Hessenmeister CXXXIV

Peru Kolonialgeschichte als pulp fiction, die Anden gerockt - Auf den Ruinen des Inkareiches verging ein spanisches Vizekönigreich
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Gesehen in Rouen
Bildnachweis: Texas Team Tuschick
Reinheit der Absichten. Das liest man oft. Willi Kammschneider überschlägt sich: Nach den „goldgierigen Konquistadoren“ kam die Reinheit der Absichten. „Um nicht mit der Annahme von Geschenken einen Schatten auf die Reinheit seiner Absichten fallen zu lassen, (kehrte) Gasca arm nach Spanien zurück.“
Wer in der letzten Stunde nicht geschlafen hat, kennt die engelsgleiche Wirkung des „Priesters im Waffenrock“, den der spanische König zur Befriedung seiner amerikanischen Kolonie eingesetzt hatte. Pedro de la Gasca betete mit seinen Feinden und hielt sie an, als Christen zu sterben. Das bedeutete, im Werk des Scharfrichters Gutes zu erkennen.
Mit den Konquistadoren war die Gesellschaft Jesu nach Peru gekommen. Seither sind hundert Jahre ins Land gegangen. Gutmeinende (Blattschneider spricht von „den Vornehmen in Quito“) schenkten den Missionaren 50.000 Goldstücke, die in den Mühlen „der Missionstätigkeit“ aufgebraucht werden. An der Spitze der „Gesellschaft“ steht Nikolaus Ovale, eine Art Rocker des Herrn. Die Reinheit seiner Absichten ist unbestreitbar. Er handelt mit Gott auf Erden seinen Platz im Himmelreich aus. Er betet ihm vor, was er alles tut für die fast verlorenen Seelen „der Eingeborenen“. Er erzieht eine Generation ehrgeiziger Halbspanier. Das ist eine Klasse für sich. Sie steht über anderen Kombinationen. Ihre Inferiorität im Verhältnis zu „blutreinen“ Spaniern wird tragisch empfunden.
Die Spanier haben ihre legitimen Söhne von spanischen Importbräuten. Dieser Nachwuchs wird den gemischten Halbgeschwistern vorgezogen. Trotzdem hat es etwas zu bedeuten, Halbspanier oder sogar Halbedelspanier zu sein. Auf einer Skala der Reinheit von eins bis zehn ist jeder Halbspanier eine Zwei. In der Schule kann jeder Zweite Erster werden. Viele bombastische Unterschriften und Vertragstexte haben etwas mit solchen Dressuren zu tun.
Ovale „verlangt nichts für sich“, um die Reinheit seiner Absichten nicht zu gefährden, er setzt nur eine Legion effektiver kolonialer Interessenvertreter in Gang. Ovale diktiert „seine Gedanken“, dass man nach ihm ein Schema F hat. Hieronymus de Vargas kommt zum Diktat, der Lehrer und sein Schüler sehen sich täglich. Das ist auch eine keusche Liebesgeschichte, der Transfer von Wissen im Druckbetankungsstil ist Fest & Abenteuer.
Ovale und Vargas verehren die „Lilie von Quito“, eine charismatische Mystikerin „spanisch-aristokratischer Herkunft“ (Blattschneider). Mariana de Parédes y Flores ließ sich von Jesuiten leiten. Sie verweigerte den Schlaf zugunsten der Buße. Sie kasteite sich über jedes Maß. 1645 rang sie mit der Pest zu Quito. Die Seuche eiferte um die Wette mit einem Vulkanausbruch und einem Erdbeben. Die Lilie bat Gott, Quito zu beruhigen. Blattschneider schreibt: „Mariana erkrankte bald nach ihrem Gebet, da schlich sich die Epidemie gebeugten Hauptes aus der Stadt. Das Erdbeben hatte ein Einsehen und der Vulkan sattelte auf Spucknapf um.“
Vargas steigt auf, bis zu den „Grenzen des ewigen Schnees“ im Zuge seiner Missionstätigkeit. Er führt „Entlaufene (aus Fiebertälern) zurück“, verstärkt von „übernatürlichem Beistand“. Belegt ist von Blattschneider Vargas` „Gabe der Sprachen, so dass die Indianer seine Predigten verstanden, obschon er spanisch zu ihnen redete“.
Vargas ist endlich Vertrauter des Bischofs von Lima. Ein Superjob mit hohem Stressfaktor. Immer noch kämpft die Kirche gegen solche Kolonisten, die Nicht-Weiße auf eine Stufe mit ihren Maultieren stellen. Das ist nicht nur eine Dünkelsache. Vargas setzt Bestimmungen zum Schutz „der Indianerfreiheit und der religiösen Rechte von Negersklaven“ durch. Er legt sich zu Verpesteten ins Bett und erzählt ihnen von der hl. Rosa, bürgerlich Isabella Flores, die sich ihren Eltern widersetzte, indem sie sich zu dauerhafter Jungfräulichkeit entschloss. Sie stellte eine Hütte in den Garten der Eltern und geißelte sich darin von früh bis spät. Die Haut verbrannte sie sich mit ungelöschtem Kalk.
„Herr, vermehre mein Leiden, aber auch meine Liebe“, betete sie. Dem Hüttenbau folgte die Errichtung des Klosters „der Katharina von Siena“. Rosa ging in die Krankenpflege und starb als Heilige.
Blattschneider rühmt „die liebliche Gesichtsfarbe der Gesegneten.“ Sie rühre von Prozeduren mit der Rinde des „indianischen Pfeffers“.
„Als ihren Hauptfeind erkannte Rosa die ungeordnete Eigenliebe und erklärte ihr einen unerbittlichen Krieg. Demut, die vollkommene Verleugnung des eigenen Willens und kindlicher Gehorsam …“
Und so weiter.
„Da man Rosa mit Heiratsanträgen verfolgte, obwohl sie ihrem Heiland durch das Gelübde ewiger Keuschheit verlobt hatte (ja, verlobt steht hier, ich kann es doch auch nicht ändern) floh sie endlich in das Kloster der Dominikanerinnen.“
Die Rose von Lima, die Lilie von Quito, 1820 separierte sich unter Antonio José de Sucre und Simón Bolívar das nördliche Peru um Quito und fand Anschluss in Kolumbien, das Neu-Granada hieß und größer war als heute. Es entriss sich 1831 dem Bund und wurde Ecuador. Blattschneider: „Zu Ecuador gehört die merkwürdige Gruppe der Galapagosinseln, welche 1200 Kilometer von der Westküste entfernt unter dem Äquator liegt. Kegelberge schroffen, wo sie nicht ragen. Lava ist ihr Elixier, Kratern gehört ihre Leidenschaft. Krötige Viertonner geben der Gruppe ihren Namen.“
Willi (Sibelius) Blattschneider traf Charles Darwin in jenem von grüngrauen Wogen gekosten Gebiete. Der Geist von W.A. Cowley erwachte vom Mittagsschlaf und machte sich über die Kormorane vor Ort lustig, die ihre Flugfähigkeit verloren hatten, weil keine Feinde am Start waren.
„Wie kann man nur seine Flugfähigkeit aufgeben. Für mich ist das Faulheit und sonst gar nichts. Guckt euch die Gurkentruppe an, von denen ist doch einer hässlicher als der andere. Ich sage euch, faul und hässlich hängt zusammen“, belehrte der alte Geist die jungen Männer. Später mehr zu diesem Thema.
Die Inselgruppe wurde von Bukaniers, Walfängern und Sträflingen genutzt. Viele hatten gute Gründe das Festland zu verachten.
Im August 1837 erreichte Blattschneider den Fuß des Chimborazo, wie fünfunddreißig Jahre zuvor Alexander von Humboldt. Blattschneider stieg ein ordentliches Stück den Berg hinauf, wegen der Aussicht. Kein Ehrgeiz trieb ihn. Auch war er gern allein guter Dinge.
Blattschneider berichtet von „seit Menschengedenken untätigen Feuerspeiern“ in der Nachbarschaft des Chimborazo. Er schlug sein Lager in frischer Höhe auf, tief unter ihm weideten Lamas. Blattschneider schrieb im Mondschein das Gedicht: „Oh Chimborazo“. Es hebt an in der Zeile: „Okay, du bist alt“. Es wurde zu einem Klassiker der Romantik. Als Blattschneider am nächsten Morgen talwärts ausschritt, sah er seltsame Frauen. Sie hampelten durch die Pampa. Offensichtlich waren sie krank & bösartig so doch von unterschiedlichem Wuchs. Die eine war fast fein und herausgehoben in linder Größe, die andere war aber klein und grob. Und eher so wie die Grobe waren mehrere. Jetzt sah Blattschneider in sich lichtendem Nebel krumme Gestalten, die offenbar die Frauen (und Übles gewiss im Schilde) führten.
Blattschneider drückte seinen Hut fest auf, er fürchtete, die Verworfenen könnten Ausgestoßene eines in Isolation inzüchtig gewordenen Stammes sein. Vielleicht hatten sie etwas Schreckliches getan oder eine Krankheit hatte es dem Häuptling zur Notwendigkeit gemacht, die Bande von der gesunden Mehrheit fern verkehren zu lassen. Blattschneiders Argwohn wuchs.
Welche Aufgabe kam den Männern am Saum der Burleske zu? Sollten sie die Frauen auf eine Alm des Chimborazos treiben? - Um sie weit genug weg zu wissen vom guten Stamm.
Zum Argwohn des Bergsteigers gesellte sich Ratlosigkeit. Noch wurde Blattschneider von erheblichem Abstand zu dem Umzug gesichert. Er seufzte. Was, wenn da extreme Anthropophagen im Anmarsch waren?
Blattschneider beschloss, sich vor den Menschenfresserinnen zu verbergen. Er wählte eine skulpturale Reihe von Steindauben zur Deckung. Die Anordnung identifizierte Blattschneider als sakral. Sie überstanden Dolme, die in ein natürliches Amphitheater gesetzt worden waren.
Blattschneider grub sich ein. Er fühlte sich sicher in der Erde. Nun fand er zurück zu seinem Programm. Er schloss die Augen, um seine Sinne zu schärfen.
Die Menschenfresserinnen erreichten vor ihren Aufsehern die neolithischen Artefakte. Die Aufseher mussten sie ermahnen, Blattschneider verstand nicht warum. Ob sie je einen Europäer gesehen hatten? Jedenfalls standen sie unter Drogen. Die Männer bewegten sich mit abgewandten Gesichtern. Sie tanzten gegen Bäume und Felsen, während ihre Leidensgefährtinnen mit wachsender Expression im Kreis sich bewegten, zu den Aufforderungen einer Trommel. Argonaut Blattschneider machte die Linde zu seiner Parthenope, um mit Mut im Beat zu bleiben.
Morgen mehr.
10:19 09.01.2016
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