Hessenmeister CXV

Kassel Der Kasseler Historiker Cornelius Kammschneider nennt im Vorwort einer kommentierten Ausgabe der für Landgraf Wilhelm IV. bestimmten, geheimen Aufzeichnungen des ...
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Bildnachweis: Mara Neusel

Zum Schluss wollte er nur noch eine Weltreise machen; ein typisches Seniorending bis heute. Im Juni 1502 erreichte Kolumbus Martinique. Beim letzten Durchgang hatte er „Westindien“ auf Geheiß des Francisco de Bobadilla in Ketten gelegt verlassen.

Bobadilla war ein geduldiger Mann. Monatelang hatte der Gouverneur der überseeischen Gebiete deren „Vizekönig“ Kolumbus mit der Empfehlung in den Ohren gelegen, zu demissionieren, um nicht von einer Absetzung beschädigt zu werden.

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Man hielt in der Neuen Welt an einer Kultur der Verwaltungsakte fest. Obwohl nichts ungesetzlicher sein konnte als die Entrechtung der ursprünglichen Bevölkerung, bestand die Administration in den Departements auf Anstriche der Rechtsförmigkeit.

Kolumbus versagte in der Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopols; da lag der Hase im Heu. Seine vom Herrschaftsanspruch der spanischen Krone abgeleitete Absicht wurde von Einwanderern untergraben. Die Kolonisten hatten keinen Bock auf Bevormundung. Das waren actionorientierte Jungunternehmer. Der pomadige Führungsstil des Vizekönigs, seine geblähte Art, stank den Dynamischen. Sie wollten nicht erst nach Rücksprache mit einem Kolumbus Inder abschlachten dürfen. Nein, das musste zackzack sofort möglich sein.

So war das. Kolumbus hatte ein Autoritätsproblem. Deshalb war Bobadilla vorbei gekommen, um klarzustellen, was auch im Dschungel gelten sollte, soweit er spanisch war: der Souverän ist die Krone, nicht das Volk.

In seinem gefühlvollen Stil nennt der Kasseler Historiker und Schriftsteller Cornelius Kammschneider im Vorwort einer erweiterten und kommentierten Ausgabe der für Landgraf Wilhelm IV. bestimmten, geheimen Aufzeichnungen des Friedrich von Zierenberg Kolumbus einen „Gekränkten“.

Man hatte ihn in Ketten nach Spanien geschafft, wie konnte man nur. Auch seine Brüder waren gefesselt gereist. Die Erkundung des Seewegs nach Indien etc. war ein Familienunternehmen. Brüder, die in Europa kein Auskommen fanden, zogen ambulante Betriebe in Übersee auf. Sie segelten los, besetzten eine Insel, errichteten ein Terrorregime und vermischten sich mit den Indigenen.

Die Brüder hätten in Spanien keine abgekriegt als Habenichtse. Für sie war die Entdeckung Westindiens ein attraktives Geschäftsmodell. Das Modell war leistungsfähig. Es widerstand jedem Versuch seiner Widerlegung, insofern viele Voraussagen (zum Beispiel: in der Neuen Welt werden wir jede Menge Frauen haben) von ihrer Überprüfung bestätigt wurden.

In Spanien hatte Superkatholik Ferdinand Kolumbus persönlich die Ketten abgenommen, der Entmachtung des Ex-Vizekönigs aber nicht widersprochen.

Kolumbus, der nah am Wasser gebaut war, brachte wieder einmal nicht das Selbstmitleid unter Kontrolle. Er beklagte sich bei Bella.

Oh je, dachte Isabella I. von Kastilien.

Die Königin verkniff sich die Frage: Mann oder Maus. Sie faltete ihre Hände im Schoss und überzeugte in der Vortäuschung von Mitgefühl. Heucheln und Meucheln musst du können, sonst kannst du nicht Königin sein.

Heute würde man Burnout oder Heulsuse sagen, damals hieß es „schwer gekränkt“. Und so schwer gekränkt gelangte Kolumbus einmal noch nach Martinique. Man verweigerte ihm die Einfahrt in einen Hafen. Das kränkte Kolumbus noch mehr. Er kränkte westwärts. Auf Honduras entdeckte er bei der Bevölkerung „Merkmale einer höheren Gesittung“.

„Die Leute gehen bekleidet.“ Sie führen Kupferäxte und Schwerter vom Feuerstein.

Kolumbus überstand „einen der gefürchteten westindischen Stürme“ (Kammschneider) bevor er auf Costa Rica seiner Goldgier tüchtig Nahrung geben konnte. Warum Kolumbus die Insel „reiche Küste“ nannte, erzähl ich euch morgen.

Das noch. Der Kolumbus hatte eine Geliebte, das war die Bobadilla. Er verband also mit diesem Namen sehr unterschiedliche Erfahrungen. Er teilte sich die Bobadilla mit seinem König, dem Ferdinand. So was gab es auch, das war nicht alles nur Matsch im Regen.

09:04 19.12.2015
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