Hessenmeister CXX

Kassel Dem nordhessischen Entdecker Friedrich von Zierenberg folgte der Alsfelder Botaniker Thomas Brettschneider in die Karibik. Da traf er den mysteriösen Kollegen Thunderbolt
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Ohne Worte

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Bildnachweis: Texas Team Tuschick

Bald passierte die „Graue Gans“ den 18. Grad nördlicher Breite. Die Schweine an Deck begrüßten einen Sommer der Liebe. Der Botaniker Texas Thunderbolt meldet:
„Am 17. August 16.. erreichten wir eine große Antille, die früher Goldfunde wegen Porto Rico genannt wird. Die Insel ist halb so groß wie Württemberg und erträgt das Gewicht von annähernd fünfzigtausend Indianern, die uns in klarer Mehrheit zugetan sind.“
Der Hauptstadthafen war stark befestigt, die Anlage lag vom Festland geschieden als vorgeschobener Posten da. Eine wegdrehbare Brücke erlaubte in ruhigen Zeiten den Übergang zur Stadt.
Thunderbolt erfasste die Militärarchitektur im Zitadellenstil. Das Ensemble fand er durchdacht und vorausschauend gebaut. Vierzig Jahre nach Gründung verfehlte es nicht seine wohltätigen Zwecke. Zwanzig Kanonen wandten sich gutmütig dem Meere zu. Auf einem Wehrgang patroullierten Spießbürger. Die Kolonialmiliz unterstützte rare reguläre Truppen. Spanien sparte Soldaten. Soldaten kosteten nur, sie brachten nichts ein. Anders als Siedler. Sie wurden von den Strategen an der Staatsspitze als Sturmspitze der Kultivierung angesehen, sofern sie spurten. Immer wieder lehnten sich die zu Gutsherren avancierten Schweinehirten gegen die lokale Repräsentanz der Krone auf. Dann kam ein Nicolás de Ovando y Cáceres und ließ alles zusammenschlagen. Dann war wieder Ruhe und die an ihrer Macht irregewordenen, über Nacht aus jahrhundertelanger Leibeigenschaft entlassenen, vom Sklaven zu Sklavenhaltern verkommenen Schweinehirten furzten vor Langeweile, während sie Wache schoben.
Thunderbolt verweigerte dem spanischen Leitkulturgedanken die Zustimmung. Ihm bedeutete Zivilisation Gestank. Er verachtete Politik und Leute, die ihre Kinder vorschoben, um harmlos zu erscheinen. Abschätzig nahm er am Nachmittag die Kapitale San Juan in Augenschein. Die Häuser standen sturmfest oder im Leichtbau zum gefahrlosen Abflug bereit in einer Ordnung, die vom (religiösen) Zentrum ausging. Thunderbolt verachtete auch die Idee der großen Ausstrahlung. Er spuckte aus und verweigerte die Barhäuptigkeit des Grußes.
Thunderbolt war ein Grande von eigenen Gnaden. Jemand hatte ihm erzählt, dass zehntausend Seelen in San Juan zusammengefasst waren. Dass es größere Städte auf der Insel gab.
Exportschlager waren Zucker, Kaffee, Honig und Tabak. So hatte man sich die Kultivierung Westindiens zunächst nicht vorgestellt. So als bäurische Angelegenheit. Das war ja mühsam und die Indigenen hatten schon lange schlapp gemacht, als Thunderbolt kam und gleich wieder ging so angeödet.
Auf Hispaniola (Haiti) gab es keine ursprüngliche Bevölkerung mehr. Die Spanier hatten den „Inder“ mit Arbeit vernichtet. Cornelius Kammschneider schreibt: „An ihrer Stelle vermehren sich die als Sklaven eingeführten Neger.“
Als Thunderbolt seinen Speichel Haitis Erde gab, formulierten umgesiedelte Afrikaner die Grundsatzerklärung für eine Geheimgesellschaft, die immer noch existiert. Vor allem steht:
La Liberté ou la Mort!
Wer konnte, mischte sich unter Briganten. Auf Tortuga bestand ein Korsarenstaat, der den Spaniern auf Haiti so zu schaffen machte, dass sie den oft überfallenen Inselwesten Frankreich überließen. Die französischen Kolonisten arrangierten sich mit den republikanischen Räubern, sie überflügelten ihre spanischen Nachbarn in der Plantagenwirtschaft. Der merkantile Furor bot den Possen feudaler Nachahmungen jede Menge Mittel und griff die Piratendemokratie stärker an als das geharnischte Fußvolk diverser Kronen. Ich greife vor. Die französische Revolution entfesselte die abhängige Landbevölkerung, Gern Luchterhand schreibt:
„Die Farbigen gewannen die Oberhand, die Insel erklärte sich unter Jean-Jacques Dessalines für unabhängig und verjagte noch den letzten Franzosen. Dessalines ließ sich zum Kaiser ausrufen. Man brachte ihn zügig um. Ein Streit zwischen Mulatten und Negern entbrannte. Diese gründeten im Norden, jene im Süden Staaten. Die Gesellschaften bekämpften sich munter, bis ein unbewohnter Streifen zu ihrer Trennung eingezogen wurde.“
Zwei Erbmonarchien entstehen aus einem Schrei nach Freiheit. Der weißen Unterdrückung folgt die schwarze. „Die Geschichte ist ein Alptraum“, sagt Joyce. Ein Potentat namens Henri Christoph besteigt als Heinrich I. den Thron in seinem Sans-Souci. Kein Scherz, so heißt das Schloss, ich sah es verfallen. Im Schlosspark wimmelte es von Spionen und Spinnern. Kriminelle drückten sich in Ecken. Neben einem Pavillon betrieben sie ihre dreckigen Geschäfte. Man schickte Frauen, Kinder und lächerliche Männer (unter abgedeckter Aufsicht) vor, um Reisende zu prellen. Ich sah nie Erbärmlicheres. 1820 beging Heinrich I. von Haiti Selbstmord. Er wäre sonst von den eigenen Streitkräften umgebracht worden.
Luchterhand schreibt: „Fleiß und Ordnungsliebe bedeuten nichts. Das Volk hat gegen jede Arbeit das volle Maß der Abneigung. Es beweist kindische Eitelkeit und karnevalesken Ehrgeiz. Ein Regiment von Generalen befiehlt einer barfüßigen Armee. Die Truppe ist in einem unsäglichen Zustand, hat aber nicht weniger als 1500 Divisionsgenerale.
Man tut nichts in der Verwaltung. Es gibt keine Industrie. Was funktioniert, ist übriggeblieben von den Franzosen.“
Luchterhand ignoriert den Grund der Verwerfungen. Leute vom Schlage Luchterhand waren meine Lehrer. Die Verbrechen der Kolonialmächte wurden einem als Segnungen eingetrichtert. Der Schlüsselsatz lautete: Wo die koloniale Disziplin/Administration ihre segensreichen Wirkungen nicht mehr entfalten durfte, versagte das Gemeinwesen umgehend. So ein Luchterhand stand als leutseliger Hanswurst vor jungen Leuten, der Vortrag wurde süffig, kam die Rede auf Namibia.
Thunderbolt wusste das alles nicht, er bestellte einen Führer, er lieh Pferd und Maultier. Der Führer kam mit eigener Menagerie und einer tollen Truppe. Er stellte sie als seine Familie vor. Das war nicht glaubhaft.
Was solls, dachte Thunderbolt. Doch weigerte er sich im Voraus dem Diego die Gage auszugeben. Jener führte Thunderbolt und die Bagage über abfallende Felswände – auf Pfaden, die nicht breiter als fester Bindfaden waren.
Dabei war es nicht ratsam, selbst einen Fuß vor den anderen zu setzen. Die Aufgabe des Überlebens übertrug jeder dem Pferd oder Muli. Keiner saß aufrecht im Sattel, alle hingen an einem tierischen Hals. Den Höllenritt belohnte ein nächtliches Landschaftsbild, das die Natur im Rausch malte.
Thunderbolt bewunderte die Ungezwungenheit seiner Mannschaft. Sie betete, spielte, agierte, bereitete zu, kriegte sich in die Wolle und brachte sich mit Halluzinogenen in Bestform. Ein schneeweißer Hase zeigte sich begeistert, von Thunderbolt in eine andere Welt geschickt zu werden.
Dahin werde ich nie gelangen, dachte der Unsterbliche ungerührt. Thunderbolt kannte Noten der Wehmut, aber er empfand nicht so. Er schlug eine kleine Strecke aus der Decke. Jesus, angeblich Diegos Sohn, lobte Thunderbolts Geschick. Jesus sah nicht jünger aus als sein „Vater“. Eins führte zum anderen. Schon bewiesen Jesus und Thunderbolt einander handfeste Gelenkigkeit. Ich schildere das ungefähr. Jedenfalls konnte Jesus sein Erstaunen nicht verbergen, wie ausgreifend nach allen Seiten Thunderbolts Geschicklichkeit war.
Morgen mehr.
10:54 30.12.2015
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