Hessenmeister CXXIII

Kassel Die Reiter setzten den Fliehenden nach, bis die Nacht eine Verfolgung nicht mehr erlaubte
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Gesehen in Saint-Malo

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Bildnachweis: Texas Team Tuschick

Im 18. Jahrhundert übernahmen Briten die Bahamas. Die Verlierer reisten im Schwall der Beschwerde ab, sie fühlten sich von der Geschichte hintergangen. Sie rühmten klagend ihre Aufbauleistungen. Die Rede war von Verschleppung, Ausbeutung, organisiertem Missbrauch. Die neuen Herren übernahmen den Estancia-Stil und verfeinerten die Exploitation. Wilhelm III. von Oranien-Nassau, Agnat eines ursprünglich deutschen Fürstenhauses, gab einem Flecken seinen Namen – Nassau, Hauptstadt der Bahamas.

1785 rechnete man da bewohnte Gebiete auf 13.960 Quadratkilometer zusammen. Die nahezu vollständig aus Afrika importierte Bevölkerung wurde auf 60.000 „Seelen“ geschätzt. Seit Kolumbus 1492 die Bahamas „entdeckt“ hatte, waren Spanier eifrig damit beschäftigt gewesen, „Westinder“ nach Hispaniola (Haiti) zu schaffen, wo sie in Minen zugrunde gingen.

Die Zeit nahte, da François-Dominique Toussaint Louverture Haiti zur Freiheit führte, während die Ära der karibischen Korsarengesellschaften endete. Die Bahamas waren Zuflucht und Labor effektiver Außenseiter der Kolonialmächte. Kapitän Blackbeard hatte in der Gegend von Nassau ein Hauptquartier. Er war auf einem Kaperfahrer der Krone zum Korsaren geworden und hatte sich schließlich jede hoheitliche Partizipation an seinen Gewinnen verbeten.

Kein Glück hatten die Plantagenbesitzer auf den Bahamas mit Baumwollpflanzungen. Geld verdienten sie mit Ananas, Trauben, Orangen, Limonen.

Ich finde gerade einen Eintrag zu Chinesen und „Kulis“ (Tagelöhner/Lastenträger).

„Die Kulis bleiben nur wenige Jahre, dann kehren sie in ihre ostindische Heimat zurück. Da sie filigran gewachsen sind, eignen sie sich kaum zu dem, was doch ihr einziger Nutzen sein könnte. Daher macht man sie oft zu Gärtnern und stellt sie gewissermaßen den Chinesen gleich.“ (Cornelius Kammschneider)

Der große Klugscheißer und Verfälscher der Zierenberg’schen und Thunderbolt‘schen, von mir auf einem Kasseler Dachboden gefundenen Geheimaufzeichnungen, erzählt in seinen frei erfundenen „Memoiren eines West- und Ostindienfahrers“ von kompletten „Kulidörfern“ auf Jamaika, wohin sich Texas Thunderbolt fünfzig Jahre nach Zierenberg einschiffte.

Jamaika war „die zweite britische Besitzung Westindiens“. Kammschneider siedelte sie hundertfünfzig Kilometer südlich von Kuba an. Er verglich die Größe der „Besitzung“ mit dem kurzlebigen Königreich Westphalen. Er fand sie unterbevölkert und schied die schwarze Mehrheit von „den Braunen“, die er auf 109.000 bezifferte.

„Die Schwarzen sind von mittlerer Statur und kräftig im Aufbau, sie haben eine plattgedrückte Nase, bedenklich aufgeworfene Lippen und wolliges Haar; sie sind nicht unbegabt ... Ihr Charakter ist lebendig. … Durchschnittlich sind die Schwarzen arm.“

Das bemerkt Gern Luchterhand lange nach Thunderbolt, für den jeder Schwarze zwangsläufig Sklave war.

Was sollte er sonst sein?

Es gab kein Nachdenken darüber, auch bei einem so skeptischen Mann wie Thunderbolt nicht. Er vereinte die Fürstenverachtung des Amerikaners mit der hervorragenden Grundausstattung eines Kurhessen. Zweifellos war er unbesiegbar. Dazu kam seine Unsterblichkeit.

„Sie (die Jamaikaner) leben nicht in Dörfern, vielmehr baut jeder seine Hütte in den Wald. Die Behausungen sind von einfacher Beschaffenheit. Es ist aber auch überflüssig für die Schwarzen, bessere Häuser zu besitzen; denn sie sind den lieben langen Tag im Freien.“ (Gern Luchterhand)

Da ist er, der Rastafari in seiner Urform – der Kiffer, wie er im Buch steht. – Der Weltrekordläufer. – Der Bob Marley von damals in seiner Mehrzahl. Ich bin mit dreizehn zum ersten Mal nach Frankreich getrampt, gleich bis nach Marseille. Via Aix-en-Provence. Es gab ein Theaterfestival, vielleicht war das auch in Avignon. Ich stand immer schon etwas neben mir und dachte auch in Utrecht einmal: ich sei endlich in Amsterdam. Damals wurde man auf der Straße angesprochen wie ein Filmstar. Die Leute wussten, was man brauchte.

„Haste Hunger?“

„Suchste ne Bleibe? Bei mir kannste auch baden.“

„Wir gehen gerade Kaffee trinken. Komm doch mit? Das wäre fein.“

„Wo kommst du her?“

„Siehst aber nicht so aus. Zum Glück.“

„Du bist Deutscher. Nee, das glaub ich jetzt aber nicht.“

So lief das. Ein Paar gabelte mich auf, sie nannte ihn trou du cul, er sie allumeuse. Das machte beiden Spaß. Die Jugend der Welt war zu Gast in Frankreich, meine Gastgeber wohnten in einer Einraumwohnung mit anschließender Küche/Dusche. Die Küche hatte Steinfußboden, gesprungen und kühl. Ich legte dahin meinen Schlafsack und lag bald still. Unter der Tür zum Zimmer kroch Gras als Rauch. Es war die Zeit der Superzüchtungen, man konnte die Dröhnung riechen. Ich hörte eine Musik zum ersten Mal. Am nächsten Morgen fragte ich nach dem Namen.

Ich hatte Reggae gehört.

In Marseille schloss sich mir ein Rastafari an. Er musste mir das erklären, sonst hätte ich es nicht gewusst.

Nicht Musik sei die Hauptsache, sondern Religion. Der Gläubige klebte, er erzählte von Herabsetzungen, die er in Europa erlebt hatte. Ich sah, wie die Polizei mit ihm umsprang. Die Härte der Franzosen war eine neue Erfahrung für mich, für den Jamaikaner war sie eine sprudelnde Quelle der Bitterkeit. Mein Kasseler Kopf verstand das nicht. Das war doch einfach nur et voilà la merde.

Kolumbus, Zierenberg, Thunderbolt, Kurt Musashi, Willi Kammschneider, Clint Eastwood, Gern Luchterhand - alle sahen die Karibik mit eigenen Augen oder gaben das zumindest in den Vernehmungen an.

„Von einem Bett ist natürlich keine Spur vorhanden“, stellt Luchterhand auf Jamaika 1896 fest. Die Leute schliefen auf „schlechten Matten“. Sie ernährten sich von der Palmwurzel, die sie grillten. Luchterhand fand die Wurzel „dem Geschmack unserer Kartoffel ähnlich“.

Wo kommt denn „unsere Kartoffel“ her, du Stoffel?

Schön finde ich: „Es gibt Früchte (auf Jamaika), die in Europa nur für schweres Geld zu haben sind.“

Dazu zählt Luchterhand Birnen und Melonen. In dem „großen Reichtum an Früchten“ entdeckt der Reiseschriftsteller den Grund, dass „die Schwarzen sehr wenig arbeiten und deshalb arm sind.“

„Tagelang liegen sie im Schatten und singen und rauchen.“

„Am Sonntag aber essen sie Schweinefleisch.“

„Der Fleischverkauf geschieht gewöhnlich am Samstagmorgen.“

Der Schweinefleischverkäufer kündigt sich mit einer Trompete an.

„Er bläst sie mit Todesverachtung.“

Von den Hängen strömt das Volk aus diesen und jenen Paradiesen, da es die Trompete wissen lässt, heute ist Samstag.

„Die Backen des Trompeters sind zum Zerspringen aufgeblasen.“

Die ambulante Theke wird zum gesellschaftlichen Treffpunkt, „die Kinder balgen sich Kobolden gleich“.

Am Sonntag „sitzen alle im Kreis, bis die schwarze Frau Mama eine Schüssel voll … unter die kleine Schar stellt; wie die Habichte fallen sie darüber her und greifen beidhändig nach dem größten Stück.“

Ja, „die schwarze Frau Mama“. So steht es geschrieben bei Gern Luchterhand. Man ahnt den gespreizten Finger, die spitzen Lippen.

In einem Absatz steht kein Satz ohne die Zuschreibung „schwarz“. Doch wenden wir uns kurz Pizarro zu, der 1530 von einem Grat der Westkordilleren seinen erschöpften Gaul in ein Hochtal lenkt, wo ein bewehrter Marktplatz ist. Die Spanier hinter Pizarro erschrecken angesichts kasernenförmiger, eine Festung suggerierender Häuser. Sollten sie in eine Falle gestolpert sein?

Pizarro erschrickt nicht. Er verspricht jedem labilen Mann einen plötzlichen und peinlichen Tod.

Nun fällt ein Schlüsselsatz der Raumfahrt:

„El fracaso no es una opción.“ - Failure is not an option.

Pizarro penetriert das Territorium des Inka Atahualpa. Er will den Kaziken in seine Gewalt bringen, in Nachahmung des Kollegen Cortéz, der in Mexiko Aztekenchef Moctezuma zehn Jahre zuvor zum Gefangenen und Spielball seiner Interessen gemacht hat.

Pizarro folgen hundertelf Mann zu Fuß und siebenundsechzig Reiter. Das ist nicht viel. Die Bereitschaft „der Wilden“, sich abschlachten zu lassen, hat erheblich nachgelassen. Die abergläubische Angst vor den gepanzerten Göttern schwindet. Das weiß Pizarro. In seinem Gefolge reitet ein Italiener, der die triste Nacht von 1521 mitgemacht hat - als die Cortés-Bande aus Moctezumas Hauptstadt Tenochtitlán fliehen musste. Das war Rock‘n‘Roll rückwärts.

Silvio Planterra aka Silvio oder Bruno Plantera aka Bruno Carrera aka Jerónimo Caballo Famoso stammt aus Genua wie viele Italiener in spanischen Diensten. Seine häuslichen Verhältnisse waren so dürftig, dass er die notorischen Anfangsgründe im Lesen und Schreiben nicht erwarb. Man tat Bruno auf ein Schiff, kaum dass er entwöhnt war. Mit Arbeit verdiente er sich manche Tracht Prügel. Man schupste ihn so lange herum, bis er sich wehren konnte. Der Gouverneur von Kuba erhob Bruno zum Trossknecht einer Expedition, die von Kariben einigermaßen aufgerieben wurde.

So was kam ständig vor. Nur wurde nicht darüber gesprochen. Bruno geriet in Gefangenschaft und lernte als Sklave Sprachen. In seinen Erinnerungen schildert er die Jahre der Unfreiheit als gemütliche Zeit mit Familiengründung und Pipapü. Nie sei es ihm besser ergangen, nie habe er mehr Anerkennung gekriegt. Dann kam wieder ein Eroberer und verlangte vom örtlichen Kaziken die Auslieferung sämtlicher Europäer. Bruno war nicht der einzige, der als Palurdo Vorzüge der Zivilisationsferne genossen hatte. Damit war jetzt Schluss. Der Eroberer unterstand dem kubanischen Gouverneur und als jener Cortés befahl, das mexikanische Gold zu stehlen, schickte er Bruno mit.

Inzwischen ist Bruno ein Mann mit Meriten, gelernt hat er lesen und schreiben. Er hat mehr gesehen als die meisten Gefolgsleute namhafter Konquistadoren.

Aus den „Erinnerungen eines Dreschflegels“: „Als wir am 21.Sept. ..31 von San Miguel aufbrachen, glaubten selbst die Narren im Zug nicht, dass es gut um unsere Sache steht. Wir hatten drei Geschütze, allen erschien es voll balordo, damit Krieg gegen Zehntausend zu führen. Die Peruaner gingen schon untereinander wenig zimperlich vor, einmal falsch geguckt, reichte locker für Kopf ab.

Ich ritt als Pizarros Flügelmann neben der Kotspur seines Rosses. …

Atahualpa fing uns in einem Hochtal ab, das er wohl zu seinem Thingplatz gemacht hatte. Zu einem Schauplatz für das Marktgeschehen von der Hinrichtung bis zu den Zeremonien mit Pranger. Pizarro versuchte, Atahualpa mit seinem Pferd zu erschrecken, doch der Inka bewahrte Ruhe. Er ließ alle zeitnah erwürgen, die sich beunruhigt zeigten. Pizarro zog die obligatorische Bekehrungsnummer ab, er hatte dafür den Dominikaner Balverde im Gepäck.“

...

Balverde ist naturtrüb bis zur Schlammigkeit. Er stellt sich vor den Kaziken und macht das Kreuzzeichen.

Atahualpa fragt: „Was soll der Scheiß?“

Balverde rät ihm, dem Götzendienst zu entsagen. Die Dolmetscherin murmelt die Übersetzung in den Staub. Sie liegt flach vor dem Inka und wagt es nicht, den Kopf zu heben.

Balverde gibt den Missionar mit der Brechstange. Er irritiert Atahualpa, so dass der Inka kurzerhand wieder hundert Leute umbringen lässt. Er guckt, wie das ankommt beim Balverde. Pizarro steht kurz vor einem Anfall, die Verhandlungen gehen ihm zu schleppend über die Bühne. Es ist beklemmend heiß, die vielen Menschen dünsten tüchtig … Belverde reicht Atahualpa eine Bibel.

Der Inka hält sich das Buch ans Ohr, er schüttelt es erwartungsvoll. Das Buch macht nix. Enttäuschung zeichnet sich ab, schließlich geht es um die Machtfrage. Belverde verlangt von Atahualpa die Anerkennung eines Herrschers. Atahualpa vergleicht den Christengott mit der Sonne. Die Sonne erscheint eindrucksvoller. Verächtlich wirft Atahualpa die Bibel zu Boden.

„Das Ding ist dumm“, sagt er. Vielleicht ist das ein Übersetzungsfehler und in Wahrheit sagt Atahualpa: „Das Ding ist stumm.“

Nun ist der Ofen aus, der Heide hat dem Heiland sein Vadder geschmäht. Pizarro gibt das Zeichen zum Angriff, indem er sich an die Nase fasst wie später Bruce Lee, bevor der Bär zum Punk wurde. Die Trompeter stoßen sich einen Wolf, die Kavallerie macht die Menge nieder. Die Geschütze geben ihr Bestes.

Pizarro greift sich Atahualpa.

„Jetzt bist im Eimer.“

„Der Verhaftete bewies Ruhe“, schreibt Kammschneider. Woher will der das wissen, frage ich euch. Bruno Balboa aka Silvio Planterra, der immerhin dabei war, schreibt nichts von Ruhe. Stattdessen erfährt man: „Unsere Reiter setzten den Fliehenden nach, bis die Nacht keine Verfolgung mehr erlaubte. Zweitausend waren tot, doch unter den Toten war von uns keiner.“

Morgen mehr.

11:23 02.01.2016
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