geführt. Sie waren voller Geschwüre und Beulen. Das waren verkümmerte Menschen, diese spanischen Schiffer. Ihr Glaube war ohne Liebe, so wie sie selbst ohne Liebe zu leben gelernt hatten. Nun kamen sie zu Menschen, die sich Lieblosigkeit gar nicht vorstellen konnten. Die den lieben langen Tag im Müßiggang vertaten.
Kein (gestrandeter) Spanier wollte wieder nach Spanien. Auf dieser „westindischen Insel“ waren die Neununddreißig nicht nur frei, sondern auch Herren. Die Einheimischen unterwarfen sich sorglos. Sie begriffen den Wahn nicht, der in den Fremden wohnte. Die glaubten nämlich zu diesem Platz geschickt worden zu sein - die Havarie der Santa Maria als Zeichen Gottes. Hier sollte die Christianisierung losgehen. Die Fernfahrer zeigten einem Publikum, das für Pfeil & Bogen keine Verwendung hatte (vor bewaffneten Gegnern lief man davon) die Wirkung von Feuerwaffen. Sie synchronisierten das Kreuz mit der Ballistik.
Alsunas Augen ertranken in einem Aquarium, wie der Ritter so lebhaft berichtete. Ohne es zu merken, knetete die Hausfrau ihre Hände.
„Entscheidet Feuerkraft nicht alles?“ fragte ein Unbedeutender.
„Selten bis nie“, entgegnete Thunderbolt. „Diese Inder da hinten hätten die Spanier noch fünfzig Jahre lang täglich ins Meer treiben können.“
Zierenberg nickte zustimmend, das sah er genau so.
„Guckt euch die Taliban an“, ergänzte Coogan. „Das zum Thema Feuerkraft.“
„Oder den roten Vietnamesen“, fügte Zaimoglu hinzu.
Jäger Joachim bat Alsuna, den Kaffee zu servieren.
Morgen mehr.
08:45 17.12.2015
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