Hessenmeister CXVI

Kassel Der Chef von Domingo, Nicolás de Ovando y Cáceres, ließ Kolumbus auf Jamaika hängen
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Auf Costa Rica schmückten sich die „Inder“ mit Goldblechen. Manche besaßen neunzehn Bleche in einer sehr bescheidenen häuslichen Umgebung. Das Interesse galt dem Glanz und nicht dem Wert. Die Strandläufer schichteten vor Kolumbus auf, was sie hatten. Zusammen kamen ein paar tausend Bleche.
„Nimm, du seltsamer Gott“, sagten die Inder. „Wir haben noch welche.“
Kolumbus ließ sich nicht lumpen, er revanchierte sich mit Glasperlen und Stoffstreifen. Die Beschenkten machten große Augen. Was für ein Fest.
Junge Männer führten vor dem Ehrengast und dem schimmelnden und schielenden Gefolge rituelle Schrittfolgen mit viel Sinn für Theatralik auf. Später performten ihre Schwestern und Bräute, mit dem „gefährlichen Liebreiz der Sirenen“. (Das behauptet Kammschneider in seinen fiktiven Erinnerungen.)
Wieder hieß es, Gold ohne Ende gibt es hinter den sieben Bergen in der Hemisphäre eines Kaziken, der Köpfe im Akkord rollen lässt.
Kolumbus hatte den Zenit seiner Goldgier überschritten, er lebte nur noch pro forma. Die Schiffsjungen äfften ihn kaum heimlich nach. Ihre Pantomimen stellten einen im lippenaktiven Selbstgespräch gefangenen, krummen Greis dar. Kolumbus übersah die Faxen.
Nicht nur seine Männer verrotteten. Auch die Schiffe waren marode und mussten vor Jamaika aufgegeben werden. Kolumbus wusste sich in Schwierigkeiten. Schwunglos ließ er ein Lager befestigen. Skorbut der Seele nagte ihn auf. In seiner Blüte war alles Lust und ein Grund der Neugier gewesen, jeder Sturm - und jede Rinne, die von einem Meer zum nächsten führen konnte. Nun angelte Kolumbus in der Freizeit.
Er sandte Boote nach Domingo, ein Schiffbrüchiger auf der ganzen Linie. Der Chef von Domingo, Nicolás de Ovando y Cáceres, ließ Kolumbus auf Jamaika hängen. Ovando war ein Großmeister der Befriedung. In seiner Amtszeit hörte die Renitenz der Kolonisten auf. Ovando brachte den transatlantischen Sklavenhandel in Schwung, nachdem klar geworden war, dass Einheimische der Arbeit auf dem Feld und im Berg so wie den ständigen Misshandlungen nicht gewachsen waren. Gescheitert war der Versuch, aus dem Inder mit Arbeit „einen gesitteten Menschen“ zu machen.
Versklavung als Christenpflicht – Der Sklavenhalter durfte sich Gottes Dank gewiss sein, hatte er doch Heiden im Wege schmerzhafter Christianisierung vor dem ewigen Höllenfeuer bewahrt.
Kolumbus‘ Abgeordnete lagen monatelang vor Ovando im Staub, der Statthalter machte sie zu Bettlern. Er hatte Sinn für und Freude an dergleichen, war auch Unterchef eines Geheimordens mit Regierungsgewalt. Die Mondfinsternis vom 29. Februar 1504 nutzte er als dramatische Kulisse für eine Demonstration seines totalen Machtanspruchs. Ein paar Unglückliche ließ er von Hunden zerreißen.
Allein der Mönch Bartolomé wagte es, Ovandos Zorn herauszufordern. Bartolomé verwandte sich für die Rettung von Ovandos Vorgänger.
Der Statthalter schickte Kolumbus sein schlechtestes Schiff und bereitete ihm einen schmählichen Empfang. Der resignierte Rivale setzte dem Korso der Erniedrigungen eine unerklärliche Heiterkeit entgegen. Bartolomé schreibt: „Kolumbus war in elender Verfassung, als er Domingo erreichte. Ovando gab sich jede Mühe, das Ausmaß seiner Missachtung nicht gering erscheinen zu lassen. Anstatt den Gast anzuhören, spielte der Gouverneur mit seinen Hunden. Fast schien es, als wollte er sich mit ihnen gegen Kolumbus verschwören.“
Das war das Ende vom Lied. Im Herbst 1504 starb Isabella von Kastilien. Ihre schützende Hand hatte Kolumbus manchmal bewahrt. Nun schützte ihn nichts mehr außer den Mauern eines Klosters - Vita contemplativa. Der Tod erschien endlich freundlich.
Betriebsferien bis 29.12. Ich wünsche meinen Lesern frohe Weihnachten.
06:59 20.12.2015
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