Hessenmeister CXXXII

Peru Die erste Einwanderergeneration empört sich
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Blasco Núnez de Vela

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Bildnachweis: Texas Team Tuschick

Gestern Nachmittag fragte mich ein junger Mann im Schlosspark von Niederschönhausen, warum Japaner Europäer für Barbaren halten. Die Gegenwart formt sich nicht im Versehen. Zunächst aus den üblichen Gründen. Den Japanern des 16. Jahrhunderts stanken die Portugiesen (Südbarbaren) und Engländer (Westbarbaren), das war ungewaschenes, sinnlos behaartes Pack.
Ich freute mich über das Interesse des fluffigen Kerlchens, das sich an einem alten Kinderwagen festhielt und sich als Fußgänger mit Fahrradhelm gefiel. Es hatte geschneit, der Park lag da besonders anmutig.
Bildnachweis: TTT
Schwerer aber wog für die Japaner der Ritterzeit, dass Europäer ihre Gefühle nicht für sich behalten konnten. Unkontrolliertes Verhalten stieß sie ab. Männer ohne Selbstbeherrschung rangierten für Bushi unter jedem anderen Lebewesen. Ein Bushi (Dienender) suchte Verbesserung auch im Zeichnen, in Kalligrafie. Er schrieb Gedichte, achtete Philosophen und kümmerte sich nicht um Psychologie. Bushido bedeutete, auf einen Wink des Herrn hin, rituell sich zu entleiben; nachdem man noch ein Gedicht geschrieben, ein Lied gesungen hatte.
Als der normannische Ritter Verlaine, genannt Longue Èpée, Langschwert, in Peru 1535 die Sache eines Verlierers vertrat, kannte außer ihm kein Europäer japanische Gepflogenheiten. Er hatte sich einem Fürsten gegenüber einsichtig und geschickt gezeigt, einen federnden Kampfstil adaptiert und im Gegenzug, als Gastgeschenk, den Fürsten und seine Elite an der Arkebuse geschult. Sein Gastgeber, der Daimyo Takeda Nobutora, fand die Waffe nicht ehrenhaft, doch nützlich. Ein Ding für die Infanterie – So dachte man damals als kultivierter Japaner. Das Töten mit Feuerwaffen stellte keine Herausforderung dar, das Töten ohne Feuerwaffen allerdings auch nicht.
Man steckte in einem Deutungsdilemma so wie in einem Bürgerkrieg. Man wähnte sich in bewegten Zeiten. Zweihundert Jahre später gab es in Japan ein singuläres Ereignis – das Verbot von Feuerwaffen. Meines Wissens bietet dieser Vorgang das einzige Beispiel, das Technik, die bereits effektiv eingesetzt wurde, dem Verkehr entzogen wird. In den Jahren des Einsatzes hatte man auf die Fitness der Schützen mit speziellen Übungen zumal zur Bewältigung des grandiosen Rückstoßes einwirkt; so wie alles vermessen, ritualisiert, verschult wurde.
Japan hatte das deutsche Problem. Es zerfiel in lauter Fürstentümern. Reichseinigkeit tat Not. Verlaine unterrichtete Takedas Söhne, vor allem den pubertierenden Shingen, dem noch eine wesentliche Rolle in Richtung Zentralisierung der Staatsgewalt zukommen sollte. Nun dient Verlaine dem „Vizekönig“ Diego de Almagro el Viejo. Ich zeige ihn euch an einem sonnigen Sonntagmorgen, er hat gut geschlafen und genießt ein Fußbad und das Handwerk seines Masseurs Eduardo Deuser. In Palastverließen dösen Gonzalo und Hernando Pizarro, die von Almargo festgesetzt wurden. Almargos größter Widersacher, Franz Pizarro, spielt sich als seiner Halbbrüder Hüter auf, er fordert ihre bedingungslose Freilassung.
Almargo verlangt die Hauptstadt Cuzco als sein Eigen. Das großzügige Angebot: „Verzieh dich nach Lima, dann schick ich dir deine Brüder nach.“
Interessant sind die Unterbrechungen der Handfestigkeiten in Begegnungen am runden Tisch. Schiedsrichter Leander Schattig empfiehlt den Einsatz eines Lotsen. Dieser soll eine Gradmessung vornehmen, um herauszufinden, zu welcher Statthalterei Cuzco gehört.
Mich erinnert die Mischung aus Meucheln und Mauscheln an das Verhalten der Eichhörnchen. Das erscheint planlos und von jedem Wind und Halm beeinflussbar. Von höherer Warte wirkt menschliches Verhalten gewiss genauso hin- und hergestoßen. Sklaven servieren Kaffee und Gebäck, die Luft zirkuliert angenehm. Verlaine sitzt nebenan im Vestibül und schickt seine Nägel zur Pediküre. Der Fußdienst macht schläfrig auch den Dienstleistenden.
Verlaine lebt im Überfluss. Männer seines Schlages sind selten und Machthabern unentbehrlich. Man kann ohne Schergen keine Macht ausüben. Man muss jemand losschicken können, der gern grob wird. Ohne deshalb gleich aus der Fasson zu geraten.
Man könnte einen Lehrberuf daraus machen, Berufsschulen einschalten, Volkshochschulkurse anbieten.
Verlaine vernimmt Pizarros Gereiztheit. Im Keller liegt die bucklige Verwandtschaft auf Eis, das treibt den Kleinkönig zur Raserei. Hinter Pizarro steht der alte Leibwächter Picasso P. Ihm tun die Knie weh, er spürt das Wetter in den Knochen.
Seefahrt macht gichtig, das betrifft alle. Alle haben zu viel Magensäure und Heimweh nach einem spanisch-heimatlichen Schweinekoben, den Ferne verklärt.
Leander Schattigs Vorschlag findet breite Zustimmung, ein Lotse soll kommen. Jemand brüllt den Befehl in die Gegend, Verlaine fühlt sich nicht angesprochen. Am Ende vom Lied werden die Verhandlungen vertagt und – deshalb mache ich mir die Mühe, euch das zu erzählen – Almargo gibt seine Trümpfe ohne Gegenleistung aus der Hand.
Ein Treppenwitz der Weltgeschichte. Er lässt die unehelich zustande gekommenen Pizarro-Brüder holen, bietet ihnen eine Flasche Wein zum Ersatz entgangener Freuden an und sieht zu, wie sie mit ihrem großen Bruder Franz abziehen.
Verlaine fragt sich, wie kann man so viel Macht erlangen, da die Dummheit so groß ist.
...
Der Hass könnte so oder so nicht größer sein. Insofern stellt er eine unbeachtliche Größe dar. Pizarro hasst Almargo. Darüber müssen wir nicht reden. Pizarro war jahrelang seinem „alten Waffenbruder“ (Sibelius Blattschneider) immer einen Schritt voraus. Er hatte das Cortés-Konzept kapiert. Marschiere ein, schnapp dir den Chef der Chefs und erklär ihn zur Geisel. So kann man ein mannschaftliches Gefälle von 1:5000 ausgleichen. Cortés hatte seinen Moctezuma, Pizarro hielt sich an Atahualpa. Almagro ging leer aus.
Willi Kammschneider, auch Cornelius K., schreibt unverdrossen: „Almagro bot sich die historische Großchance nicht, die ein Pizarro so vollendet zu nutzen gewusst hatte.“
Almagro steht in Feldherrenpose am Panoramafenster seines Salons, der runde Tisch verwaist in seinem Rücken, und schwelgt in der Illusion, seine Verhandlungsposition nicht bis in einen Abgrund geschwächt zu haben. Verlaine ist sofort klar, was die Stunde geschlagen hat.
„Ich verließ den Palast plötzlich“, schreibt er. „Mir war bewusst, dass mein Herr nicht mehr lange leben würde.“
Almagro reitet aus der Stadt, er folgt seinem Instinkt und kommt richtig an bei den Pizarros.
„Wie kann man nur so blöd sein?“
Francisco P. stellt die Frage dem willkommenen Neuzugang im Hinblick auf Almagro. Verlaine leiht seiner Verachtung zwei Wimpel, mehr gestattet er der Verachtung nicht. Schließlich hat er in Japan gelebt. Er wendet sein Pferd und reitet mit den Daltons zur Entscheidungsschlacht bei Las Salinas. Die Auseinandersetzung datiert auf den 26. April 1538 und endet mit Almagros Niederlage.
Blattschneider schreibt: „Die Rache der Pizarros forderte sein Blut.“
An anderer Stelle: „Stolz und Ehrgeiz waren seine Fehler gewesen.“
„Die Indianer klagten nie gegen ihn wegen Grausamkeit.“
Pizarro stößt Almagros Testament um. Selbstherrlich setzt er die Krone als Alleinerbin ein, um unter der Hand die Werte einzustreichen und aufzuteilen unter den Komplizen. Verlaine verdient gut am Verrat. Er feiert auf der langen Bank im „Roten Ochsen“, sitzend zwischen dem einäugigen Francisco de Orellana und Gonzalo Pizarro. Alle bewundern die Schwertkunst des Normannen. Verlaines japanische Erzählungen sind unglaublich. Jeder liebt ihn – den Verräter. Keiner denkt, was doch jeder denken sollte: Wenn der Almagro zum aufgeschmissenen Mann gemacht hat, was haben wir dann von dem zu erwarten?
Mit Hohn und Häme rückt man gegen Almagros Anhänger vor. Man vertreibt sie aus ihren Häusern, erniedrigt ihre Töchter, bestrahlt die Veilchen vor ihren Haustüren mit Pisse. Pizarro immer vorneweg. Völlig enthemmt.
„Das machte sein Maß voll“, schreibt Blattschneider.
An einem Sonntag im Juni 1541 stürmen die Gedemütigten den Palast des Vizekönigs. Als es hart auf hart kommt, steht Planterra, genannt El Feo, zu seinem Herrn und geht mit in den Tod.
Doch wo steckt Verlaine? Während Pizarro stirbt, flutscht der Sauhund um die nächste Ecke. Seine Spur könnte sich verlieren.
Was habe ich euch gesagt. Man könne keinen Verräter von seiner Krankheit kurieren, behauptet Kammschneider in seinem überflüssigen Spätwerk.
Bereits das Frühwerk war überflüssig. Verlaines Spur verliert sich nicht, er ist dabei, als Spanier zum ersten Mal den Amazonas befahren. Der Fluss hat seinen Namen von den Amazonen. Die europäischen Stromer geraten an Kriegerinnen, denen unbedeutende Männer folgen.
„Sie imprägnieren ihre Klingen und Spitzen mit Gift“, schreibt Francisco de Orellana. „Das Gift gewinnen sie von Fröschen.“
Orellana steht in der Gunst des neuen Statthalters. Cristóbal Vaca de Castro ist vielmehr Beamter als Eroberer. Er wird in Spanien sterben, das sagt alles. Kein Pizarro schafft es vor dem unnatürlichen Tod bis in die alte Heimat.
Zu Castros Aufgaben zählt die Verfolgung des amtierenden Inka, der Mann heißt Cápac. Ihm ist es gelungen, Pizarro zu überleben. Vor dem Hintergrund eines beträchtlichen Verfolgungseifers ist das nichts weniger als eine Kleinigkeit gewesen. Ferner verbessert Castro im Namen des Königs die Lage der ursprünglichen Bevölkerung. Das treibt Kolonisten auf die Palme. Castro sieht sich zur schroffen Durchsetzung der königlichen Verfügungen gezwungen. Die Empörung gegen den Neuen setzt Gonzalo Pizarro an die Spitze.
Castro wird in Ketten abberufen, keine Sorge, das ist ständige Praxis und ändert daran nichts, dass Castro hoch geachtet stirbt, es übernimmt Blasco Núnez de Vela. Der Vizekönig verzockt sich, die Sympathien der spanischen Siedler (wir reden immer noch von der ersten und zweiten Einwanderergeneration) gehören Gonzalo P. 1546 entscheidet sich die Angelegenheit zugunsten der Empörer. Man enthauptet Vela und nagelt seinen Kopf an einen Galgen. Ich sage das nur, damit ihr begreift, mit wie viel Temperament und Liebe zur Sache die Prozesse der Zivilisation in Peru vorangetrieben werden.
Morgen mehr.
10:02 07.01.2016
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