Hessenmeister CXXXIII

Peru Gonzalo Pizarro ist der letzte Konquistador. Mit ihm endet ein Lebensstil auf dem Schafott neuer Ansichten
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Aus Rittern wurden Straßenmusiker

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Bildnachweis: Texas Team Tuschick

Wie führt man ein empörtes Reich zum Gehorsam zurück? Karl der V. schickt Pedro de la Gasca in das spanische Vizekönigtum Peru. Nach dem Tod des Eroberers Franz Pizarro haben sich zwei Statthalter verschlissen. Die Empörten hören auf das Kommando von Gonzalo Pizarro, der einen guten Lauf hat. Als Rädelsführer des Siedleraufstands gegen den humanitären Quatsch der Regierung, der ferne König verlangt eine geregelte Behandlung der ursprünglichen Bevölkerung, tritt Gonzalo P. aus dem Schatten ins Licht der Geschichte. Er köpft Gascas Vorgänger und lässt den Kopf des Verlierers, der Mann hieß Blasco Núnez de Vela, in Cuzco an den Galgen nageln. Sein neuer Gegenspieler ist Jurist und Soldat, auch Theologe und zum Priester geweiht. Ihr dürft ihn euch nicht als wütende Wurst vorstellen. Die Kräfte der Krone werden von den Türken gebunden, Byzanz ist Geschichte, das Osmanische Reich übernimmt die Rolle des Bedrängers der Christen in Europa. Karl regt eine neue Reconquista an, er ist auch Kaiser des Heiligen Römischen Reichs und kann seinen Ideen Geltung verschaffen. Sein Konzept verfehlt den osmanischen Ansatz. Süleyman der Prächtige treibt kein „türkisches“ Heer nach Westen. Vielmehr sammelt er und gliedert ein, wer immer ihm über den Weg durch Europa läuft. Balkanvölker stellen Verbände (um Vorherrschaft in ihren Gebieten zu erlangen). Man muss nicht Muslim sein, um mitmachen zu dürfen. So vermeidet der Padischah Feldzügen immanente Widrigkeiten.
Karl ist so modern nicht wie Süleyman. Sehen wir jetzt, wie es in Karls Neuer Welt weitergeht. Gasca liegt das Zerschlagen von Aufständen im Blut. Schon als Student hat er sich als handfester Royalist bewährt. Blattschneider schreibt: „Als Valencia von Korsaren angegriffen wurde, rettete seine Umsicht die Stadt.“
Hervorgehoben wird, dass Gasca für seine schwierige Sendung keinen Titel forderte, anders als von Kolumbus bis Pizarro jeder „Entdecker“.
Leute, die Gasca gut gekannt haben, halten die Bescheidenheitsarien für zutreffend. Der Mann wollte nichts für sich. Seine Erfolge erwirkte er im Gebet, denn was ist ein Mensch, wenn Gott ihm nicht beisteht.
Woher Zuversicht kommt, ist egal. Ob aus Glaubensfestigkeit oder einer anderen Sorte Standpunktsicherheit. Das erscheint Wankelmütigen oft irrsinnig: wie unbeirrbar Leute ihren Weg gehen, zum Beispiel, weil sie als „ein Werkzeug Gottes“ gar nicht fehlen können.
So einer ist der Pedro. Der fällt als Priester in Peru ein und droht mit einem Buch. Ich sage, Gasca tarnt sich mit Stola und Soutane.
Es gibt eine Bemerkung von Figo de Cervantes, der damals den Isthmus von Panama im Griff hatte und Befehlshaber von Nombre de Dios war, wo die Beute aus den Silberbergwerken alljährlich verschifft wurde. (Die Silberzüge starteten u.a. an einer Stelle, die Pobre Diablo - Armer Teufel hieß. Ich erinnere an Heiner Müller, der sagte: Der Skandal des Holocausts besteht darin, dass er in Europa stattfand. Spanier vernichteten Einheimische mit Arbeit. Unfreiwillig ersetzten Afrikaner die Zerschundenen.) Cervantes meinte, der Gesandte des Königs sei ein Witz, den er Gonzalo Pizarro nicht vorenthalten könne. Vielleicht hatte man sonst nicht viel zu lachen.
Das glaube ich aber nicht. Gonzalo Pizarro macht den Vizekönig, bleibt alles in der Familie. Diego de Almagro, Sohn des ermordeten Diego de Almagro, setzt als Rivale eine Familientradition fort. Alles wie gehabt in geringfügig variierter personeller Konstellation. Das geht dann noch zwei, drei Generationen so und schon ist man eine ganz alte, hoch dekorierte Familie. Man braucht oft nur einen potenten Totschläger am Anfang und am Ende ist man so verfeinert, dass Umgang mit Normalsterblichen nicht mehr möglich ist. Dann lebt man mit einem Taschentuch vor der Nase und sieht aus wie der späte Michael Jackson.
Gasca gewinnt Leute mit dem Gewicht seiner Gründe, sagt die Legende. Der Glaube sei seine Stärke. Das härtet den Verdacht, dass Gasca nach der Devise vorging: Gott hat alle Menschen lieb, mich hat er lieber.
Das sind mir die Liebsten, machen auf bescheiden und halten sich für auserwählt. Und wehe, du willst sie von ihrem Holzweg abbringen. Dann fangen die an rückwärts Rad zu fahren und laufen vermummt durch die Gegend. Ist Vermummung immer noch passive Bewaffnung? Ich guck jetzt nicht nach, Pizarro bietet Gasca Geld für Passivität. Über die Summe müssen wir nicht streiten, zwei oder drei Millionen, das waren im 16. Jahrhundert Oligarchenpeanuts. Der Bestechungsversuch entbindet Gascas Gestaltungsdrang.
Blattschneider niedlich: „Er brachte mit seinen Briefen und Gesandten die Städte Quito, Cuzco und Lima zum Gehorsam.“
Mit seinen Briefen und Büchern. Was kommt als nächstes? Mit Tanz und Gesang? Ich gehe zu Bett mit der Vorstellung, in Wahrheit hebt Gasca Truppen aus und zwingt die Bürgermeister auf die Knie. Ich wache mit der Vorstellung habe, es ist so (gewesen) wie Blattschneider schreibt. Gasca schickt Briefe und Abgeordnete herum. Er macht den Entscheidern die Konsequenzen ihres Ungehorsams klar. Er feilscht für eine gute Sache. Er nimmt die Erklärungen der Königstreuen entgegen. Auf einer Seereise überfällt ihn ein Orkan, der Kapitän will wenden, Gasca sagt schlicht: „Zu sterben bin ich bereit, nicht aber umzukehren.“
Eine Quelle paart „unglücklich“ – das Gefecht verlief unglücklich – mit „unentmutigt“.
Anfang April 1548 treffen sich Truppen bei Xaquixaguana. Gasca betet das feindliche Heer nieder. Es ergibt sich den frommen Wünschen eines zukünftigen Bischofs. Ich wollte das erst auch nicht glauben. Gonzalo Pizarro hat bis dahin so viele richtige Personalentscheidungen gefällt. Nun sitzt er im Eimer.
Die Überläufer werfen sich vor dem neuen Vizekönig in den Dreck.
„Das war ein erbärmlicher Anblick“, schreibt Verlaine. Zum ersten Mal hängt er seine Fahne nicht in den Wind.
„Pizarros Getreue zerstreuten sich“, heißt es bei Blattschneider.
Verlaine: „Am Ende waren wir sieben Mann, nicht mehr als eine Bande, die man irgendwo hängen würde.“
Der Plural schloss ihn aus. Verlaine Longue Èpée überliefert weiter: „Er (Gonzalo Pizarro, immerhin Vizekönig von eigenen Gnaden) fragte mich, was zu tun sei. Ich entgegnete: Lasst uns sterben wie die Römer.“
Pizarro findet sich dazu nicht bereit. Er ergibt sich Gasca nach Tages des Herumirrens. Vogelfrei nach Jahrzehnten der Selbstherrlichkeit.
Es heißt, Pizarro ergibt sich Gasca. In Wahrheit greift man ihn auf. Nicht an. Der alte Sack ist so zermürbt, dass man ihn einpacken kann. Man streichelt sein Pferd am Hals, übernimmt die Zügel. Verlaine guckt sich das aus sicherer Entfernung an. Er denkt, erledigt sich doch alles von selbst.
Ja, wo Aas ist, da sind auch Geier und dienen der Hygiene. Gonzalo Pizarro ist der letzte Konquistador. Mit ihm endet ein Lebensstil auf dem Schafott neuer Ansichten.
„Ihr Werk war Frevel“, schreibt Blattschneider. Er meint die zwei Generationen anmaßender Schweinehirten, deren kleinadeligen Väter Mägde zu ihren Müttern bestimmt hatten. In Spanien chancenlos, waren sie über „Westindien“ hergefallen, um einen Kontinent zu pflügen.
Gonzalo Pizarro kennt die Höllen auf Erden, er fürchtet sich nicht. Der Tod kommt als Erlösung.
„Ihm war die Kraft ausgegangen“, schreibt Verlaine. Pizarro sei dem Priester (Gasca) dankbar für die Abkürzung gewesen.“
Gonzalo Pizarro glaubte wenig an den Himmel. Er bezweifelte, dass die Missachtung des Menschen durch den Menschen mit einer Aufsicht verbunden ist.
Morgen mehr.
09:41 08.01.2016
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