Hessenmeister CXXI

Kassel Von Kassel zu den karibischen Zauberbergen
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Gesehen in Saint-Malo. Die Galionsfigur ist einer historischen Persönlichkeit nachempfunden. Brechts Seeräuber Jenny steckt in ihr. Marie Marchand war eine Tochter der Karibik, ihre Eltern kamen aber aus Saint-Malo an der französischen Atlantikküste. Marie verriet Korsaren eine günstige Gelegenheit, flog auf und wurde festgesetzt. Giant (Timor) Greystone persönlich fand es angebracht, Marie zu befreien. Als Vogelfreie nannte sie sich Marie la Sanglante (Bloody Mary). Greystone wollte sie zur Frau. Er warb bis zum Tag seines Todes auf See.

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Bildnachweis: Texas Team Tuschick

Auf den Kämmen über Port-au-Prince bot ein überwältigender Ausblick lediglich dem nächsten das Vorspiel. Es war alles zu viel, der Reisende kniff die Augen, beinah verdrossen vom natürlichen Überwältigungstheater.

Texas Thunderbolt ließ sich von seinem Führer Diego und dessen Sohn Jesús die üblichen Schauergeschichten erzählen, während er sich dem Nichts hingab. Er schützte eine Schwäche vor, um die Tournee in Haitis Bergen zu unterbrechen. Er träumte Lieder, die erst Gene Vincent singen sollte. Fehltritte, die zu Abstürzen und Schwangerschaften geführt hatten, gaben Leitmotive in den Märchen der Einheimischen ab. Man war rasend katholisch. Zugleich war Voodoo überall.
Thunderbolt stellte sich vor, wie es wäre, aus den Stiefeln zu kommen und ein Fußbad zu nehmen. Er vermutete sich und das Gefolge acht Stunden fern jeder Herberge. Ein schwacher Schein lag wohl über Dörfern in fantastischer Ferne. …
In Saint-Malo sah Thunderbolt wie sich Fischer nächtens in Piraten verwandelten. In Formation ausgelaufene Barken griffen eine Fregatte an. Der Kapitän wusste kaum, worauf er schießen lassen sollte.
Nach den Schluchten verlangten die Flüsse Geduld. Man reiste langsam. Nun verstand Thunderbolt, wozu Diego einen Tross unterhielt. Die Leute, ob Gattin oder Nachkommen, besorgte Diegos Bequemlichkeit. Sie klagten, wenn sie ihren Herrn verstimmt fanden. Er unterrichtete sie schroff in seinen Bedürfnissen. Thunderbolt erschienen die Verhältnisse harmonisch, zumal man sich auch um ihn kümmerte und mehr noch gekümmert hätte, wäre das sein Begehren gewesen. Doch lieber ruhte Thunderbolt geschieden von der Mannschaft.
Haiti war das „Paradies der Franzosen“, „die Königin der Antillen“, ein Kurort. Viele kamen mit Lungengeschichten und blieben, da sie Luft fassen konnten wie Gesunde auf einem Zauberberg der Insel.
„Das Volk aber blieb träge“, schreibt Gern Luchterhand. Schon wahr, es ignorierte keine Gelegenheit, sich aufs Ohr zu hauen. Seine Hauptkulturpflanze war die Kaffeestaude. Man zog auch Bananen, Zuckerrohr, Kakao und Baumwolle, das alles aber nicht so effektiv wie möglich. Der Schlendrian wirkte als Saboteur. Der harte Kern der afrikanischen Freiheitsbewegung, die sich schlicht Résistance nannte, hintertrieb die Ökonomisierung von Betriebsabläufen. Es war nicht gut, sich gegen die Résistance zu stellen. Generationen später trieb sie es so weit, dass kein Weißer auf Haiti Eigentum erwerben konnte. Man duldete Weiße noch nicht einmal als Besitzer (Mieter) einer Datsche, zu der man maison de vacances sagte.
Diego hatte seine Datsche nicht weit von Port-au-Prince und mit den Franzosen so wenig am Hut wie mit Spaniern. Thunderbolt war allerdings Amerikaner. Geboren in der angelsächsischen Neuwelt. Ein native american nach eigener Anschauung. Diego verstand unter americano nativo was anderes, aber er hielt jede Kritik am Touristen (Naturforscher/Auftragskiller) hinter einem Berg der Vorsicht. Diego hatte gesehen, wie schnell Thunderbolt aus seiner Schläfrigkeit kam. Eine Ähnlichkeit mit Clint Eastwood war nicht zufällig. Der Führer wünschte sich den Fremden zum Schwiegersohn. Er hatte vier Töchter zur Auswahl, ihre Mitgift würde ihn umbringen.
„Nehmt zwei“, flehte Diego.
Thunderbolt zog den Hut in die Stirn. Das war seine Antwort, man empfand sie als taktlos. Jesús lief sich warm für einen D-Day. Die Ehre seiner Familie war in Abrede gestellt worden. Das ging gar nicht. Diegos Töchter standen wie hypnotisiert stramm, als Texas-Clint sein Leihpferd bestieg und durch die Schönholzer Heide von Haiti gen Kuba ritt. Er erreichte den Hafen von Habana, einen vorzüglichen Festungsbau aus dem Jahr 1519. Siebzehn Jahre nach Kolumbus‘ „westindischer Entdeckung“ hatten sich die Spanier auf Kuba schon so festgesetzt, dass sie in Auseinandersetzungen mit nachfolgenden Eng- und Niederländern so wie Franzosen europäischen Standard einsetzen konnten. Das bot einen schwerwiegenden Vorteil.
Zu einer Zeit, als bei Belagerungen nicht schon vorher feststand, wie die Sache ausging, war Habana passabel befestigt. Die „innere Stadt“ („Intra Muros“ – in den Mauern) unterschied sich kaum von einer europäischen Großanlage. Die Besatzung verkörperte bereits den ethnischen Antillen-Mix, Gern Luchterhand spricht von „einer neuen Rasse. - Als könnte man der Schöpfung bei der Arbeit zusehen.“
Das ist Käse. (Richard Dawkins). Nach Dawkins müsste man die Arten mit „den Augen des Gens“ betrachten können, um sie zu verstehen. Die Spanier gewannen auf Kuba den Vorsprung in einem Rapid-Transfer europäischer Maßstäbe. Die anderen lagen abgeschlagen vor Habana auf der Lauer und kratzten sich, je nachdem, ungeniert oder verstohlen. Das Klima machte ihnen zu schaffen, während auf Kuba jeden Tag Neujahr gefeiert wurde. Ich wünsche allen einen ruhigen Rutsch.
Morgen mehr.
09:19 31.12.2015
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