Hessenmeister CXXXI

Kassel Doch gibt es Neuigkeiten an der Opferzahlenfront. Nun heißt es nicht mehr: „Viertausend Tote, aber von uns war wieder keiner dabei.“
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Hier betete er – in der Kathedrale von Rouen. Guillaume de Conquérant stammte aus dem Geschlecht der Grafen von Rouen. Er wurde als Bastard geboren und so auch gerufen, bis ihn bei Hastings 1066 der Ruhm traf. Er sei im Alter beleibt gewesen, aber nicht behäbig geworden, sagt man dem normannischen Jarl nach, der es auf dem Schlachtfeld zum König von England brachte. Sein Anspruch auf den Thron war dürftig befestigt. Schon die Bestellung zum Herzog der Normandie war schwer zu begründen gewesen. Sein Vater war zwar wer gewesen als „großartiger“ Robert (le Magnifique), doch die Mutter ließ zu wünschen übrig. Schon vor diesem Guillaume galten normannische Herzöge und Grafen als Männer sans peur – ohne Furcht.

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Bildnachweis: Texas Team Tuschick

Almagro verbeißt sich. Pizarro ist ein Stachel in seinem Fleisch. Er vergrößert seine Flotte und die Zahl seiner Männer. So dass der Gouverneur von Neu-Kastilien ins Hintertreffen gerät. Der Vorsprung kostet Almagro ein Vermögen. Für den zehnten Teil der Ausgaben hätte sich für den Zeitgenossen jede Expedition mit Todesgefahr und geringeren Übeln rentiert.
Almagro träumt den Dr.-No-Traum von der Weltherrschaft. Er schmiedet ein Bündnis mit dem französischen Abenteurer Verlaine. Jener hat ein normannisches Erbe und rühmt sich zweifelhaften Adels. Führende Wikinger, die sich vor dem Jahr Tausend in Westeuropa festgesetzt hatten und da zu Christen und Grafen geworden waren, durften sich ihrer Verpflichtung zur Polygynie noch lange nicht entledigen. „Nach dänischer Sitte“ (more danico) waren Söhne aus Friedelschaften den Söhnen der für die Fortsetzung der Dynastie wichtigsten Frau gleichgestellt. – Und auch wieder nicht. Siehe Wilhelm der Eroberer. Man konnte und kann illustre Vorfahren haben und doch nur ein Tramp der Welt sein. Verlaine trägt den Beinamen Longue Èpée – Langschwert. Er ist der erste Mann auf dem Mond Amerika, der zwei Schwerter nach dem Bushido* führt.
*Japanischer Weg des Kriegers https://de.wikipedia.org/wiki/Bushid%C5%8D
Verlaine kennt Japan im Jahr 1535! Der erste verbriefte Kontakt zwischen Japanern und Barbaren fand 1543 statt. Japaner unterschieden die Barbaren (Europäer) zunächst nur nach Himmelsrichtungen. Die Portugiesen, die von Magellans Entdeckung der Estreito de Todos los Santos (Allerheiligenstraße) an einer Südspitze profitierten, waren „Südbarbaren“ und wurden keine hundert Jahre später aus dem Land gejagt. Was sie in der Zwischenzeit bewirkten, zeigte sich am 24. Dezember letzten Jahres in Mont-Saint-Michel, einem Kloster der Bretagne. Ich war da allein mit vierhundert japanischen Christen.
Wie Longue Èpée als erster Barbar Japan erreichte, ist eine Geschichte für sich.
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König & Kaiser Karl V. verfügt die Aufteilung des überseeischen Vizekönigreichs. Im Norden soll Pizarro Neu-Kastilien ausbeuten so wie im Süden Almagro Neu-Toledo. In jedem Fall garantiert der Fürst die Erblichkeit der Ansprüche seiner Gouverneure/Vizekönige. „Die alten Waffenbrüder“ schreibt Blattschneider „nahmen sich kein Vorbild am guten Willen ihres Herrn. Sie wollten wohl im Streit sterben.“
Jedenfalls lassen sie keine Einigkeit zu, als der Grenzverlauf festgelegt werden soll. Morand vermutet, sowohl Planterra als auch Verlaine Longue Èpée, Belalcázar und Alvarado seien Zeugen der Verhandlung geworden.
Pizarro will Cuzco als Hauptstadt für sich. Wie die Germanen nach Seneca, findet er es schmählich, mit Schweiß und guten Worten zu erringen, was sich mit Blutvergießen einrichten lässt. Pizarro hat Staaten in den Staub getreten und ein Jahrhundert in die Schranken gewiesen. Was also will dieser alte Zausel Almargo mit seinem Fuselbart! Den könnte man doch jeder Zeit aus dem Fenster schubsen.
Noch einmal heucheln Feinde Freundschaft. So geschehen am 12. Juni 1535. Zerschmetternd ist die Hitze. Die Luft steht im Palast. Longue Èpée putzt sich die Stiefel diskret mit einem Vorhang. Die Frauengeräusche des Hofes sind gedämpfter als sonst. Der Hof lebt in Angst und Erwartung eines Aufstands. Der amtierende Inka hat sein Volk zu den Waffen gerufen. In einer Ansprache sagte er: „Ich kenne keine Partei mehr. Ich kenne nur noch Peruaner. Darum auf zu den Waffen. Jedes Zögern, jedes Zagen wäre Verrat am Vaterlande.“
So ungefähr. Verlaine hat nur mit einem Ohr hingehört, während seine Aufmerksamkeit von der Fingerfertigkeit einer Kosmetikerin gefangen genommen wurde. Angeblich befiehlt der Großkazike zweihunderttausend Mann.
„Feuer und Flammen für diesen imperialistischen Staat“, schreien die Peruaner.
Verlaine kontrolliert den Zustand seiner Fingernägel. Tadellos ist Dreck dagegen. In diesem Augenblick gerät das Regierungspräsidium unter Brandpfeilbeschuss. Die Pfeile verrichten kaum Schäden, da die Feuerwehr an Ort und Stelle etabliert ist. Es müsste auch noch in der Nachbarschaft gelöscht werden.
„Dürfen wir Leben retten?“ fragt der Feuerwehrhauptmann.
„Sonst noch was?“ fragt der Hausherr angewidert zurück.
Zum ersten Mal findet eine Belagerung der Spanier statt. Nach fünf Monaten geht den Peruanern der Proviant aus. Doch gibt es Neuigkeiten an der Opferzahlenfront. Nun heißt es nicht mehr: „Viertausend Tote, aber von uns war wieder keiner dabei.“
In Lima sterben siebenhundert Kolonisten, das ist herb. Als Verlust von Funktionsträgern. Blattschneider unübertroffen: „Obschon natürlich mehr als zehnmal so viele Indianer fielen.“
Zu den Relationen: Ein Adelantado verpflichtet sich gegenüber dem König für die Krone ein Land gegen den Strich zu bürsten, den fünften Teil der Beute abzudrücken und, darauf will ich gerade hinaus, zwei Siedlungen mit je hundert „Weißen“ zu gründen. Ich versuche es noch mal anders: Es gibt rund vierzig Jahre nach Kolumbus‘ „Entdeckung“ so viele Weiße in den Anden, dass man sie in einer Kleinstadt einsperren kann.
Pizarro und Almagro streiten weiter um Cuzco. Sie streiten mit der Halsstarrigkeit (geistigen Unbeweglichkeit) greiser Anführer. Jeder konnte zu oft seinen Willen durchsetzen und nach Gutdünken über Menschen verfügen. Hinter Pizarro liegen neun Monate Kampf, Almargo hat eine fehlgeschlagene Expedition hinter sich, als dem Schwächeren der Kragen platzt. In der Nacht vom 8. auf den 9. April 1537 überrumpelt Almagro im Verein mit Verlaine und einem Dutzend Gedungener die Pizarrobrüder Gonzalo und Fernando in einem Gewölbekeller des Reuerinnenklosters. Ich will nicht sagen, Almagro und seine Leuten fassten die Brüder in Gesellschaft zockender Nonnen. Aber so hat man mir das zugetragen.
Blattschneider erwähnt „heftige Gegenwehr“, Almagro glaubt, mit einem Handstreich den Streit entschieden zu haben. Er hat schon vorher falsch gelegen als ewiger Zweiter im Wettbewerb mit Pizarro. Sollte er diesmal zu einem Sieg die Voraussetzungen geschaffen haben? Ich kann mir das nicht vorstellen. Den Sieger erkennst du am Start.
Morgen mehr.
08:25 06.01.2016
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