Hessenmeister CXXX

Kassel „Das Unvernünftige seines Beginnens einsehend“, suchte Pedro de Alvarado die Verständigung mit dem flamboyanten Diego de Almagro el Viejo
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Konquistador - Gesehen in Erfurt auf der Krämerbrücke, wo ganz viel ostwestindisch-thüring'scher Gewürzhandel bis auf den heutigen Tag stattfindet.
Bildnachweis: Texas Team Tuschick
Jeder Reiter kriegt neuntausend Pesos in Gold und dreihundert in Silber, ein Fußknecht die Hälfte.
Ist alles geregelt. Raub und Mord nach Tarif. Auf der Ebene der Hauptleute, ich erwähnte Hernando de Soto und Fernando Pizarro (Halbbruder des Heerführers Franz P.) ist das Blutgeschäft Verhandlungssache, eine Frage des Geschicks. Im Generalstab erwartet man von den Hauptleuten Gier als Garant des vollen Einsatzes. Es wird zwar in jedem zweiten Satz Jesus erwähnt, aber der wahre Gott der Spanier ist ein Metall.
Dahergelaufene verschaffen sich Vermögen mit Brutalität. In ihrer Freizeit schalten sie von brutal auf burlesk um wie es ihnen gefällt.
Silvio Planterra war ein Niemand in der Alten Welt. Jetzt ist er Hauptmann mit dem Privileg, Pizarros Abschirmung organisieren zu dürfen. Wird einer auch nur laut in Gegenwart des hohen Herrn, immerhin ist Pizarro lebenslänglich Gouverneur von allem, was den Spaniern schon in die Hände gefallen ist, antwortet Planterra, der aussieht wie ein Ungeheuer, umgehend mit dem Schwert.
Diego de Almagro el Viejo wurde als Ausgestoßener geboren. Seine Mutter war eine ledige Magd, schlechter kann man nicht starten. Vielleicht doch. Almagro, der weiß, was ein Stigma ist, hat sich einen Killer von abstoßender Erscheinung herangezogen. Giacomo kam mit einer Fehlbildung zur Welt. Man glaubte, der Teufel habe den Knaben auf den Mund geküsst, selbst die Verworfensten in den Subkulturen der Häfen mieden Giacomo mit seinem Wolfsrachen.
In der Neuen Welt machte Giacomo die neue Erfahrung, dass die ursprüngliche Bevölkerung sich an ihm nicht stößt. Sein Anblick erschreckt keinen „Wilden“. Giacomo hat nur die eigenen Leute und ihren Ekel gegen sich. Das verbitterte ihn. Der unnatürlich behaarte und gebrandmarkte Planterra versteht die Not des Giacomo besser als Almagro einem Nutzen zuzuführen. Der Flügelmann des Gouverneurs hat Almagros Leibwächter umgedreht und zu seinem heimlichen Gefolgsmann gemacht.
Oh Heimtücke.
Almagro baut sich vor Pizarro auf, blind vertraut er dem Mann an seiner Seite. Da steht Giacomo wie ganz und gar nicht von dieser Welt.
In Amerika ist Giacomo zum Casanova geworden. Er hat heute noch eine Verabredung. Daran denkt er aber nicht im Augenblick. Die Spannung ist mit Händen zu greifen. Almagro fühlt sich Pizarro überlegen. Er hält sich für intelligenter und einfühlsamer; er findet seinen Chef zu grobschnittig.
Almagro brennt vor Ehrgeiz.
Pizarro hat es sich zur Gewohnheit gemacht, Widerstand im Keim zu ersticken. Er besitzt die Machtvollkommenheit eines Königs und fühlt sich gut dabei. Er schließt einen Nasenflügel und schießt die Ladung aus dem offenen Rohr. Das hat er geübt. Das kann er.
Der kann dir punktgenau vor die Füße aulen seit seinem siebten Lebensjahr. Ist quasi ne Begabung von dem.
Pizarro ist so illegitim wie Almagro. Darüber zerreißt sich der letzte Trossknecht das Maul. Das ist was Schlimmes: unehelich geboren zu sein. Zwei unehelich geborene, überehrgeizige, von Skrupeln befreite Banditen im Staatsdienst haben ihr Treffen in der belagerten Hochland-Residenz Cajamarca. Pizarro hat sich da des Inkas Atahualpa bemächtigt und spielt ihm übel mit.
Pizarros Rotz trocknet vor Almagros linker Stiefelspitze. Almagro hält es für angebracht, die Demütigung zu übersehen.
Ist doch nichts passiert.
Es sieht so aus, als stünden sich auf der Stellvertreterebene Giacomo J. und Picasso Planterra gegenüber. Hinter den Elitekampfhähnen füllen Parteigänger den Platz, wo sonst immer Kopfball (Fußball mit Köpfchen) gespielt wird. Die Köpfe stammen von Hälsen der Saison. Sie kommen in Weidenkörben aufs Feld. Steht so in den Spielregeln.
Pizarro nennt Almagro einen Bastard und hijo de puta.
Das ist zwar geschmacklos, funktioniert aber. Almagro entblößt seinen Zorn und wird vom eigenen Leibwächter festgesetzt. Man sperrt ihn in einen Tempel zu „erwählten Jungfrauen“. Was es mit dem Tempel auf sich hat, erzähle ich gelegentlich. Ich habe den Verlauf der Auseinandersetzung in abgekürzter Schilderung wiedergegeben und das Blut nicht erwähnt, das geflossen ist im Streit der Parteien. Pizarro behält die Oberhand mit Straßenkampfmethoden. Er denkt, was alle denken. Wenn es reicht, einen Mann zu reizen, um ihn zu einem Fehler zu überreden, dann taugt der Mann nichts.
Drei Tage später lässt Pizarro den bis auf die Knochen blamierten Vize-Sonstwas frei und schickt Almagro als Emissär nach Quito.
Fast alle Expeditionsteilnehmer kommen in rascher Folge ums Leben. Nachdem ihnen das Unwahrscheinlichste gelungen ist, die Vernichtung der Inka-Streitmacht ohne Verluste, rutschen die Männer jetzt auf Bananenschalen aus und brechen sich das Genick beim Turnen auf der Matte. Zweifellos sind sie verflucht.
Giacomos Verrat erscheint lässlich. Jeder ist Söldner. Loyalität ist eine Frage des Preises und der Attraktivität des Arbeitgebers.
Ach so, das wisst ihr ja auch nicht. Die „Eroberer“ müssen ihre Ausflüge selbst finanzieren. Pizarro und seine Brüder sind Verpflichtungen eingegangen, während ihre Haudegen und Laufburschen ohne Besitz und Belastungen an Land kamen. Die hatten ein Schwert, ein Schild und ihre Badehose als Gepäck.
Nun haben sie sehr viel mehr. In der Zivilisation würde die Nachfrage Angebote schaffen und Hurenhäuser wie Pilze aus dem Boden schießen lassen. In der Wildnis heißt es aber nur: money for nothing and chicks for free.
Almagros Gefolge durchstreift altes Siedlungsland. In den Dörfern herrschen Kaziken – Politik ist Markgeschehen. Man trifft sich in der Mitte zwischen Rummel und Wochenmarkt. Die Allgewalt Atahualpas wird abstrakt.
Das sind andere Leute als in Cajamarca, denkt Almagro. Er vermutet ein Inka-Gegenreich, eine andere Großmacht in der Gegend von Quito.
Atahualpas eingeengte Lage wirkt sich aus. Ein Inka-General bedrängt selbstermächtigt die lokalen Herrscher, er reagiert auf ein Machtvakuum. Almagro rekrutiert Hilfstruppen und sucht das Gespräch mit Sebastián de Belalcázar, der eine Vorhut angeführt hat, die immer wieder in Scharmützel verwickelt wurde.
Schon spekulieren alte Kaufmannsfamilien auf amerikanische Gewinne. Sie rüsten militärisch gestraffte Expeditionen aus. Das Kommando übertragen sie nur ihnen rechenschaftspflichtige Feldhauptleuten. In ihrer Regie spielen staatenbildende Maßnahmen keine Rolle. Ihre Interessen kollidieren mit den Interessen der Konquistadoren, die offiziell für Gott und Vaterland antreten.
Der Protestantismus ist ein weiterer Reizpunkt. Amerika bietet sich zur ungehemmten, nicht staatlich gesteuerten Religionsausübung an. Nicht mit uns, sagt die Inquisition und zieht ihre Kreise. Sie etabliert sich in Lima. Die katholische Kirche betrachtet die lokale Bevölkerung als gente sin razón - Entrechtung via Rechtsprechung. Ein Kastensystem sichert die institutionalisierte Diskriminierung. Aus einer Verbindung zwischen einheimisch und afrikanisch geht der „Zambo“, aus der Verbindung von spanisch-indigen und indigen-indigen ein „Coyote“ hervor. „Blutreinheit“ ist ein spanischer Leitbegriff. Die Vergewaltiger verachten die Kinder der Vergewaltigten. Sie schließen sie aus der gesellschaftlichen Mitte und verwalten ihre Kriterien willkürlich.
Die Ermordung Atahualpas löst das Inkareich auf. Pizarro setzt ein Kind auf den Thron, das bald zu Schaden kommt und für die Farce nicht mehr zur Verfügung steht. Die Entdecker ziehen eine Blutspur durch Peru, da sie jeden Kaziken foltern, dass er ihnen sein Gold und noch mehr gibt. Sie erreichen Euzco „ohne nennenswerten Widerstand anzutreffen“. (Jonas Blattschneider in „Amerikanische Abenteuer“.
Pizarro lässt Inkagräber öffnen (entweihen). Er gibt Euzco das Gepräge einer spanischen Stadt. Belverde macht den Bischof. Er verwandelt die Häuser der Sonnenjungfrauen in Klöster und spendiert die Villen der Inka-Aristokratie spanischen Glücksrittern, die darin mit ihren Pferden hausen. Später zieht die Bande nach Lima um. Die Stadt entstand als spanische Gründung in der Konsequenz verkehrstechnischer Entscheidungen und strategischer Überlegungen.
Die Spanier stehen immer kurz vor Bürgerkrieg. Es sei schwer, Leute, die dauernd kämpfen, für zivile Lösungen einzunehmen, schreibt der Bischof dem Sinn nach in seinen Erinnerungen. Das klingt lapidar. Ein Delegierter der Cortés-Fraktion kommt mit zweihundertsiebenundzwanzig Reitern und zweihundertzwölf Fußgängern an und will Belalcázars Schnapp kassieren.
Der Cortés-Kumpel heißt Alvarado, Planterra kennt den Veteran aus Mexiko. Ich finde die schöne Formulierung: „Das Unvernünftige seines Beginnens einsehend“, suchte Pedro de Alvarado die Verständigung mit dem Kollegen im gegnerischen Führungsstab. Das ist natürlich eine vom Wunschdenken gezeugte Fabel. Den „Eroberern“ erscheint Gewalt vernünftig - und gerechtfertigt, da man im Akkord Heiden von der ewigen Verdammnis bewahrt. Der verstockteste Götzendiener bettelt auf dem Scheiterhaufen um Erdrosslung. Für den gnädigen Tod muss allerdings etwas getan werden. Nach vollzogener Bekehrung wischt sich der Seelenführer den Schweiß von der Stirn. Das war mal wieder knapp, denkt er. Der arme Teufel hing schon halb in der Hölle.
Morgen mehr.
08:49 05.01.2016
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