Hessenmeister CXXIV

Kassel Cajamarca war eine Residenzstadt so prächtig wie Cassel
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Saint-Malo bei Ebbe

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Bildnachweis: Texas Team Tuschick

Im Herbst 1531 gelingt Pizarro die Festnahme des Inka Atahualpa. Er hat den Mann in der Hand, dem ein Volk hündisch gehorcht. Eine hochgezogene Herrscherbraue und alles winselt im Staub. Die Peruaner fürchten Atahualpa wie einen blutsaufenden Gott. In den „Prozessen der Zivilisation“ klassifiziert Norbert Elias Machthunger und Gewalt als Motoren des Fortschritts. Es gehört zur Kuriosa kolonialer Vergewaltigungspolitik, den Königen vor Ort zu wenig Schliff und zu viel plumpes Kopf-ab in der Staatsführung vorzuhalten.

Pizarro weiß, dass Atahualpas Gefangenschaft die gottkönigliche Autorität untergräbt, man kennt das Phänomen aus Mexiko. Der von Cortés an die Leine gelegte Chef-Azteke Moctezuma war neun oder zehn Jahre zuvor von seinen eigenen Leuten schließlich gesteinigt worden. Die hatten einem Unfreien schlicht und ergreifend nicht mehr abgenommen, dass er Gott ist.
Moctezuma hatte Cortés für einen Vorfahren gehalten. Das erklärt seine Kooperationsbereitschaft, die in Gefügigkeit mündete und den Tod zur Folge hatte. Moctezuma sah in seinem größten Feind einen Opa.
So blöd ist Atahualpa nicht. Der Inka rechnet den Zwischenfall, was für ein Wort für das Desaster, man erkennt daran den Diplomaten, die exzellente Ausbildung und Vorbereitung für das höchste Amt, zum Kriegsgeschick.
Nebenbei, die Wortwahl siegt. Solange ihr auf diesem Niveau einen Konflikt zu analysieren die Nerven habt, gewinnt ihr ihn auch.
Atahualpa fügt sich nicht, er glaubt nicht, dass Pizarro mit ihm verwandt ist. Atahualpa hält den Spanier nicht für einen anderen Gott. Er geht mit großem Gefolge in Gefangenschaft, er könnte sich noch nicht einmal selbst die Nägel kürzen.
Er betreibt seinen Freikauf. Indes bemerkt er, dass jedes königliche Angebot die Gier der Fremden anstachelt. Man setzt ihm den Dominikaner Belverde wie eine Laus in den Pelz. Der Missionar sülzt und wülzt, Pizarro knurrt und murrt. Atahualpa fragt sich, wie solche Idioten nur so weit kommen konnten.
Ein Heer steht zu Atahualpas Befreiung bereit - die Adlerfront. Die Jungs sind schon heiser vom Heißsein aufs Losschlagen - auf ihrem Territorium. Tausend Meilen entfernt von der nächsten spanischen Siedlung.
Atahualpa gibt das Zeichen nicht und die Adler haben keinen Netzer in ihren Reihen. Keinen, der sich selbst ins Spiel bringt und gekonnt nach vorn geht.
Was für ein weltgeschichtlicher Witz.
Da sind andererseits alles in allem, das lahmende Fußvolk bis auf den letzten Stümper gezählt, keine zweihundert Mann, Spanier, Italiener, Portugiesen, Franzosen, Staatenlose, Entlaufene, Freigelassene, Analphabeten, Stotterer, Schulabbrecher, Perverse sämtlicher Couleur, Stimmenrauscher, Inkontinente, Indiskutable. Gebrochene. Süchtige. Dealer. Ein Volkssturm und letztes Aufgebot. Leute, die an ihre Helme Stützräder montiert haben …
Im Gegensatz zu diesem Haufen, über den Pizarro nur verfügt, befiehlt Atahualpa einer athletischen Armee auch noch im Arrest. Vor den Toren Cajamarcas, einer Residenzstadt: prächtig wie Cassel, warten gänsehäutige Hochländer, die sich beweisen wollen. Auf der Marathondistanz laufen sie sich warm. Sie rennen hundert Kilometer und dann spielen sie noch drei Stunden faserrissfrei Fußball mit den Köpfen ihrer Feinde, bevor sie zeugen.
Mein Gewährsmann Silvio Planterra, Genuese in spanischen Diensten, ein Veteran des Cortés-Raubzugs in Mexiko, wegen Hypertrichose extrem zurückhaltend, aber zuverlässig und vital bis ins hohe Alter, berichtet in seiner Autobiografie, wie er Atahualpa schwanken sah.
„Ich glaubte beinah“, schreibt Planterra, „der Inka würde seine Truppen auf Trab bringen. Man hätte uns jeden Tag zermalmen können.“
Jeden Tag bei angenehmen Temperaturen. Mit Thermalbädern in Ausflugweite.
Ich fasse mich kurz. Atahualpa kämpft nicht, er lässt ein Zimmer füllen mit Schätzen.
Planterra: „Der Raum maß zweiundzwanzig Fuß in der Länge und siebzehn in der Breite. Unser Längster erreichte mit ausgestrecktem Arm die Decke nicht.“
Es ist die reine Angabe. Pizarro hat als Lösegeld nur verlangt, den Boden mit Gold zu belegen. Da streckte sich der Inka zur Decke und sagte von oben herab:
„Ich mach Euch die Bude voll bis unter die Decke mit dem Gold aus meinen Tempeln. Das ist für mich gar kein Thema.“
Dieser Atahualpa ist nicht ohne. Er hat seinen Bruder Huàscar umlegen lassen. Die kaltschnäuzige Art des Spaniers imponiert. Vielleicht kann man Pizarro als Verbündeten gewinnen.
Atahualpa will einen Mann für sich einnehmen, der ein Massaker anrichten ließ. Ich sagte euch gestern, zweitausend Tote habe man gezählt. Darunter war kein Europäer. Heute sage ich: Es waren viertausend. Atahualpa will mit einem verhandeln, der viertausend peruanische Spießbürger auf dem Gewissen hat.
Morgen mehr.
09:21 03.01.2016
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